Was halten Sie von Knigge-Kursen für Kinder? Ich finde sie super. Nicht weil ich es als wichtig erachte, dass Kindergärtler Salatblätter korrekt aufgabeln. Auch lege ich keinen Wert darauf, dass ein Zehnjähriger weiss, wie man eine Auster in der gefalteten Serviette in die Hand nimmt, bevor man sie schlürft. Es ist mir auch egal, ob ein Teenager beim feierlichen Abendessen seine Stoffserviette korrekt gefaltet mit der Öffnung Richtung Knie auf seinem Schoss hat oder nicht. Solche Details kenne ich auch erst seit kurzem.

Im Unterschied zu manchem Jugendlichen weiss ich aber seit Kindesbeinen, dass man bei Tisch weder furzt noch rülpst noch seinen Teller ausleckt. Und ich weiss sogar noch viel mehr Grundsätzliches: Ich tupfe mir mit der Serviette den Mund sauber (und nicht mit dem Ärmel), habe meine (selbstverständlich gewaschenen) Hände auf dem Tisch und nicht darunter. Zudem benutze ich das Besteck auf dem Tisch von aussen nach innen und kann Spaghetti ohne Sauerei auf die Gabel drehen. Ich bin nämlich nicht im Schnellzug durch die Kinderstube gerast. Andere sind es. Nämlich diejenigen, die ihre Geschäftspartner mit der einen Hand im Hosensack begrüssen, beim Businesslunch das Messer ablecken, die «Nasenbööggen» unter den Tisch schmieren und schliess-lich erstaunt sind, dass sie nicht befördert werden.

Solche Leute gibt es tatsächlich. Manch einer hat sich wegen mangelnder Manieren schon die Karriere versaut. Und mancher Schulabgänger hat sich die Chance auf die Lehrstelle verbockt, weil er sich in der Kantine des Schnupperbetriebs nicht zu benehmen wusste und dies nicht einmal bemerkte. Unsensible und rüpelhafte Umgangsformen zeugen nun mal nicht von Sozialkompetenz.

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Man gilt nicht mehr als Füdlibürger

Es kommt nicht von ungefähr, dass Benimmkurse für Kinder und Jugendliche boomen. Die Zeiten sind nämlich vorbei, in denen man schlechtes Benehmen kultivieren durfte, weil man mit guten Manieren als Füdlibürger galt. Traditionelle Werte wie Höflichkeit und Anstand gelten mittlerweile wieder in allen Gesellschaftsschichten als Tugenden, mit denen man es zu etwas bringen kann. Deshalb sind Knigge-Kurse immer ausgebucht. Man lernt eben in diesen Kursen weit mehr als nur Tischmanieren. Auf spielerische Art, die erst noch Spass macht, wird den Kindern nicht nur beigebracht, dass man im Zug die Schuhe nicht aufs Polster vis-à-vis legt, sondern auch warum. Es geht also auch um Respekt, Rücksicht und um Einfühlungsvermögen: Einer älteren Person überlässt man den Sitz im Tram nicht, weil man als Kind oder Jugendlicher weniger wert ist, sondern weil das Stehen für Betagte und Gebrechliche anstrengend ist. So einfach ist das. So einfach wie die Wörtchen «danke», «bitte», «gern geschehen» oder «es tut mir leid».

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Doch bei allem Nutzen, den Benimmkurse bringen: Was man seinen Kindern über die Jahre hinweg nicht beigebracht hat, kann nicht an einem Nachmittag in einem Kürsli wettgemacht werden. Dazu braucht es regelmässiges Üben zu Hause.