Ordnung muss sein. Dem stimmt Julia Nentwich, Organisationspsychologin an der Universität St. Gallen und Mutter dreier Kinder, durchaus zu. Allerdings würde in der Krippe etwas weniger davon auch reichen, sind sie und ihr Team überzeugt. Drei Jahre lang durchleuchteten die Forscherinnen im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms zur Gleichstellung der Geschlechter 20 Kinderkrippen. Die Interviews mit Krippenper­sonal und Videobeobachtungen zeigen: Strukturen und Verhalten der Betreuerinnen orientieren sich häufig «am Vorbild der guten Hausfrau».

Kinder fördern, nicht bloss hüten

Konkret: Die Tage sind stark strukturiert, viel Zeit wird für Rituale, Mahlzeiten, Händewaschen, Wickeln und Aufräumen verwendet. Das verunmöglicht den Kindern, ausgiebig und länger am Stück zu spielen. «Dabei weiss man heute, dass dieses freie Spiel enorm wichtig ist für die Entwicklung des Kleinkinds», sagt Julia Nentwich. Kinder sollten sich in der Kita entfalten und entwickeln können.

Dieser Meinung ist auch Talin Stoffel vom Verband Kinderbetreuung Schweiz, Kibesuisse: «Noch herrscht teilweise die Sicht vor, Krippen müssten Kinder einfach gut behütet abends wieder den Eltern abgeben. Das war auch lange der einzige Anspruch an die Hütedienste.» Nun würde frühkindliche Bildung aber immer be­deutender. Entsprechend brauche es klare pädagogische Ziele.

Auch darum schuf der Verband mit der Jacobs Foundation letztes Jahr das Qualitätslabel QualiKita. Das Bewusstsein sei bei den Kita-Leitungen da, «aber die Umsetzung benötigt Zeit und Ressourcen». Derzeit bestehe «definitiv noch viel Handlungsbedarf». Die Forscherinnen raten den Kitas, den Tagesablauf ordentlich zu entrümpeln. Rituale wie regelmässige Singkreise sollten überdacht und freies Spielen, Bewegung und individuelle Betreuung in den Fokus gerückt werden. «Eine Betreuerin darf sich ruhig zehn Minuten mit einem Kind, das versucht, die Schuhbändel richtig zu binden, beschäftigen – auch wenn das Singen im Nebenzimmer bereits begonnen hat», sagt Organisationspsychologin Nentwich.

Zeit für mehr Spiel lasse sich auch schaffen, indem man abends nicht alles wieder an den «richtigen» Ort verräume. «Die Puppen, die nach Einschätzung vieler Betreuerinnen in die Mädchen-Ecke gehören, dürfen auch zwischen Autos und Bauklötzen im männlich konnotierten Bereich der Krippe übernachten», so Nentwich. Die so entstehende «Unordnung» habe auch den Effekt, dass die Kinder nicht konstant mit geschlechtsstereotypischen Situationen konfrontiert würden.

Denn die «hausfrauliche Weiblichkeit» widerspiegelt sich laut den Forscherinnen auch in der Ausstattung der Kitas. Waschmaschine, Bügelbrett, viele Stöckelschuhe, Handtaschen, aber keine Bohrmaschine, keine Männerkleider, nur selten Werk­bänke oder Orte zum Experimentieren. Das schränke Mädchen wie Jungen ein.

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Alte Rollenbilder halten sich eisern

Die Befragungen ergaben, dass die Krippenangestellten eigentlich keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen machen wollten und um die Wichtigkeit von freiem Spiel und Bewegung wissen würden. Doch im Alltag ergaben die Beobachtungen und Videoaufnahmen ein anderes Bild: Die Betreuerin fragt das Mädchen, ob es die Servietten mit Schmetterlingen oder jene mit Kätzchen will. Die mit den Piraten bleiben den Jungs vorbehalten. Der gleiche Betreuer, der im Interview sagte, Bewegung sei elementar, spielte meist am Tisch sitzend, beschreibt Nentwich die angetroffenen Situationen. Die Kinder würden häufig ermahnt, nicht zu toben und leiser zu sein. «Erst im Wald heisst es: ‹Jetzt dürft ihr herumrennen.›»

Die Forschungsresultate sollen nun den Weg zurück in die Krippen finden. Ein Forscherteam mehrerer Hochschulen wird bald Kitas coachen, die wegwollen vom Hausfrauenbild und sich vor Unordnung nicht scheuen.

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