«Geh nie mit Fremden mit!» Der Satz ist seit unserer Kindheit tief in uns verankert. Sobald wir selber Eltern werden, kommt die Mahnung erneut hoch – mit der Angst, unser eigenes Kind könnte verschleppt oder misshandelt werden.

Dass insbesondere sexuelle Übergriffe für Opfer ein lebenslanges Leiden verursachen können, ist bekannt. Und dass Kinder nichts mit Fremden zu tun haben sollten, ebenso. Dabei verdrängen wir aber gern, dass nur ein Drittel dieser Übergriffe von «Fremden» verübt wird. Der grösste Teil passiert im näheren Verwandten- und Bekanntenkreis. Meist wird das Kind dabei durch Drohungen oder subtile Einschüchterungen zum Schweigen gezwungen. Da es vom Täter emotional abhängig ist, traut es sich nicht, die Beziehung zu gefährden.

Daher sollten Kinder stark gemacht werden, um Belästigungen als solche wahrzunehmen und gewappnet reagieren zu können. Ein Kind braucht deshalb jemanden, dem es sich bedingungslos anvertrauen kann. Und das nicht erst, wenn ihm Gewalt angetan wurde. Sondern auch bereits, wenn die teure Vase heruntergefallen ist. Es sollte darauf zählen können, dass Sie ihm ruhig zuhören, ihm Hilfe für eine Lösung anbieten. Ist dieses Vertrauen da, wird es viel eher berichten, wenn es von jemandem «komisch» berührt wurde.

Reden Sie mit Ihrem Kind darüber, welche Art von Körperkontakt es als (un-)angenehm empfindet. Stärken Sie es darin, bei einem «komischen» Gefühl «Stopp!» zu sagen. Vermitteln Sie ihm altersgerecht, dass es über seinen Körper selber bestimmen darf und dass auch Erwachsene kein Recht haben, sich ihm aufzudrängen. Erklären Sie ihm, dass es zweierlei Geheimnisse gibt: gute und schlechte. Und dass das Weitererzählen von Letzteren nichts mit Verrat zu tun hat.

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Den eigenen Empfindungen trauen dürfen

Auch Selbstverteidigungskurse sind eine gute Möglichkeit, Kindern im Schulalter beizubringen, sich Gewalt zu widersetzen. Sie lernen dort, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden, stärken die Selbstbehauptung und üben schützende Verhaltensweisen. Für manche ist dies die erste Erfahrung überhaupt, sich wehren zu dürfen.

Der wohl wichtigste Schutz vor Übergriffen aber ist ein gutentwickeltes Selbstvertrauen. Das kann ein Kind schon von klein auf trainieren. Dann nämlich, wenn es seine Bedürfnisse und Gefühle kundtun kann und sein Nein ernst genommen wird. Wenn das Kind den Teller nicht leer essen will oder der Tante partout keinen Kuss geben möchte – trotzt es dann einfach, oder sind vielleicht die Anstandsregeln veraltet? Es ist für Erziehende eine Gratwanderung, jede Situation richtig einzuschätzen. Doch weil es für ein Kind existentiell wichtig ist, seinen Empfindungen trauen zu können, sollten Eltern mit diesen Wahrnehmungen sensibel umgehen.

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Wenn Sie Ihrem Kind also zugestehen, sich auch mal Ihren Anweisungen zu widersetzen, oder wenn Sie es öfter selber entscheiden lassen, schützen Sie es indirekt. Mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen wird es sich besser wehren können, wenn andere seine Gefühle missachten. Selbstbewusste Kinder sind starke Kinder – auch wenn sie für die Erziehenden zuweilen etwas anstrengend sein mögen.

Buchtipp

Pro Familia: «Mein Körper gehört mir!», Illustrationen von Dagmar Geisler; Loewe-Verlag, 2002, 36 Seiten, Fr. 14.90 (Altersempfehlung: 5 bis 7 Jahre)