Puah, isch das e huere Hitz», sagt der Vierjährige lauthals, als seine Mutter ihn von der Krippe abholt. Sie schluckt leer, schaut sich um. Reagieren die anderen Eltern auf die Ausdrucksweise ihres Sohnes? Und wie? Soll sie die Aussage ignorieren oder einschreiten?

«Arschloch», «Scheisse», «Vollidiot»: Kinder lernen schnell – ­gerade wenn es ums Fluchen geht. Schon im Kleinkindalter schauen sie es sich bei den ­Erwachsenen ab. Dass Mami und Papi es gar nicht schätzen, wenn ihr Nachwuchs «gruusigi» Wörter sagt, macht die Faszination perfekt – und sichert die Wiederkehr der Wörter.

Andere Orte, andere Sprache

Fluchen und Schimpfen ist so alt wie die Menschheit selbst und findet sich in allen Sprachen, Kulturen und Schichten wieder. «Fluchwörter sind Ventile, um Dampf abzulassen, und als solche durchaus sinnvoll. Sie können Auseinandersetzungen verhindern», sagt Roland Ris. Der 72-Jährige hat sich an der ETH Zürich lange Zeit mit der sogenannten Malediktologie (von lateinisch maledicere: Böses sagen) beschäftigt. Kindern das Fluchen ganz verbieten zu wollen sei nicht nur unmöglich, sondern auch kontraproduktiv, ist der Sprachexperte und vierfache Vater überzeugt. «Kinder sollten stattdessen lernen, dass verschiedene Situationen verschiedene Sprachcodes erfordern.»

Unter Gleichaltrigen in der Krippe, im Kindergarten oder in der Schule gelte ein anderes Vokabular als im Elternhaus oder gegenüber Erwachsenen generell. Kinder brauchen laut Ris eine eigene Sprache, mit der sie sich von den Eltern abgrenzen können. «Wer Fluchwörter gar nicht kennt oder falsch anwendet, verliert möglicherweise den Anschluss an die Gleichaltrigen.»

Kleinkinder wissen oft gar nicht, welche Bedeutung das Gesagte hat. Erziehungs­beraterin Sarah Zanoni rät deshalb, nicht gleich verärgert zu reagieren, wenn der Sprössling das erste Mal «fuck» oder «Wichser» sagt. Stattdessen gelte es, klar zu kommunizieren, dass solche Wörter nicht erwünscht seien. «Dabei sollten Eltern nicht von ‹Das sagt man nicht› sprechen, sondern von ‹Das sagen wir nicht›», sagt Zanoni. Den Kleinen die Bedeutung von «Nutte» und dergleichen zu erklären, hält die Fachfrau für sinnlos. Das übersteige die Vorstellungskraft von Kleinkindern. Es reiche zu sagen, das Wort sei unschön oder eben «gruusig». Den mahnenden Worten müssen laut Zanoni aber Taten folgen. Nur auf ein Kind einzureden bringe nichts. «Veränderung geschieht nicht über den Verstand, sondern über das Erleben.» Konkret: Fällt das Unwort wieder, muss sich derjenige, der es benutzt hat, zum Beispiel zwei Minuten auf den Boden setzen – auch wenn es Vater oder Mutter waren, die geflucht haben.

Doch was sind unschöne oder eben Fluch-Wörter? Gehören «geil» und das im Schweizerdeutschen oft als Verstärker benutzte «huere» dazu? Es gibt eine klare ­Unterscheidung, sind sich Fachleute einig. Tabu sollten Wörter sein, die verletzend sind und direkt auf eine Person zielen (siehe «Schimpfworte»). Kleinkindern erklärt man diese Gruppe von Wörtern, indem man ihnen sagt, sie machten die andere Person «traurig» oder täten ihr «im Herzen weh», wie Erziehungsberaterin Zanoni es formuliert.

«Kinderkrankheit, die vorübergeht»

Neben diesen Ausdrücken gibt es die sogenannte Fäkalsprache: Dazu zählen «Pisse», «Scheisse», aber auch «Bisi» und «Gaggi». Susanne Stöcklin-Meier, Pädagogin und Kinderbuchautorin, bezeichnet diese ­Sprache als «Kinderkrankheit, die vorübergeht». In ihren Büchern finden sich bewusst auch «freche Verse» wie etwa dieser:

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Achtung stett,
dr Vatter schiisst is Bett,
d Muetter sitzt dernäbe,
und d Chind blibed chläbe.

«Es ist wichtig, dass Kinder so viel wie möglich mit Sprache spielen», ist Stöcklin-Meier überzeugt. Die Pädagogin vergleicht die «blöden» Wörter mit dem «Salz in der Suppe»: Eine Prise brauche es. «Heute fehlt es vielen Kindern aber am Feingefühl für die Unterscheidung zwischen Lustigem und Grobem», beobachtet sie.

Faszination für Wörter wie «Füdli»

Im Spiel mit Nachbarskindern, in der Krippe oder im Kindergarten: Je mehr sich Kinder ausserhalb der Familie bewegen, umso häufiger kommen sie mit neuen, «spannenden» Ausdrücken in Kontakt. Besonders bei älteren Kindern hören die Kleinen mit und probieren den neuen Wortschatz zu Hause aus. Immer wieder sind Eltern damit überfordert, wie auch Sabine Ziegler-Spahn feststellt. Die Präsidentin des Zürcher Kindergärtnerinnenverbands kennt das kindliche Fluchen seit 20 Jahren und nimmt derzeit eine «eher höhere Sensibilität» beim Thema wahr. Sie spricht von einer «tendenziell wieder autoritäreren Welle». Väter und Mütter würden sich vermehrt Rat holen bei den Lehrpersonen und erkundigten sich häufiger, woher der Sohn oder die Tochter dieses oder jenes Wort habe. Lehrten Kinder bei Ziegler-Spahn vor zehn Jahren noch freche Verse von Susanne Stöcklin-Meier, verzichtet die Kindergärtnerin heute darauf – obwohl sie glaubt, man solle «der kindlichen Faszination für Wörter wie ‹Füdli› und ‹Gaggi›» Raum lassen. Doch heutzutage seien Erwachsene von solchen Fäkalausdrücken oftmals irritiert.

Vielen Eltern fällt es schwer zu definieren, welche Wörter sie akzeptieren wollen und welche nicht. Das hat auch sprachliche Gründe, wie Malediktologe Roland Ris sagt. Denn je nach Situation kann die Bedeutung eines Wortes ändern: «Beim Jassen ist mit ‹Sauhund› vielleicht ein guter Spieler gemeint. Lässt hingegen jemand seinen Abfall liegen, ist der Ausdruck negativ besetzt.»

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Schimpfen für den Plastiksack

Die Grenze ziehe man am besten bei jenen Wörtern, «die einen selbst innerlich zusammenzucken lassen», rät Sarah Zanoni. Vollständig verbannen lasse sich das Fluchen aber nicht, weiss auch sie aus Erfahrung. Zum Eindämmen hat die Fachfrau aber ein paar Tipps.

  • Alternativen zum Fluchwort: Verbieten Sie nie ein Fluchwort, ohne dem Kind eine Ausweichmöglichkeit aufzuzeigen. Statt «du Arschloch» kann es beispielsweise «du Blöder» sagen oder «du nervst» – wenn das für die Eltern stimmt. Denken Sie sich ein Familienfluchwort aus, das alle benutzen dürfen, wenn sie sich aufregen. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

  • «Gruusigi» Wörter spielerisch verbannen: Nehmen Sie einen kleinen Plastik-Allzweckbeutel und setzen Sie sich mit der ganzen Familie an den Tisch. Jeder flucht ein Wort, das er zu Hause nicht mehr hören will, in den Beutel hinein. Das Spiel kann über mehrere Runden gehen. Sind alle Fluchwörter «eingefangen», wird der mit Luft gefüllte Sack verschlossen, und die Eltern lassen ihn zwischen den Händen platzen. Mit einem Knall sind die Fluchwörter weg und dürfen nicht mehr benutzt werden.

  • Überall konsequent sein: Egal, wo das Kind Wörter benutzt, die Sie nicht akzeptieren: Reagieren Sie. Ob unterwegs, in der Krippe oder auf Besuch: Ermahnen Sie den Spross, wie die Abmachung lautet. «Dieses Wort brauchen wir nicht. Wie heisst das bei uns?» Die Konsequenz – zum Beispiel das Zwei-Minuten-auf-den-Boden-Sitzen – können Sie situativ abändern in ein Zwei-Minuten-Stehenbleiben, Auf-der-Parkbank-Sitzen et cetera.

Schimpfworte: So nicht!

Ausdrücke, die andere verletzen könnten, gehören nicht ins Vokabular von Kindern. Dazu zählen zum Beispiel
«fette Sau»
«schwule Sau»
«Brillenschlange»
«Mohrenkopf»
«Möngi»
«du bist so behindert»
«Nutte»
«fick dich»
«du riise Schnäbi»
«Wichser»

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