Sheila F.: «Meine fünfjährige Tochter Lilli ist aufgeschlossen und hilfsbereit – aber sie lügt. Sie schwärzt mich und meinen Freund bei anderen Leuten an, indem sie behauptet, wir würden sie oft allein zu Hause lassen und sie müsste dann auch noch selber kochen. Für uns ist das wie ein Schlag ins Gesicht.»

Sie sollten die Geschichten von Lilli nicht als Schlag ins Gesicht wahrnehmen. Wenn Sie sich angegriffen fühlen, verlieren Sie nämlich den Überblick als Erzieher. Das beste Erziehungsrezept sind klare Regeln und Verständnis: Versuchen Sie also, hinter den Sinn der blühenden Phantasie Ihrer Tochter zu kommen. Sie erfindet diese Geschichten sicher nicht aus Bosheit, sondern sie erfüllen einen Zweck in ihrem seelischen Gleichgewicht. Es ist in diesem Alter für Kinder auch normal, dass sich Wahrheit und Phantasie ­mischen. Wenn der Sinn dieser «Lügen» erkannt und ausgesprochen ist, wird das Phänomen wohl verschwinden. Natürlich können Sie auch auf die Regel hinweisen, dass man erfundene Geschichten nicht als Wahrheit ausgeben soll.

Lügen ist tatsächlich ein Erziehungs­thema. Zu Beginn der Entwicklung des Kindes, haben Psychologen erkannt, ist es ein Zeichen von Intelligenz. Kurz nachdem die Kinder sich selber im Spiegel erkennen können, entwickeln sie etwa mit vier Jahren die sogenannte «Theory of Mind», eine «Theorie des Verstandes». Sie erkennen, dass ein anderer Mensch das, was sie wissen, nicht automatisch auch weiss. Das Versteckenspielen beruht auf dieser Erkenntnis und macht den Kindern deshalb so viel Spass. Auch das Lügen wächst aus derselben Wurzel. Wenn der andere nicht dabei war, kann ich ihm erzählen, was ich will. Wenn Kinder so wild phantasieren wie die kleine Lilli, kann man das natürlich noch als Spiel ansehen und schmunzeln oder den Sinn dahinter suchen. Bei kleinen Kindern mischen sich Realität und Phantasie noch häufig, was völlig normal und kein Grund zur Besorgnis ist.

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Nur Feiglinge lügen

Wenn ältere Kinder aber zum Beispiel etwas beschädigen und bei der Nachfrage lügen «Ich war es nicht», wird es bedenklicher. Natürlich lügen sie, um einer Strafe, einem Konflikt zu entgehen – oder aus Scham. Trotzdem müssen Eltern so etwas zum Thema machen. Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sind hoch bewertete Tugenden. Zu Recht. Denn darauf beruht alles Vertrauen. Und Vertrauen ist notwendig, damit eine Gesellschaft funktioniert, im Grossen wie im Kleinen. Wir müssen einem Arzt vertrauen können, einem Flugkapitän, dem Automechaniker und natürlich unseren Nächsten: unseren Partnern, Kindern, Eltern. Das leuchtet auch Kindern ein. Sie möchten sich ja auch auf Versprechen der Eltern verlassen können, und sie verstehen die Redewendung: «Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – und wenn er auch die Wahrheit spricht.»

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Man kann ihnen auch sagen, dass nur Feiglinge lügen müssen. Mutige sind ehrlich, riskieren den Konflikt und stellen sich den Konsequenzen. Allerdings, würde ich einräumen, ist es in Situationen grosser Ohnmacht oder lebensbedrohender Umstände manchmal klüger, zu lügen oder zumindest die Wahrheit zu verschweigen. So soll ja Galileo Galilei vor der kirchlichen Inquisition, um dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu entgehen, gegen besseres Wissen eingeräumt haben, dass die Erde unbeweglich der Mittelpunkt des Universums sei, und nur leise in den Bart gemurmelt haben: «Eppur si muove» – und sie bewegt sich doch.

Wenn Kinder lügen


  • Konfrontieren Sie das Kind damit, wenn Sie es bei einer Lüge ertappen.

  • Unterlassen Sie Strafen und Verur­teilungen des Kindes als Ganzes.

  • Erklären Sie dem Kind, wie wichtig es ist, sich nicht durch Lügen vor den Folgen seiner Handlungen zu drücken.

  • Weisen Sie darauf hin, dass man ­jemandem, der lügt, unweigerlich in Zukunft nicht mehr glauben und vertrauen wird.

  • Erläutern Sie dem Kind, wie wichtig Ihnen persönlich die Wahrheit ist, und leben Sie dies auch vor.
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