Beobachter: Oliver Rey, welche Kindheits­erinnerungen haben Sie an Ihren Vater?
Oliver Rey: Er hat viel gearbeitet und war oft gestresst. Mein Vater war Polizist in Zürich. Zur Zeit der Opernhauskrawalle Anfang der Achtziger kam er manchmal morgens um sieben heim, ging für ein paar Stunden ins Bett und musste mittags wieder zum Dienst.
René Rey: Dadurch, dass ich Schicht gearbeitet habe, war ich tagsüber aber auch oft zu Hause und schaute zu den Kindern, während meine Frau arbeiten ging. Sie hatte ein Coiffeurgeschäft. Wir haben uns die Haus- und Kinderarbeit geteilt, eigentlich ganz ähnlich, wie mein Sohn es heute mit seiner Frau handhabt.
Oliver Rey: Du warst zwar öfter zu Hause als andere Väter, aber in dieser Zeit hast du nicht mit uns gespielt, wie ich es mit meinen Söhnen tue. Du hattest einen Vollzeitjob, irgendwann musstest du ja auch schlafen.

Beobachter: René Rey, welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Vaterdasein?
René Rey: Gute und schlechte. 1977, da waren meine Söhne sieben und fünf, wurde meine Frau krank und klinkte sich völlig aus dem Familienleben aus, was letztlich zur Scheidung führte. Ich war plötzlich alleinerziehender Vater. Bekannte und meine Eltern haben mir bei der Kinderbetreuung geholfen. Ich wollte im Job reduzieren, fragte meinen Chef, aber es gab damals keine Teilzeitstellen. Abends kam ich nach der Arbeit nach Hause und musste noch bis elf Uhr den Haushalt machen. Ich hatte 18-Stunden-Tage, kam gar nicht mehr zum Nachdenken.

Beobachter: Und die guten Erinnerungen?
René Rey: Ich bin froh um diese Zeit. Ich ­habe meine Söhne intensiv erlebt. Damals war das nicht üblich.
Oliver Rey: Hast du dich in dieser schwierigen Zeit hilflos gefühlt?
René Rey: Hilflos nicht, aber einsam. Du hast Freunde, die ein ähnliches Lebensmodell haben wie du, mit denen du dich austauschen kannst. Heute gibt es Beratungsstellen für Väter. Damals gab es von nirgendwo, von niemandem Hilfe. Ich konnte zwar schon mit meinen Kollegen bei der Polizei darüber reden, aber es hat die nicht interessiert, es kam nichts zurück. Für die war ein alleinerziehender Vater Neuland, was hätten die schon sagen können?
Oliver Rey: Wie bist du mit dieser Einsamkeit umgegangen?
René Rey: Die nimmt man hin. Man kann den Kopf nicht in den Sand stecken, man muss da durch, koste es, was es wolle.

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Beobachter: Haben Sie wieder geheiratet?
René Rey: Ich wusste, ich musste so schnell wie möglich eine neue Partnerin finden. Ungefähr ein Jahr nach der Scheidung ­habe ich meine zweite, meine jetzige Frau geheiratet. Sie hat sich ganz dem Haushalt und den Kindern gewidmet.

Beobachter: Oliver Rey, holen Sie sich in Vaterfragen Rat bei Ihrem Vater?
Oliver Rey: Na ja, wir reden schon darüber.
René Rey: Aber Rat hast du dir bei mir nie geholt. Das ist auch richtig so. Man muss selbst den Weg finden.
Oliver Rey: Du als Polizist kennst dich aus in rechtlichen Fragen, da hole ich mir Rat. Darüber hinaus? Ehrlich gesagt nein. Den Grossteil meiner Kindheit und Jugend bin ich in einem klassischen Familienmodell aufgewachsen, du bist, was Kinderbetreuung betrifft, nicht mein wichtigstes Vorbild. Meine Söhne sind neun und viereinhalb. Ich arbeite 70 Prozent als soziokultureller Animator, meine Partnerin 60 Prozent als Kita-Leiterin. Wir teilen uns das Geldverdienen und die Familien- und Hausarbeit.

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Beobachter: René Rey, was halten Sie vom Familien­modell Ihres Sohnes?
René Rey: Er macht es aus Leidenschaft. Ich freue mich für ihn, dass er so leben kann, wie er es sich wünscht. Er hat Glück, in seiner Branche sind Teilzeitstellen für Männer normal. In einem anderen Beruf würde es heissen: «Entweder bist du in Vollzeit da, oder wir suchen jemand anderen.»
Oliver Rey: Aber heute kann man sich als Mann für Teilzeit einsetzen. Man kann sagen: «Ich will aber reduzieren, sonst gehe ich.» Viele Firmen sind offener als damals.
René Rey: Ich wäre gern heute Vater, mit all den Möglichkeiten. Teilzeitarbeit ist eine geniale Idee. Früher war es in den meisten Familien so, dass die Frau ihr eigenes Leben lebte, mit den Kindern und dem Haushalt. Während der Mann sich im Beruf auslebte. Nur selten berührten sich diese beiden Leben. Die Ehen so vieler Kollegen bei der Polizei gingen damals in die Brüche! Sie waren fast nie zu Hause, die Frauen hielten das nicht mehr aus. Ich bin stolz auf meinen Sohn. Aber etwas finde ich nicht gut: dass seine Söhne ein oder zwei Tage pro Woche fremdbetreut sind.
Oliver Rey: Ich finde es gut, wenn Kinder auch ausserhalb der Familie aufwachsen. So lernen sie neue Lebenswelten kennen, sie haben Kontakt zu Gleichaltrigen. Übrigens hast du ja selbst deine Kinder auch fremdbetreuen lassen.
René Rey: Ich hatte ja keine andere Wahl. Wenn man Kinder weggibt, kann man sie nicht mehr intensiv begleiten. Sie haben plötzlich andere Vorstellungen und Mödeli. Falls sie auf die schiefe Bahn geraten, erkennt man das vielleicht nicht rechtzeitig.

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Beobachter: Oliver Rey, haben Sie sich bei der Wahl ­Ihres jetzigen Lebensmodells bewusst von jenem Ihres Vaters abgegrenzt?
Oliver Rey: Ich funktioniere nicht über Abgrenzungen. Eher so, dass ich mir ein Ziel setze und das erreichen möchte. Die Inspiration für mein Lebensmodell kam zu ­einem Teil aus dem Gedankengut der 68er. Als junger Mann hing ich viel in Zürich rum, verkehrte in der alternativen Szene. So habe ich diese neuen Lebensformen aufgeschnappt. Aber in einem Punkt habe ich mich ganz bewusst von meinem Vater abgegrenzt: Seinen autoritären Erzie­hungsstil wollte ich nicht übernehmen.
René Rey: Ihr wart einfach zwei Lausbuben. Wenn ihr Mist gebaut habt, musste ich schauen, dass ihr das begreift. Da gabs halt manchmal auch Haue. Man muss ­höllisch aufpassen. Wie schnell wächst sich irgendein blöder Mist zu etwas viel Schwerwie­gen­derem aus! Es ist ja gut gekommen. Keiner meiner Buben ist abgerutscht.

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Beobachter: Finden Sie, Ihr Sohn erziehe zu lasch?
René Rey: Sein Stil ist komplett anders als meiner. Ich hätte die Nerven nicht. Bei seinem Stil bestimmen die Kinder den Tages­ablauf. Heute wird alles ausdiskutiert. Ob das gut ist, kann man erst im Nachhinein sagen, wenn die Söhne Teenager sind und man sieht, wo sie in der Welt stehen.

Beobachter: Oliver Rey, gibt es etwas, was Sie Ihrem ­Vater vorwerfen?
Oliver Rey: Das Einzige, was mir weh getan hat, physisch wie psychisch, waren die Schläge. Ich kann das nachvollziehen, aber es hat weh getan. Ehrlich gesagt ist mir auch schon die Hand ausgerutscht, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mei­ne Söhne nie zu schlagen. Ich habe mich sofort bei ihnen entschuldigt. Ich hatte tage­lang ein wahnsinnig schlechtes Gewissen.

Beobachter: René Rey, hatten Sie nach den Schlägen auch ein schlechtes Gewissen?
René Rey: Es waren unglaubliche Stress­situationen. Bereuen? Ich weiss nicht. Im Nachhinein kann man immer sagen: «Ich bereue.» Mir war nach der Haue schon bewusst, dass ich das nicht hätte tun sollen. Aber es war halt passiert.
Oliver Rey: Würdest du aus jetziger Sicht als Vater etwas anders machen?
René Rey: Nein, ich würde es nochmals ­genauso machen. Ich bin ich, und so hab ich auch erzogen.

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Beobachter: Wie sind Sie eigentlich erzogen worden?
René Rey: Mein Vater war Fabrikarbeiter. Er ging um sechs Uhr früh aus dem Haus und kehrte zwölf Stunden später wieder heim. Für mich als Kind war es eine Freude, ihn vom Bahnhof abzuholen. Zu Hause gab es ein kleines Nachtessen, dann musste er wieder in die Fabrik – bis zehn Uhr. Sogar samstags musste er arbeiten. Nur Arbeit, Ar­beit, Arbeit. Ich und meine Geschwister, wir haben unseren Vater kaum gesehen. Wir mussten parieren, sonst gab es Haue. Das Geld war immer knapp.
Oliver Rey: Mein Grossvater musste noch 140 Prozent arbeiten, um über die Runden zu kommen. Mein Vater noch 100 Prozent. Ich bin der Erste, der studiert hat, der im Job reduzieren kann und deshalb mehr Zeit für seine Kinder hat.
René Rey: Deshalb genoss mein Vater auch die Zeit als Grossvater so sehr. Für seine Enkel hatte er endlich Zeit.
Oliver Rey: Stimmt, du hast uns oft zu den Grosseltern geschickt. Das war eine schöne Zeit, mein Grossvater war mir ein wichtiges Vorbild. Er war sportlich. Ein einfacher, ehrlicher Mensch. Und ein glücklicher.

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Beobachter: Sind Ihre Enkel auch viel bei Ihnen?
René Rey: Früher noch mehr als jetzt. Oliver studierte noch, als er zum ersten Mal Vater wurde. Da war der Enkel ein- oder zweimal in der Woche bei uns. Inzwischen kommen die Buben zweimal im Monat.
Oliver Rey: Ich finde es wichtig, dass die Kinder meinen Vater, seine Ideen, seine Wahrnehmung der Welt kennenlernen. Sie nehmen wahr, dass er mit seiner Frau anders lebt als wir, dass der Haushalt dort anders funktioniert als bei uns. Ich bin nicht perfekt. Meine Söhne sollen noch andere männliche Vorbilder haben. Durch den Kontakt zur alten Generation merken sie auch: Es geht immer weiter. Das gibt ihnen Geborgenheit, denke ich.

Beobachter: Was unternehmen Sie mit Ihren Enkeln?
René Rey: Wir gehen zusammen auf den Bauernhof, schauen uns alle Tiere an, arbeiten im Garten an den Rosen, gehen in den Zoo. Diese Zeit geniesse ich wahnsinnig. Ich bin viel gelassener als früher mit meinen Söhnen. Ich schaue über vieles hinweg. Ich habe meine Enkel für einen Tag, was will ich mich da ärgern. Ich stehe auch nicht mehr in der Verantwortung, dass aus ihnen etwas Rechtes wird.

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