Vor der Flädlisuppe an der festlich gedeckten Tafel sind sie alle gleich: der elfjährige Flynn in seinem Designershirt, die siebenjährige Alexandra mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, der neunjährige Maximilian im properen Sonntagslook. Zusammen mit 43 weiteren mehr bis weniger herausgeputzten Kindern rühren sie alle andächtig mit dem Löffel in der klaren Brühe herum und fangen die fein geschnittenen Omelettenstreifen ein. Dann jonglieren sie das gefüllte Essgerät in den Mund.

Ohne Schlürfen kommen die wenigsten über die Runden. Doch Knigge sei Dank: Aus einer Suppentasse mit zwei Henkeln darf man die Bouillon (und nur die Bouillon!) ungestraft auch trinken, wie die «Tafelmeisterin» Lucia Bleuler erklärt. Die vielseitig ausgebildete Gastronomin bietet seit zehn Jahren «Knigge-Kurse für Kinder» zum Thema «Gutes Benehmen bei Tisch» an. Und als selbständige Imageberaterin und Expertin für Savoir-vivre schaut sie auch Kaderleuten beim Essen auf die Finger, damit sie beim nächsten Businesslunch nicht wieder das Messer abschlecken.

An diesem Sonntag hält Lucia Bleuler Hof im Romantik-Seehotel Sonne in Küsnacht am Zürichsee. 46 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren finden sich hier im imposanten Festsaal ein. In diesem gepflegten Ambiente will sie bei einem Dreigangmenü die Kids spielerisch auf den Geschmack von Tischmanieren bringen. Inklusive Knigge-Diplom nach erfolgreicher Absolvierung des Kurses.

Aber warum denn überhaupt ein Kurs? Haben die Eltern als Erziehungsverantwortliche resigniert den Löffel abgegeben? Mitnichten. «Von einer fremden Fachperson und in einem gehobenen Rahmen nehmen die Kinder vielleicht gewisse Verhaltensregeln eher an», meint ein Elternpaar, das seine beiden Töchter im Alter von sieben und elf Jahren zum Kurs begleitet. Schon beim Grosi würden sich die Mädchen anständiger benehmen als zu Hause: «Und vielleicht können sie uns Erwachsenen nach dem Kurs sogar noch etwas beibringen.»

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Apéro nicht einfach von der Hand in den Mund: Flynn (rechts) und Kurskollegen


Kursleiterin Lucia Bleuler wirft einen Blick in die stumme Runde. Sie kennt ihre Pappenheimer: «Sobald die Kinder nach der Vorstellungsrunde ihren eigenen Drink mixen und garnieren können, sind sie im Element.» Gesagt, getan: In Gruppen aufgeteilt, hantieren die Kleinen reihum ungezwungen und wissbegierig mit den bereitliegenden Utensilien, helfen sich gegenseitig beim Dekorieren der Glasränder oder tauschen Tipps aus. Dann schreiten sie mit dem Glas, stilgerecht am Stiel gehalten, zum Apérobuffet. Auf dem weissen Tisch locken gesalzene Nüsschen in Glasschüsseln mit Löffel, verschiedene Dips und Gemüsestängel sprechen die linienbewussten kleinen Damen an, und die Papierservietten deuten auf Benehmen beim Nehmen hin.

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In der Kinderstube bröckelt der Putz
Die Benimmexpertin behält die Kinder im Griff. Noch bevor die ersten mit den Händen nach den Häppchen greifen können, schaut sie zum Rechten: Erst wird mit dem Glas manierlich angestossen oder zugeprostet, dann erst sind die Beilagen an der Reihe. Aller Anfang macht die Serviette. Man stopft sich den Mund nicht löffelweise mit Nüsschen voll, sondern gibt ein Häufchen auf die Serviette in der Hand. Jetzt darf gepickt werden. Bei den Gemüsesticks geben hygienische Aspekte den Ton an: Nach dem ersten Bissen taucht man denselben Stängel nicht einfach weiter in die Dipschälchen - damit einem Connaisseur nebenan nicht gleich die Spucke wegbleibt.

Die Tischordnung goutieren nicht alle. Bewusst platziert Lucia Bleuler Kolleginnen und Kollegen oder Geschwister nicht nebeneinander. Sie sollen sich möglichst früh in Small Talk mit fremden Gästen üben. Vor der gemeinsamen Mahlzeit darf noch etwas gebastelt werden: Eine Servicefachfrau zeigt Tricks und Kniffe, wie eine blanke Stoffserviette zu einem dekorativen Fächer gefaltet wird. Dann verwandelt sich der Tisch nach der Regie von Lucia Bleuler Schritt für Schritt in eine Tafel. Beflissen und flink folgen die Kursteilnehmer den Anweisungen der Anstandsdame und fahren auf Kommando mit Besteck und Gedeck auf.

Jetzt endlich ist der Gast König. Zuvorkommend erweist das Hotelpersonal den Kindern seine Reverenz. Die Flädlisuppe markiert den ersten Stolperstein. «So kompliziert habe ich noch nie Suppe gegessen», wundert sich der zehnjährige Mauricio. Flynn hingegen geht der Umgang mit Besteck und Gedeck leicht von der Hand: «Ich bin es mir so gewohnt.» Souverän und stilsicher hält er auch das Glas am Stiel und tupft sich vor jedem Schluck kurz den Mund sauber. Ganz wie es sich gehört. Ganz wie bei ihm zu Hause, wie er sagt.

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Tischmanieren erfordern Konzentration: Mattheu ist aufmerksam mit dabei.


Lucia Bleuler kann aufgrund des Benehmens der Kinder abschätzen, wie es um den Familientisch zu Hause steht, so denn überhaupt einer dasteht. Die gute Kinderstube erachte sie immer noch als «Eintrittskarte ins gesellschaftliche Leben». Nur: In der guten alten Kinderstube bröckelt der Putz. Familien essen nicht mehr regelmässig gemeinsam, berufstätige Eltern verköstigen sich über Mittag am Arbeitsplatz von der Hand in den Mund, derweil die Kinder einen Multi-Maxi-Mac verschlingen. Abends lassen sie sich vor dem Computer oder dem Fernseher auf die Schnelle mit einer Tiefkühlpizza abspeisen: zurück zu den Fingern.

«Manieren sind ein Kulturgut, das langsam verlorengeht», gibt Benimmberaterin Bleuler zu bedenken. Der Ansturm auf ihre Knigge-Kurse für Kinder - «und zwar aus allen Schichten» -bestätigt sie. Kleider allein machen eben noch keine Leute. Das betont auch der Ethnologe Asfa-Wossen Asserate in seinem Standardwerk «Manieren». Der Grossneffe des letzten äthiopischen Kaisers bewegte sich nach der Revolution 1974 weltweit und mit offenen Augen auf dem Parkett der besseren Gesellschaft. Sein Fazit: «Jemandem, über den man nichts weiss, beim Essen zuzusehen ist viel aufschlussreicher, als seine Kleider zu betrachten und seinen weitläufigen Reden zu lauschen.» Dass Manieren heute explizit Teil des Anforderungsprofils für Kaderleute sind und nicht mehr als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden können, kommt immer wieder auch in Stelleninseraten zur Sprache: Für den Ressortleiter einer Schweizer Publikumszeitschrift beispielsweise werden «gute Umgangsformen» höher gewichtet als Fremdsprachenkenntnisse.

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Bei allen Manieren, schlussendlich geht es ums Essen

Die «Ameisenstrasse» ist verpönt
Das Hauptgericht macht auch an diesem Sonntag vielen zu schaffen - Lackschuhe hin, Turnlatschen her. Wie geht man mit Messer und Gabel bei Poulet-Piccata ans Werk? Wie kriegt man eine mundgerechte Ladung Spaghetti ohne Löffel auf die Gabel und dann erst noch ohne Schmatzen in den Mund? Lucia Bleuler drückt ein Auge zu, wenn der Geist willig ist, aber der knurrende Magen die Oberhand gewinnt. Auffallend gekonnt und im Handumdrehen bekommt Mauricio die Teigwaren in den Griff. Das Geflügel lässt er bewusst beiseite. Seine Mutter kommt aus Kolumbien und ist Vegetarierin. Ihm selber schmeckt zwar Fleisch, doch: «Es macht mich traurig, dass der Mensch fürs Essen Tiere tötet.»

Ein besonderes Kapitel widmet Lucia Bleuler dem Thema Besteck. Dessen Zeichensprache will gelernt sein. Als verpönt gilt beispielsweise die «Ameisenstrasse», wenn Messer und Gabel links und rechts auf dem Tellerrand aufliegen und mit dem Griff den Tisch berühren, so dass Ameisen mühelos hochklettern könnten. Liegt das Besteck im Teller nebeneinander in der Zwanzig-nach-vier-Uhr-Stellung, signalisiert der Gast: abräumen, auch wenn der Teller noch nicht leer ist.


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Die korrekte Gabeltechnik: Spezialistin Lucia Bleuler geht Cara zur Hand.


Kulturhistorisch steckt das Besteck noch in den Kinderschuhen. In der Antike lag man vornehmlich zu Tisch und bediente sich von Hand. Auch im Mittelalter speiste man hauptsächlich mit den Fingern oder hölzernen Löffeln. Aus katholischer Sicht war die Gabel ein Attribut des Teufels und der Hexen. Gott habe die Finger geschaffen, um seine Gaben zu berühren - und nicht die Gabel. In diesen Kanon stimmte auch Martin Luther in seinen «Tischreden» ein: «Gott behüte mich vor Gäbelchen.» Erst im späten 17. und vor allem im 18. Jahrhundert war die Gabel plötzlich in aller Mund. Das Verwenden von Essbesteck wurde zum Zeichen von Zivilisiertheit und Kultur.

Nach drei Stunden haben die Kinder im Festsaal des Hotels Sonne in Küsnacht definitiv kein Sitzleder mehr. Während Lucia Bleuler nach dem saubersten Glas auf dem Tisch Ausschau hält und die neunjährige Anne zur Siegerin des Wettbewerbs kürt, fliegen Papierkügelchen und Teile der Tischdekoration durch die Luft. Caramelköpfchen und Konfekt sind des Guten fast zu viel. Auf dem Tisch nehmen die Ellbogen wieder ungebührlich ihren Platz ein. Die Manieren können abdanken. Das Diplom lässt schön grüssen.

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