Hier gibt es etwas gratis – wenigstens sieht es an diesem Samstagmorgen in der Winterthurer Musikschule Prova so aus. Horden von Kindern wuseln durch die Flure. Dazwischen stehen Mütter und Väter. Was sie allesamt hierhergelockt hat, ist die Möglichkeit, verschiedene Ins­trumente auszuprobieren.

Musikunterricht gehört für viele Eltern zur Bildung und macht den meisten Kindern auch Spass. Nur: welches Instrument? Norah will Geige, Ramón Schlagzeug und ­Linus Alphorn. Aber das Alphorn kommt erst um zwölf, und jetzt ist zehn Uhr.

Im sogenannten Frühunterricht, erklärt derweil Trompetenlehrer Kurt Söldi, gehe es in erster Linie darum, den Kindern spielerisch den Zugang zur Musik und zum ­gewählten Instrument zu ermöglichen. Von Frühunterricht spricht man, wenn Kinder bereits mit fünf, sechs Jahren in die Musikschule kommen.

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Wenn ein Kind schon so früh Freude an der Musik zeige, sei es auf jeden Fall wertvoll, ihm Unterricht zu ermöglichen. «Aber», warnt der Musiklehrer, «besser als jene, die erst zwei, drei Jahre später beginnen, wird es deswegen nicht.»

Mit welchem Instrument ein Kind seine Musikkarriere starte, sei dem Kind und seiner Familie überlassen. Am besten sei, die Kinder probierten möglichst viel aus.

Noch etwas jung, aber ganz schön laut: der vierjährige Remi am Schlagzeug

Quelle: Andreas Eggenberger

«Das Gequietsche macht mich fertig»

Norah streicht seit zehn Minuten über die Saiten einer kleinen Geige. «Bitte nicht», fleht die Mutter im Hintergrund, «das Gequietsche macht mich jetzt schon fertig.» Leo will unbedingt ein Schlagzeug. Seine Eltern versuchen ihm anderes schmackhaft zu machen. Und Linus wartet noch immer auf das Alphorn.

Manche Kinder wissen schon sehr früh ganz genau, welches Instrument sie wollen. Andere sind eher unentschlossen. Sie möchten dann vielleicht Gitarre spielen, weil sie im Fernsehen einen Rockstar gesehen haben – oder Cello lernen, weil die beste Freundin eines hat. «Warum nicht?», sagt Geri Züger, Leiter der Musikschule Prova. «Ein Kind kann nicht wie Erwachsene nach sogenannt objektiven Kriterien entscheiden.» Wenn man ihm die Möglichkeit schaffen kann, mit einem Instrument einzusteigen, sollte man das tun. «Verloren ist nichts, auch wenn ein Kind nach einem Jahr merkt, dass es das falsche Instrument gewählt hat.» Wer bereits ein Jahr Blockflöte oder Klavier gespielt habe, fange später auch mit Gitarre oder Trompete nicht bei null an.

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Tatsächlich bringt der Umgang mit Musik Kindern unabhängig vom Instrument Vorteile. So hat etwa der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke in Unter­suchungen bewiesen, dass musizierende Kinder ein besseres Gehör entwickeln, dass sich in ihrem Gehirn die für die ­Motorik zuständigen Areale vergrössern – und dass sich Musik positiv auf die ­Psyche auswirkt.

Also doch je früher, je besser? «Nein», sagt Geri Züger. «Da muss man mit den Eltern sehr offen sein: Bereits mit fünf, sechs Jahren zu beginnen ist nur dann sinnvoll, wenn ein Kind wirklich Lust hat und bereit ist, zu üben.»

Sich spielend herantasten: Mila, Johan und sein ­kleiner Bruder (Mitte) am Klavier

Quelle: Andreas Eggenberger

Was Buben von Mädchen unterscheidet

Norah hat Lust. Auf Geige. Sie hat sich von ihrer Mutter erweichen lassen, noch andere Instrumente auszuprobieren, aber jetzt ist sie bereits wieder im Geigenzimmer. Flurin versucht, Linus die Zeit des Wartens aufs Alphorn zu verkürzen. «Harfe ist im Fall megacool», sagt er. Eine geschlechtsuntypische Wahl. Denn das Geschlecht hat einen grossen Einfluss auf die Wahl des Instruments, das zeigen verschiedene Untersuchungen. So führten Erhebungen zum Beispiel an der Musikhochschule Hamburg und an der Alten Kantonsschule Aarau zum selben Ergebnis: Frauen spielen Geige, Block- und Quer­flöte, Männer Schlagzeug und Trompete. Männliche Harfenspieler gibts an beiden Schulen keine.

«Im Fall megacool»: Till, 9, versucht sich an der Harfe – bis das Alphorn kommt.

Quelle: Andreas Eggenberger
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Was denken wohl die Nachbarn?

Was für Männlein und Weiblein gleichermassen gilt: Wer ein Instrument erlernen will, braucht Zeit und Platz zum Üben – und Eltern mit gewissen finanziellen Ressourcen. Auch wenn der Musikkarriere des Sprösslings natürlich so wenig wie möglich im Wege stehen soll, lohnt es sich, vor der Instrumentwahl folgende Fragen zu klären: Sind wir in der Lage, über längere Zeit Musikunterricht und Instrumentenmiete zu bezahlen? Sind wir bereit, das Kind wenn nötig einmal wöchentlich zu chauffieren oder zu begleiten? Haben wir trompeten- oder schlagzeugkompatible Nachbarn?

Ist Letzteres ein Problem, kann man auf ein sogenanntes Silent-Instrument um­steigen. Diese Instrumente sind für Aus­senstehende nahezu stumm, die Musizierenden hören sie über Kopfhörer. Es gibt sie für elektrische Gitarren und Bässe, Violinen und Cellos. Einzelne Blasinstrumente und sogar das Schlagzeug werden damit mietwohnungstauglich.

Ob laut oder leise – für alle Instrumente gilt: zuerst mieten und erst dann kaufen. Mit Ausnahme von Blockflöten gibt es in Fachgeschäften für fast jeden Wunsch Miet­instrumente. Gerade für Kinder ist das sinnvoll. Denn meist beginnen sie mit ­einem speziellen Kinderinstrument, das ihnen nach einem Jahr bereits wieder zu klein ist. Und nicht selten wechseln sie nach einer bestimmten Zeit das Instrument oder gehen irgendwann lieber Fussball spielen oder Hip-Hop tanzen.

Schulleiter Geri Züger rät, sich frühestens nach ein bis zwei Jahren Unterricht nach einem Kaufinstrument umzusehen – und nur dann, wenn das Kind bereits mit einem «ausgewachsenen» Instrument übt. Wenn es denn übt. Und wenn nicht? «Da muss man ehrlich sein», sagt Züger. «Ohne regelmässiges Üben kein Fortschritt.»

«Häsch ghöört?», sagt Linus’ Vater. Aber der hat nur Augen und Ohren für das ­Alphorn. Er holt tief Luft, bläst rein und entlockt dem drei Meter langen Instrument einen astreinen Ton. «So eines will ich», verkündet er. «Dann mache ich mit meinem Nachbarn, der Hackbrett spielt, eine Band.»

Instrumente, die für Kinder geeignet sind – eine Auswahl

Blockflöte
Typisches Einsteigerinstrument. Nach kurzer Zeit kann man ein Liedchen flöten. Schult die Motorik, und man lernt spielend Noten lesen. Günstiger Gruppenunterricht an der Primarschule. Ab 5 Jahren. Kauf: ab 90 Franken (Holz).

Gitarre
Eines der vielseitigsten Instrumente – für Melodien und Begleitung in verschiedensten Stilrichtungen.
Eine gute Wahl für Kinder, die gern singen oder gern in der Pfadi sind. Ab zirka 5 Jahren. Kindergitarre: Kauf ab 250 Franken, Miete ab 30 Franken monatlich.

Klavier
Der Zauber liegt in der Mehrstimmigkeit. Klingt toll und trainiert beide Gehirnhälften. Da das Klavier auch als Solo­instrument etwas hermacht, eignet es sich gut für Kinder, die lieber ­allein spielen. Ab 5 Jahren. Kauf: ab 5000 Franken. Miete: ab 50 Franken monatlich.

Harfe
Eines der ältesten Instrumente – und eines der schwierigen. Für Anfänger gibt es die einfachere Volksharfe. Ab 6 bis 10 Jahren. Kauf: ab 2500 Franken. Miete: ab 70 Franken monatlich.

Geige
Das Geigenspiel setzt gutes ­Musikempfinden und viel Selbstdisziplin voraus. Es fordert auch Zuhörern anfänglich einiges ab. Nach rund 3 Jahren wird das Mitwirken in einem Ensemble empfohlen – also nicht für Eigenbrötler ­geeignet. Schon ab 4 Jahren. Kauf: ab 800 Franken. Miete: ab 20 Franken monatlich.

Trompete
Ein Melodieinstrument für fast alle Musikarten. Viele Jugendmusikvereine bieten Trompetenunterricht an. Ab 6 bis 9 Jahren. Kauf: ab 1000 Franken. Miete: ab 30 Franken monatlich.

Schlagzeug
Setzt Disziplin und tolerante Nachbarn voraus. Wer von der eigenen Band träumt, ist damit sicher gut bedient. Ab zirka 7 Jahren. Rhythmische Grundkurse und Perkussion machen schon früher Spass. Kauf: ab rund 1500 Franken. Miete: ab 50 Franken monatlich.

Weitere Informationen

Der Verband Musikschulen Schweiz (VMS) bietet online eine Adressliste aller angeschlossenen Musikschulen: www.musikschule.ch

Adressen der Schweizer Jugendmusiken: www.jugendmusik.ch

Instrumentenratgeber zum Downloaden: www.prova.ch

Viele Musikschulen bieten regelmässig Instrumentenwahl-Tage an. Fragen Sie nach einer Probelektion.