Plaudernd sitzen einige Mütter in der Spielecke eines Zürcher Quartiertreffs, während ihre Knirpse friedlich um die Stühle herumtollen. Plötzlich krallt der 22 Monate alte Tobias grinsend seine Finger in die Haare eines jüngeren Knaben. Tobias’ Mutter, Petra Surber (Name geändert), eilt herbei, packt ihn am Handgelenk und sagt: «Hör sofort auf!» Die Mutter des angegriffenen Jungen kommt hinzu, reisst Tobias an den Haaren, bis dieser ihren weinenden Buben loslässt, und schreit: «Erzieh deinen Sohn besser!» Aufgewühlt und mit ihrem verstörten Kind im Arm verlässt Surber sofort den Treff.

Die 31-jährige Mutter möchte anonym bleiben, weil Tobias immer wieder Knaben und Mädchen angreift. In Spielräumen oder am Sandkasten sitzt sie deshalb stets auf Nadeln. Sie leidet unter dem Verhalten ihres Sohnes und den Reaktionen der anderen Mütter. Meistens wird Petra Surber vorwurfsvoll angeschaut oder gemieden. Sie selber isoliert sich zunehmend. «Ich breche den Kontakt mit Müttern ab, bei denen ich spüre, dass sie mit dem Verhalten meines Sohnes Mühe haben.» Als Tobias vor zwei Monaten auf ein Baby losging, rief Petra Surber verzweifelt beim Elternnotruf an. Seither wird sie von einer Psychologin begleitet.

«Niemand kann etwas dafür»
Eigentlich ist Tobias ein aufgeweckter Junge, der sich nicht anders verhält als viele in seinem Alter. «Jedes zehnte Kleinkind», schätzt Regina Scherer, Mütter- und Väterberaterin der Stadt Bern, «schlägt, beisst oder zieht andere Kinder an den Haaren.» Dabei gebe es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede: Es sind sowohl Knaben als auch Mädchen, die aggressives Verhalten an den Tag legen. «Eltern dürfen froh sein, wenn ihr eigenes Kind das nicht macht», sagt Scherer. «Niemand kann etwas dafür.»

Ein Sandkasten-Rambo war auch der zweijährige Raphael aus Winterthur. Betrat ein anderes Kind den Spielplatz, schubste er es auf den Boden. Verkroch es sich im Holzhaus, trottete er hinterher und riss es wortlos an den Haaren. Danach spielte Raphael unbekümmert weiter. Seine Mutter, Barbara Heuberger, 44, sass immer auf einer Bank in der Nähe. «Anfangs hoffte ich, die Kinder würden den Konflikt untereinander regeln und vielleicht auch einmal zurückschlagen.» Zu ihrem Erstaunen geschah das nie. Mit der Zeit stellte sie Raphael nach einer Attacke jeweils in eine Ecke und sagte bestimmt: «Der Kinderspielplatz gehört allen.» Ihr unaufgeregtes Eingreifen zeigte Wirkung.

Viele Eltern fühlen sich überfordert und schuldig, wenn sie mit den Aggressionen ihrer Kinder konfrontiert sind. Der Elternnotruf kann sie beraten. Anna Flury Sorgo, dort Fachpsychologin für Psychotherapie, sagt: «Aggressives Verhalten von unter zweijährigen Kindern ist keine Folge falscher Erziehung, sondern eine Frage des Temperaments.» Viele Eltern reagieren wütend, einige schlagen sogar zurück. Eltern sollten jedoch nicht schreien, schimpfen oder Gewalt anwenden - und schon gar nicht bei fremden Kindern. «Das wäre ein Übergriff», erklärt Flury Sorgo vom Elternnotruf.

Ähnlich argumentiert auch Heidi Simoni, Leiterin des renommierten Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind (MMI): «Alle Kleinkinder unter drei Jahren erforschen andere Kinder handgreiflich und kommunizieren schlagend und schubsend miteinander.» In diesem Alter können Mädchen und Knaben ihren Überschwang oft nicht dosieren. Meist sind es Begeisterung und Neugier, die sie dazu antreiben, andere Kinder zu stossen, an den Haaren zu reissen oder ihnen die Finger in die Augen zu bohren. Sie sind fasziniert von deren Reaktion und lachen dabei. «Diese Aggression ist nicht feindselig. Es ist eine Ausdrucksmöglichkeit für unter Zweijährige.»

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Aggressionen nehmen mit dem Alter ab
Kleinkinder können auch zuschlagen, wenn sie eingeengt oder beim Spielen gestört werden. Frustration und Spannung entstehen zudem, wenn Kinder sich nicht so ausdrücken können, wie sie möchten. Deshalb nimmt aggressives Verhalten im Alter von etwa eineinhalb Jahren vorübergehend zu. Die Kinder würden gerne etwas sagen, aber die Worte dazu fehlen noch. «Das bringt sie in Not. Unbeholfenheit und Ungeduld machen sie aggressiv», so Simoni.

Viele Eltern befürchten aber, dass ihr Kind bereits auf der gewalttätigen und schiefen Bahn ist, wenn es sich so aggressiv verhält. «Diese Angst sitzt tief», sagt MMI-Leiterin Heidi Simoni. «Es hilft den Kindern aber nicht, wenn sie derart missverstanden und zu Unrecht abgestempelt werden.»

Auch Yvonne Müller, 39, plagten eine Zeitlang schaurige Visionen. Ihr Sohn Laurin, 21 Monate alt, biss Kinder ins Gesicht. In Müller keimte das Gefühl, ein gefährliches Kind zu haben. Sie fürchtete, er werde als Jugendlicher ein Schläger und ihr auf der Nase herumtanzen. «Dabei ist es mir wichtig, dass mein Kind eine hohe soziale Kompetenz hat.» Die Mütterberaterin beruhigte sie. Seit zwei Monaten hat sich die Situation normalisiert.

Für Anna Flury Sorgo vom Elternnotruf ist klar: «Meistens haben Eltern mehr Probleme mit der Aggressivität eines Kindes als die Kinder untereinander.» Ihr Rat lautet deshalb: Cool bleiben. Die Erwachsenen sollten die Situation gelassen angehen, sich untereinander verständigen und den Kindern keine Täter- und Opferrollen zuweisen (siehe nachfolgende «Verhaltenstipps»).

«Zum chronischen Problem wird Aggression nur, wenn das Kind immer missverstanden und bestraft wird», so Heidi Simoni vom MMI. Auch ein auffallend aggressives Kind unter zwei Jahren sei nicht verhaltensgestört, sondern in vorübergehenden Schwierigkeiten. Es brauche Unterstützung. Die Fähigkeit, andere zu trösten oder Schäden wiedergutzumachen, entwickelt sich erst später. So ist es übrigens auch mit dem absichtlichen Plagen: Kinder unter drei Jahren wissen noch nicht, wie das geht.

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Verhaltenstipps

So reagieren Sie richtig, wenn Ihr Kind ständig andere Spielkameraden plagt oder schlägt:

  • Eingreifen muss die Person, die gerade zur Stelle ist.
  • Kinder trennen, damit sich keines verletzt.
  • Kinder trösten.
  • Dem Angreifer klar und ohne Wut sagen: «Das tut weh. Du darfst das nicht machen.»
  • In einem Satz die eigentliche Absicht des Kindes formulieren: «Du wolltest mit dem andern Kind spielen.» Kinder beim Spielen zu beobachten hilft, sie zu verstehen.
  • Das Kind einige Minuten zur Seite nehmen.
  • Wenn das Kind beisst, eine Alternative wie zum Beispiel einen Beissring anbieten.
  • Mütter und Väter sollten die Situation gelassen angehen, sich untereinander verständigen.
  • Bei anhaltenden Problemen frühzeitig zur Mütterberaterin gehen.