Meine Mutter fragt hundertmal nach: ‹Wo gehst du hin? Was machst du dort?› Das nervt!», erklärt Lina, 14. «Meine Mutter fragt zu viel, wenn ich weg will. Das ist recht lästig», sagt der gleichaltrige Julian. Spätestens mit Beginn der Pubertät fordern Jugendliche ihr Recht auf Privatsphäre ein. Die meisten Eltern finden das nach der ersten Irritation grundsätzlich ganz in Ordnung. Aber was, wenn die 13-jährige Tochter am Samstagabend ein «Chunsch no usä»-SMS bekommt? Absender: «spiderman17»? Darf man sie dann einfach los­ziehen lassen, ohne zu wissen, wer dieser «spiderman» ist und wo sie «chillen»? Und was, wenn Papas Liebling sich plötzlich ein Zungenpiercing stechen lassen will und findet, das sei Privatsache?

Guter Rat ist wie bei allen Erziehungsthemen weniger handfest, als man das als Eltern gerne hätte. «Zum Ausgang von Jugendlichen gibt es keine klaren gesetzlichen Angaben – viele Eltern hätten das natürlich gern», sagt die Juristin Karin von Flüe vom Beobachter-Beratungszentrum. Beat Kaufmann, Psychotherapeut und Mitarbeiter der Jugendberatung der Stadt Zürich, siehts pragmatisch: «Allgemeingültige Regeln gibt es für die meisten dieser Fragestellungen nicht. Sie müssen ausgehandelt und immer wieder angepasst werden.»

Facebook: «Privater als mein Zimmer»

Eine verbindlichere Antwort scheint es auf die Frage zu geben, was Jugendliche überhaupt für privat und damit schützenswert halten. Die US-Wissenschaftlerinnen Danah Boyd und Alice Marwick haben für ein Forschungsprojekt über soziale Netzwerke 163 Jugendliche dazu befragt, was sie unter Privatsphäre verstehen. Fazit: Allein und damit sicher fühlen sich Jugendliche vor allem dort, wo ihre Eltern nicht sind. Gar nicht. Darum wird das eigene Zimmer nur in den wenigsten Fällen als wirklich privat wahrgenommen. Schliesslich dringen die Eltern dort ab und zu ein. Sicher fühlen sich Jugendliche dagegen im eigenen Kopf, in Gedanken und Gefühlen – und in sozialen Netzwerken. Auch wenn dort ausser den Eltern die halbe Welt mitliest.

«In meinen SMS stehen Dinge, die niemanden etwas angehen», sagt Robin. «Meine privatesten Sachen sind meine Face­book-Posts und mein Handy», sagt auch Lina. Wenn die Eltern die SMS oder E-Mails lesen würden, würde Lina «voll aggressiv». Zu Recht?

«Allerdings», sagt Karin von Flüe. Der E-Mail- und SMS-Verkehr von Jugendlichen sei unter normalen Umständen eine höchst persönliche Sache. «Eltern, die grundlos darin rumstöbern, verletzen das Persönlichkeitsrecht des Kindes.» Auch ein «komisches Gefühl» reiche nicht, um mitzulesen. «Da müssten schon handfeste Gründe wie Verdacht auf kriminelle Handlungen oder Cybermobbing vorliegen.»

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Jugendliche haben ein juristisch verbrieftes Recht auf Privatsphäre und eigene Entscheidungen: «Mit 14 gelten sie als urteilsfähig. Man geht davon aus, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns weitgehend abschätzen können», sagt von Flüe. In der Praxis heisse das, dass Jugendliche zum Beispiel tatsächlich selbst entscheiden kön­nen, ob sie sich ein Tattoo oder ein Piercing stechen lassen möchten. Vorausgesetzt natürlich, sie können es selber bezahlen.

Trotz dieser rechtlichen Grundlage wür­de Jugendberater Beat Kaufmann Eltern niemals raten, der 14-jährigen Tochter ein Tattoo zu erlauben. «Zu solch weitreichenden Entscheidungen sind Jugendliche in diesem Alter noch nicht fähig – sie können langfristige Folgen nicht beurteilen.»

Es ist wichtig, dass Eltern «präsent» sind

Auch im Umgang mit sozialen Netzwerken und Handys seien Kinder und Jugendliche darauf angewiesen, dass die Eltern sie «begleiten». «Im Idealfall beginnt diese Begleitung natürlich nicht erst, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.» Wer erst dann versuche, «einen Fuss in die Tür» zu bekommen, beisse auf Granit, weil Kinder gerade in dieser Zeit stark auf ihre Eigenständigkeit pochten. Trotzdem: «Jugend­liche in diesem Alter sind auf präsente Eltern angewiesen», erklärt Kaufmann. «Eltern, die den Konflikten ausweichen, fehlen ihren Kindern gerade dann, wenn sie sie besonders brauchen.»

Und was ist mit dem Recht auf Privatsphäre? «Die gilt es wenn immer möglich zu respektieren», sagt Kaufmann, «sie ist wichtig, um eine intakte Identität zu ent­wickeln.» Am besten gelänge den Eltern diese Gratwanderung, wenn sie sich an die eigene Jugend zurückerinnern: «Was verletzte mich? Wo gingen meine Eltern meiner Ansicht nach zu weit?» Wenn es Eltern gelänge, ab und zu die Perspektive des Jugendlichen einzunehmen, falle es ihnen leichter, mit dessen Wunsch nach Freiraum respektvoll umzugehen.

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«Präsenz zu zeigen heisst nicht, sich beim Wäscheeinräumen noch schnell einen Überblick über den Schreibtisch des Kindes zu verschaffen», so Kaufmann. Sondern mit dem Kind im Gespräch zu bleiben. Ihm also beispielsweise klarzumachen, dass man Angst hat, wenn es mitten in der Nacht alleine vom Bahnhof heimgeht. Oder warum man möchte, dass es die Freunde auch einmal heimbringt.

Auch wenn man «nervt» und «stresst»

Verständnis für diese «Einmischung» dürften Eltern nicht erwarten. Aber ihr Bedürfnis, wenigstens eine Ahnung davon zu haben, was im Leben ihrer Halbwüchsigen passiere, sei legitim. «Jugendliche sollen Fehler machen und die eigenen Grenzen ausloten dürfen», sagt Kaufmann. Aber sie sollten das altersgerecht tun und sich dabei möglichst keine gröberen Blessuren holen.

Darf die 13-jährige Tochter ihr Zimmer mit Lady-Gaga-Postern tapezieren? Klar. Und der 14-jährige Sohn aus dem eige­nen Sackgeld ein Prepaid-Handy kaufen? Auch wenn seine Eltern das nicht gut finden? Ja, darf er. Darf man der 13-jährigen Tochter trotzdem verbieten, mit einem unbekannten «Kollegen» an ein dreitägiges Open Air zu fahren? Ja. Soll man sogar. Auch wenn man dann «nervt» und «voll stresst».

Genauso wie Jugendliche verlangen dürfen, dass man ihr Zimmer nicht betritt, wenn sie nicht da sind, dürfen Eltern fordern, mal ein Wochenende Ruhe zu haben, falls der Nachwuchs ständig Freunde zum Übernachten mitbringt. Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des andern beginnt. Täglich auszuloten, wo diese Grenze genau verläuft, ist anstrengend.

Weniger Drogen dank neugierigen Eltern

Balsam für gebeutelte Elternseelen sind in dieser Zeit Gespräche mit andern Müttern und Vätern. Sie werden feststellen, dass sie keineswegs so aussergewöhnlich altmodisch und «übergriffig» sind, wie ihnen ihr Nachwuchs gerade weismachen will.

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Auch auf Beratungsstellen finden sich allerlei Trouvaillen für die nächste Diskussion, wenn «spiderman17» wieder schreibt. Etwa bei der Suchtpräventionsstelle Winterthur. Sie schreibt in ihrer Broschüre für Eltern: «Verschiedene Studien belegen, dass Jugendliche, deren Eltern sich um das Ausgehverhalten ihrer Kinder kümmern und darauf Einfluss nehmen, weniger legale und illegale Drogen konsumieren.» Damit kontern Sie, wenn Ihre 13-jährige Tochter das nächste Mal sagt: «Das gaat dich gar nüüt a.» Wer weiss, vielleicht erklärt sie Ihnen darauf ganz vernünftig, wa­rum Sie sich um sie überhaupt keine Sorgen machen müssen.

Quelle: Basil Stücheli

Wenn ich abends weg will, sagt mein Vater nur: «Um elf bist du wieder da.» Wenn ich die Mutter frage, will sie genau wissen, mit wem ich wohin gehe. Das ist recht lästig, weil ich es oft selber noch nicht weiss. Denn wir treffen uns halt irgendwo, und wer alles kommt und was wir tun, entscheidet sich erst dann.

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Was mein Zimmer betrifft, haben wir abgemacht, dass ich dafür zuständig bin. Ich hänge auf, was mir passt, stelle die Möbel hin, wie es mir gefällt, und räume selber auf. Wenn die Eltern trotzdem reinkommen wollen, klopfen sie an. Das finde ich gut so. Ich habe zwar nichts zu verstecken, aber ich mag es trotzdem nicht, wenn sie in meinem Zimmer sind. Das ist einfach so ein Gefühl. Mein Zimmer ist irgendwie mein Raum. Das akzeptieren die Eltern meistens.

Sie respektieren auch, dass mein Handy und mein Computer meine Privat­sache sind. Wenn sie meine SMS lesen würden oder in meinem Compi rumspionierten, fände ich das gar nicht lustig.

Eine Lehrerin von mir wollte einmal meine Tasche durchsuchen. Zum Glück wusste ich, dass sie das gar nicht darf. Das habe ich ihr gesagt, und es hat tatsächlich gewirkt.

Quelle: Basil Stücheli
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Ich war letztes Jahr an der Kinderkonferenz zum Thema Privatsphäre. Dort haben wir in verschiedenen Gruppen darüber diskutiert, was Eltern dürfen und was nicht. Sie dürfen also zum Beispiel die E-Mails und SMS ihrer Kinder lesen, wenn sie das Gefühl haben, das Kind mache etwas Kriminelles oder Gefährliches. Aber wenn meine Eltern das tun würden, würde ich, glaube ich, voll aggressiv.

Meine Mutter war früher mit mir auf Facebook befreundet. Einmal hat sie eines meiner Postings total doof kommentiert, da habe ich sie aus der Freundes­liste entfernt. Jetzt lässt sie mich.

Was ich auch nervig finde: wenn meine Mutter hundertmal nachfragt, weil ich bei einer Freundin übernachten will: «Wer ist das? Wo wohnt sie? Gehst du auch wirklich dahin?» Sie will sogar die Eltern kennenlernen. Das finde ich total übertrieben und peinlich. Wenn ich mit denen in die Ferien will – okay. Aber wegen einer Nacht?

Meine privaten Sachen sind für mich schon vor allem meine Facebook-Posts und mein Handy. In meinem Zimmer habe ich nichts zu verbergen, darum stört es mich auch nicht, wenn die Eltern sich dort umschauen.

Quelle: Basil Stücheli
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Ich finde, mit 13 sollten die Eltern schon noch wissen, was man macht – und auch damit einverstanden sein. Mit 16 ist das dann sicher anders. Natürlich erzähle ich trotzdem nicht mehr alles. Zum Beispiel dieses Mädchen-Buben-Zeugs. Oder Geheimnisse, die mir Freundinnen anvertrauen.

Wenn mich die Eltern fragen, wie es in der Schule gelaufen ist, beschränke ich mich auf die schulischen Sachen. Prüfungen und so. Was ich sonst erlebt habe oder was für Gedanken ich mir mache, behalte ich eher für mich. Für meine Eltern ist das, glaube ich, okay so.

Sie akzeptieren auch, dass ich ins Zimmer gehe, wenn ich telefoniere, oder dass ich die Tür schliesse, wenn Freundinnen zu Besuch sind. Wenn die Mutter dann trotzdem reinkommt, schicke ich sie wieder raus. Nicht weil ich etwas zu verstecken habe, aber Eltern sind ehrlich gesagt manchmal peinlich.

Vor kurzem habe ich ein Handy bekommen, mit dem ich ins Internet kann. Der Verkäufer hat meiner Mutter geraten, nach einem Monat meinen Verlauf zu kontrollieren. Ich glaube nicht, dass sie das macht. Sie kontrolliert auch meine Facebook-Einträge nicht.

Meine Eltern vertrauen mir. Sie wissen, dass ich es ihnen erzählen würde, wenn etwas Schlimmes passieren würde.

Einzig bei der Ordnung im Zimmer reden sie mir zu viel rein. Wenn sie mich nicht immer zum Aufräumen zwingen würden, täte ich es wohl freiwillig. Ich fühle mich nämlich selber nicht wohl, wenn ich ein zu grosses Puff habe.

Quelle: Basil Stücheli
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In meinen SMS stehen Dinge, die niemanden was angehen. Darum habe ich mein Handy mit einem Code geschützt. Einmal haben meine Eltern es kontrolliert. Ich war dabei. Sie wollten sicher sein, dass ich keine Pornos und Gewaltvideos und solches Zeug draufhabe. Das habe ich noch verstanden.

Wenn es um den Computer geht, haben wir abgemacht, dass die Zimmertür offen sein muss, wenn ich am Computer bin. Wenn ich sie dann trotzdem schliesse, kommen sie nach dem Anklopfen sofort rein. Logisch.

Im Zimmer habe ich eigentlich nichts «Geheimes». Trotzdem nervt es mich, wenn die Eltern die Kinder von Besuchern in mein Zimmer lassen. Vor allem, wenn ich nicht da bin. Als sie es das letzte Mal taten, habe ich richtig Zoff gemacht. Zu Recht, finde ich.

Weitere Infos

Orientierungshilfe für Eltern zum Thema Ausgang: www.suchtpraevention.winterthur.ch

Gratis-Rechtsberatung für Kinder: www.kinderlobby.ch

Hilfreicher Leitfaden «FAQ Medienkompetenz»: www.psychologie.zhaw.ch/...