Beda sträubte sich im Alter von drei Jahren plötzlich mit Händen und Füssen dagegen, in die Krippe zu gehen: «Will nicht!» Und am Mittag dasselbe, nur umgekehrt: «Will nicht nach Hause!» Doch so plötzlich dieses Verhalten aufgetreten war, so schnell war es auch wieder weg. Die Betreuerinnen der Kindertages­stätte hatten mit Beda ein Belohnungssystem vereinbart: Immer wenn er sich ­ohne Widerstand abholen liess, durfte er sich ein Klebebildchen aussuchen. Nach zehn Bildchen war das Blatt, auf das er sie klebte, voll. Doch obwohl er keine weiteren Kleber erhielt, reagierte der Bub kaum mehr störrisch. Die Belohnungen hatten ihm geholfen, eine Hürde zu nehmen.

«Bei solchen Anreizsystemen geht es primär darum, alltägliche Dinge zu automatisieren, so dass es die Anreize mit der Zeit gar nicht mehr braucht», erklärt Joëlle Marchand, Leiterin des Kinderhauses Schwamendingen. Zum Beispiel die Schuhe selbstständig anziehen, ohne Murren den Tisch abräumen oder die Zähne putzen. Die Belohnungen müssen auch gar nicht immer materiell sein, sie können auch in zusätzlicher Zeit mit einem Erwachsenen bestehen: eine Geschichte erzählen, einen Kuchen gemeinsam backen, einen Nachmittag zusammen auf der Eisbahn verbringen. Wobei Joëlle Marchand zu bedenken gibt: «Ein solcher Anreiz funktioniert nur, wenn es sich um zusätzliche Zeit handelt, nicht aber, wenn sich ein Kind jede einzelne Minute mit einem Erwachsenen verdienen muss.»

«Was bekomme ich dafür?»
Das Belohnungssystem birgt aber auch Un­sicherheiten: Ziehen Eltern damit nicht lauter kleine Schlaumeier heran, die bei jedem Handgriff fragen: «Was bekomme ich dafür?» Die Aarauer Pädagogin und Erziehungsberaterin Sarah Renold wird oft mit diesem Einwand konfrontiert. Sie sagt: «Wenn ein Kind sein Ämtli bereits gut macht, freut es sich über ein aufrichtiges Lob - genau wie wir Erwachsenen auch!» In Fällen jedoch, wo sich das Kind zum Beispiel täglich sträubt, an seine Hausaufgaben zu gehen, könne ein Anreizsystem mit einer gemeinsam vereinbarten Belohnung sinnvoll sein. Kurzzeitig eingesetzt, über zwei bis vier Wochen etwa, wirkt das laut Renold als Motivationsspritze: «Danach sollte sich das Kind an das neue Verhalten gewöhnt haben - und den Anforderungen auch ohne Belohnung nachkommen.»

Kinder ab etwa zwei Jahren sprechen gut auf Anreizsysteme an, wenn sie altersgerecht gestaltet sind. Dabei gilt: Je jünger die Kleinen, des­to kürzer ist ihr Zeithorizont. Sie brauchen also schneller eine kleine Belohnung, um neu motiviert zu sein. Michela Winter hat es mit Gummi­bärchen probiert. Jedes Mal, wenn ihre zweieinhalbjährige Tochter Reyna den Topf benutzte und die Windel trocken blieb, durfte sie sich ein «Zückerchen» holen. «Auf diese Art ging das Trockenwerden ziemlich rasch», sagt die 30-jährige Mutter. «Sonst hätte Reyna es wohl viel öfter vergessen.» Über das Absetzen der süssen Belohnungen machte sich Michela Winter zwar etwas Sorgen. Doch auch das ging problemlos: «Als es mit dem Topf gut klappte, hat Reyna sofort akzeptiert, dass es keine Gummibärchen mehr gab.»

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Vorsicht bei Schulnoten
Mit zunehmendem Alter des Kindes ist es legitim und sinnvoll, wenn es sich die Belohnung über einen längeren Zeitraum «verdienen» muss. Erziehungsberaterin Sarah Renold rät zum Beispiel, eine Abbildung des Wunschgeschenks - ein neuer Fussball, ein MP3-Player, ein beson­deres Ausflugsziel - in kleine Schnipsel zu schneiden. Jeder verdiente Schnipsel ist dann ein Puzzle­teil hin zum Ganzen.

Auch Geld könne für ältere Kinder und ­Jugendliche eine angemessene Belohnung darstellen; Erwachsene müssen sich ihren Lohn schliesslich auch verdienen. Sarah Renold warnt allerdings davor, das Kind mit Geldversprechen zu motivieren, gute Schulnoten nach Hause zu bringen. Denn: «Während das eine Kind mit links einen Sechser macht, erreicht das andere trotz grösster Anstrengung nur einen Fünfer - deshalb wäre ein solches System in Familien mit mehreren Kindern problematisch.»

Psychologe und Erziehungsberater Markus Zimmermann aus Affoltern am Albis ist kein Freund von Anreizsystemen. Er warnt: «Wenn ein Kind sich nur über seine ­guten Leistungen definieren kann, ist das ungünstig für seine Entwicklung.» Deshalb sollten Erziehende den Nachwuchs auch bei Misserfolg unbedingt ermutigen: «Zeigen Sie dem Kind, dass Sie seine Bemühungen, seinen Einsatz erkannt haben. Und bestärken Sie es im Vertrauen, dass es das nächste Mal besser gehen wird.»

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Buchtipps

Sarah Renold: «Motivierte Kinder - zufriedene Eltern. Tipps und Ideen zum Spielen, Lernen und Helfen.» Beobachter-Buchverlag, 2006, CHF 24.-

Diverse Autoren: «Abenteuer Familie. Rechtsfragen, Finanzen, Organisation: So gelingt der Familienstart.» Beobachter-Buchverlag, 2006, CHF 48.-