Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung geht auf eine Fehlentwicklung im frühesten Kindheitsalter zurück. Das am Anfang immer bestehende Allmachtsgefühl konnte nicht schrittweise der Realität angepasst werden. Über­grosser Ehrgeiz der Eltern kann also nicht direkt die Ursache einer narzisstischen Entwicklung sein. Ein Kind mit einer ­narzisstischen Charakterstruktur ist aber natürlich besonders anfällig für übergrosse Erwartungen der Eltern. Dass Leistungssport grundsätzlich schlecht für die Persönlichkeitsentwicklung sei, kann man ebenso wenig sagen. Das Gegenteil kann genauso der Fall sein.

Nichtverwirklichte Träume der Eltern

Sie sprechen aber ein wichtiges Thema an: Das Verhältnis zwischen den Erwartungen der Eltern und den Begabungen ihrer Kinder ist für die Persönlichkeitsentwicklung von grösster Bedeutung. Es kann fruchtbar sein, aber auch schädigend wirken. Weil ein Kind auf die Liebe der Eltern ­angewiesen ist, ist es nämlich bereit, auch Rollen zu übernehmen, die seinem ­innersten Wesen widersprechen. Der deutsche Psychologe Horst-Eberhard Richter hat in seinem Buch «Eltern, Kind und Neurose» eine ganze Reihe solcher für das Kind traumatischer Rollen mit eindrücklichen Beispielen beschrieben: Eltern, die selber nicht im Gleichgewicht sind, schieben ihren Kindern eine Funktion zu, die sie erleichtert. Eigentlich missbrauchen sie ihr Kind, um sich selber zu stabilisieren. Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die nicht gelebt werden können, werden unbewusst auf das Kind projiziert.

So kann zum Beispiel der Wunsch einer Mutter nach einer eigenen sportlichen Karriere auf das Kind übertragen werden. Oder wenn einem Vater die eigene Mittelschul­karriere misslungen ist, muss sein Sohn Primus der Klasse sein und selbstverständlich das Gymnasium mit Bravour bestehen. Wenn solche Projektionen nicht dem Potential und den Wünschen eines Kindes entsprechen, können diese Erwartungen zu einer zerstörerischen Belastung werden. Wenn dagegen, um zu unserem Beispiel zurückzukehren, das Mädchen eine grosse Begabung fürs Kunstturnen hat und mit Freude dabei ist, wirkt die Erwartung der Eltern unterstützend und nicht schädlich. Bei Tennisprofi Roger Federer kann man annehmen, dass ein fruchtbares Verhältnis bestand und seine Persönlichkeit durch den Leistungssport gestärkt wurde, gilt er doch nicht nur als sportliches, sondern auch als charakterliches Vorbild.

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Die Kinder verstehen und erkennen

Der Psychologe Richter beschreibt neben den Auswirkungen übergrosser Erwartun­gen auch die Folgen negativer Projektio­nen: Ein Elternteil ist stolz auf sein ordentliches, erfolgreiches und angepasstes ­Leben. Wünsche nach Ausbrechen und Querliegen und Verweigerung sind aber tief im Unbewussten vergraben. Sie werden auf eine Tochter projiziert, die die Schule abbricht, Drogenerfahrungen macht und mit dem Gesetz in Konflikt ­gerät. Stellvertretend für die ganze Familie übernimmt sie die Versagerrolle, die Rolle der Ausgeflippten, wird zum Sündenbock und erspart es so den Eltern, sich mit ­ihrem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Das ist immer der Schaden, den neurotische Eltern ihren Kindern zufügen können: Jede übergestülpte Rolle ver­hindert die natürliche Entfaltung der ­echten Anlagen und der eigentlichen Persönlichkeit des Kindes. Immer wieder soll man deshalb von ­neuem versuchen, seine Kinder zu verstehen und wirklich ­wahrzunehmen, wer sie sind.

Das ist ja gerade der Reichtum einer Familie: dass ganz verschiedene Individuen zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen.

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Quelle: Beobachter Edition
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