Türenschlagen, Rumschreien, Dauergezeter: So stellen sich Eltern die Pubertät ihrer Kinder vor. Aber was ist los, wenn Tochter oder Sohn mit 16 ­immer noch nicht rebellieren? Haben die Eltern vielleicht etwas falsch gemacht und verhindert, dass ihre Kinder selbständig werden? Das fragt sich auch die Mutter der 16-jährigen Marlen: «Wir können meist vernünftig reden. Meine Tochter benimmt sich schon so erwachsen, dass es mir manchmal Angst macht.» Als sie in Marlens Alter war, sei sie nächtelang um die Häuser gezogen. Ihre Eltern seien damals fast verzweifelt.

Weniger wild, aber ebenso verunsichert

Die Pubertät hat viele Gesichter. Psychologen schätzen, dass mindestens ein Drittel, vielleicht gar die Hälfte aller Jugendlichen keine erbitterten Kämpfe mit den Eltern führen. Kein Schulschwänzen, keine Streitereien wegen zwielichtiger Kollegen, kein banges Warten, bis um Mitternacht endlich die Tür ins Schloss fällt und das Kind ins Zimmer wankt. Trotzdem sind auch bei den «Pubertät light»-Jugendlichen sehr wohl Veränderungen erkennbar.

Wie bei allen Heranwachsenden führen auch bei ihnen die massiven hormonellen Umwälzungen zu Verunsicherungen. Auch sie sind auf der Suche nach der eigenen Identität, wobei laut einer Studie der Universität Jena Mädchen meist dann eine «leisere» Pubertät durchleben, wenn sie nicht zu früh pubertieren. Sind sie älter, ist ihre Entwicklung etwas fortgeschrittener, und sie können Veränderungen im und am eigenen Körper besser einordnen.

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Anderswo Dampf ablassen

Es gibt Jugendliche, die bereden alle Pro­bleme im Kollegenkreis. Auf die Frage, ob Marlen denn viele Freundinnen habe, entfuhr es der Mutter sofort: «Mega viele», und immer stecke sie mit denen zusammen. Da wird klar: Marlen braucht keine Kämpfe mit den Eltern. Höhen und Tiefen lebt sie in der Clique aus.

Andere bündeln all ihre Kräfte auf ein Hobby. Beim 17-jährigen Lukas ist es Basketball. Dreimal die Woche Training, am Wochenende Spiele in der Liga. Da bleibt keine Zeit, mit den Eltern rumzuzoffen. Nur die Frage, wer ihn zum Training fährt und wieder holt, gibt Anlass zu Streitig­keiten. Dass er keine Zeit für seine Hausämtli hat, sehen ihm die Eltern nach. Sie sind stolz auf ihren Lukas und froh, dass die Pubertätskämpfe ausbleiben.

Andere Jugendliche wieder ziehen sich zurück, erzählen nichts mehr, machen die Pubertät quasi mit sich alleine aus. Das ist nicht beunruhigend, solange sich Hobbys, Aussehen, Essgewohnheiten sowie ihr Verhalten in der Familie nicht extrem verändern. Nur falls das der Fall ist, ist eine psychologische Beratung ratsam.

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Die Sorge, dass die «Leisen» ewig das Hotel Mama geniessen würden, ist unbegründet. Sie entwickeln sich genauso zur Selbständigkeit hin wie die «Lauten». Zudem liegt die Ursache weit vor der Pubertät, wenn sich Kinder nicht vom Elternhaus lösen wollen. Meist spielen dann dafür Verhaltensweisen wie eine frühe starke Bindung an die Mutter oder andere Erfahrungen im Kleinkindalter eine Rolle.

Da Marlen schon jetzt ihr Studium plant und es für sie ganz klar ist, dass sie dann mit ihrer Freundin Sabrina zusammenziehen will, erübrigen sich alle trüben Gedanken. Zweifellos wird sie sich zu ­einer selbstbewussten Frau entwickeln.