Beobachter: Weshalb gibt es ein so grosses Bedürfnis nach Anleitungen zum Erziehen?
Heidi Simoni: Ich glaube, es ist eher ein Bedürfnis nach Orien­tierung und Austausch. Vielen heutigen Eltern fehlt die Vertrautheit mit kleinen Kindern. Sie sind in Kleinfamilien aufgewachsen, Erfahrungen mit Kindern sehr unterschiedlichen Alters konnten sie nicht selbstverständlich machen. Sie haben dafür Lebenserfahrung und machen sich deshalb auch eher Gedanken darüber, was alles schiefgehen kann. Viele dieser Eltern sind stark ergebnis­orientiert.

Beobachter: Woran liegt das?
Simoni: Ältere Eltern wurden die letz­ten 20 Jahre ihres Lebens durch die Arbeitswelt sozialisiert. Dort zählen Leistungen und Resultate. Das Elternsein stellt ganz andere Anforderungen. Die Zeit tickt anders, in einem anderen Rhythmus. Eltern müssen organisiert, konzentriert und trotzdem spontan und fle­xibel sein. Das ist eine Umstellung, die verunsichern kann.

Beobachter: Kinder entwickeln sich sehr ­individuell. Wie sinnvoll sind standardisierte Elternkurse?
Simoni: Gewisse Dinge lassen sich in Kursen rezeptartig lernen, aber nur wenn bereits ein gewisses Verständnis für das Erleben und Verhalten eines Kindes vorhanden ist. Kurse, in denen Kenntnisse und Grundbotschaften zur Orientierung vermittelt werden, erachte ich als hilfreich. Wichtig ist auch, zu verstehen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt. Ich bin sehr skeptisch gegenüber Programmen,
in denen eine bestimmte Methode zum Königsweg erklärt wird. Letztlich geht es immer darum, Kinder individuell zu begleiten und eine positive Beziehung miteinander zu entwickeln.

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Beobachter: Wäre es nicht besser, einfach mehr aus dem Bauch heraus zu erziehen? Früher hat das ja auch gereicht.
Simoni: Früher wurde vieles in der Gemeinschaft weitergegeben. Mütter, Grossmütter standen mit Rat und Tat zur Seite und übten eine gewisse Kontrolle aus. Es war alltäglich, Kinder um sich zu haben und Erfahrungen zu sammeln. Es geschah also auch damals nicht aus dem Bauch heraus.

Beobachter: Sollten Erziehungskurse im Sinne eines «Eltern­führerscheins» Pflicht sein?
Simoni: Nein, davon halte ich nichts. Kinder brauchen jedoch unbedingt wieder einen gebührenden Platz. Es gibt einen ge­sellschaftlichen Widerspruch: Einerseits werden Kin­der gehätschelt, geschützt und projektiert, anderseits sind sie öffentlich fast exotisch, und das Leben mit ihnen gilt in erster Linie als anstrengend. Wichtige Themen zum Zusammenleben zwischen den Generationen, zum Leben von Kindern und mit Kindern gehören bereits in die Schule. Elternkurse können sinnvoll sein, um sich mit Fachleuten oder mit anderen Eltern über Erfahrun­gen und Unsicherheiten aus­zutauschen und sich gewisse Kenntnisse anzueignen.

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Beobachter: Ist es nicht so, dass es bei ­vielen schon zum guten Ton gehört, einen Erziehungskurs besucht zu haben?
Simoni: Ja, Kurse und Erziehungsprogramme sind tatsächlich ein Mittelschichtsphänomen.

Beobachter: Sind das die richtigen Eltern?
Simoni: Es gibt nicht die Richtigen oder die Falschen. Es ist vielmehr eine bestimmte Schicht, die solche Kurse besucht. Man müsste sich also überlegen, was Eltern für den Austausch brauchen, die in anderen Lebensumständen leben.

Quelle: Marie Meierhofer Institut
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Heidi Simoni ist Psychologin. Sie ist spezialisiert auf die frühe Entwicklung von
Kindern. Seit 2007 leitet sie das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich.