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Zeitbegriff«Dann also bis übergestern»

Minuten oder Stunden sind für Kleinkinder Begriffe ohne Sinn und Bedeutung, ein Monat dauert gefühlte hundert Jahre. Nur langsam kommen sie der Zeit auf die Spur.

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«Tschüss, Frau Künzli, dann bis übergestern», verabschiedet sich Lea von ihrer Erzieherin. Warum die Erwachsenen lachen, versteht die Vierjährige nicht. Eben hat die Mutter doch erklärt, Lea müsse am nächsten Tag zum Arzt und komme deshalb nicht in die Krippe. Mit der Bedeutung von Begriffen wie gestern oder morgen tut sie sich schwer. «In ihrem Alter ist das völlig normal», sagt Marianne Flückiger Bösch, Ergotherapeutin in Baden. Es ist ja eine Krux: Nach dem Schlafen heisst morgen plötzlich heute – und den vergangenen Tag, der gestern noch heute war, bezeichnen nun alle als gestern.

Bis vor kurzem hat sich Lea um solche Dinge nicht gekümmert. Es gab kein Gestern und kein Morgen; alles, was zählte, war der Moment, das Hier und Jetzt. Was viele Erwachsene wieder mühsam lernen wollen, ist für Kleinkinder eine Selbstverständlichkeit: Sie leben absolut zeitlos und widmen ihre volle Aufmerksamkeit dem, was sie gerade tun. Wenn sie anfangen, Wörter wie später, gestern und morgen zu brauchen, wenden sie sie oft falsch an. Und beim Anblick von zwei Hunden nehmen sie selbstverständlich an, dass der grössere der ältere ist. Nur ganz langsam tasten sie sich an die Welt der Zeit heran.

Für Kinder wichtig: Uhr mit Zeigern

Die wichtigste Voraussetzung dafür ist neben der Sprachentwicklung die Fähigkeit, sich im Zahlenraum zu orientieren. Daneben spielt aber auch Erfahrung eine wichtige Rolle. Zeitgefühl ist laut dem deutschen Chronobiologen Till Roenneberg in erster Linie «eine Übersetzungsleistung, die entsteht, wenn wir durch Erfahrung gelernt haben, wie viel Handlung wir in einer bestimmten Zeitspanne unterbringen können». Aussagen wie «Es dauert noch eine halbe Stunde» oder «In fünf Minuten brechen wir auf» sind für Kleinkinder deshalb absolut unverständlich und entsprechend unbefriedigend. Sagen Eltern stattdessen «Ich hänge noch schnell die Wäsche auf, und dann gehen wir», können selbst kleine Kinder ungefähr abschätzen, wie lange sie sich noch gedulden müssen – vorausgesetzt natürlich, sie haben schon einmal beim Wäscheaufhängen zugesehen oder «geholfen». Der abstrakte Begriff «morgen» wird für ein Kind erst dann fassbar, wenn es mehrmals erfahren hat, dass es bis zum nächsten Tag noch einmal schlafen muss.

Mit solchen Eselsbrücken könnten Eltern das Zeitverständnis des Kindes leicht und im normalen Erziehungsalltag fördern. Doch laut Marianne Flückiger Bösch tun sie das je länger, je weniger: «Manche Eltern sind dankbar, wenn wir ihnen eine Spieluhr und andere Ideen für das Erlernen der Zeit zeigen.» Weil die meisten die Uhrzeit nur noch digital vom Handy ablesen, wissen sie oft gar nicht mehr, wie vielschichtig die analoge Uhr ist. Auch von Kindergärtnerinnen hört die Ergotherapeutin vermehrt die Klage, dass es den Kindern an normalen Alltagserfahrungen fehle. «Manche Eltern scheinen einfach zu vergessen, ihren Kindern die Zeit und ihre Facetten näherzubringen.»

Dabei geht es nicht ­darum, ihnen das Lesen der Uhrzeit, die Wochentage oder Monate beizubringen. Das ist (auch) Schulstoff. Laut Flückiger Bösch mangelt es in vielen Familien an strukturierten Abläufen und Alltags­erfahrungen, die es dem Nachwuchs erleichtern würden, sich im Tag oder mit den Jahreszeiten zurechtzufinden. Ein Computerspiel, in dem Frühling, Sommer, Herbst und Winter vorkommen, mag Spass machen, aber es sollte auch Zeit bleiben, die jeweilige Saison draussen zu erleben und jahreszeitabhängige Mitbringsel wie Kirschblüten oder farbige Herbstblätter zu Hause auf einem Tisch auszustellen.

Je öfter ein Kind den Wechsel von Tages- oder Jahreszeiten mit allen Sinnen erfahren hat, desto besser kann es sich darin orientieren. Auch Tätig­keiten wie Kuchen backen und die Kochzeit dafür einstellen oder das Ritual, abends nach dem Essen eine Viertelstunde zu spielen, fördern das Zeitbewusstsein. Eine spielerische Annäherung an das Thema könnte sein, mit der Stoppuhr zu messen, wie weit man in einer Minute mit dem Velo kommt, und dann ebenso lange zu rennen und zu gehen.

Die Zeit zu begreifen braucht Zeit

Selbst unter idealen Voraussetzungen stehen Kinder immer wieder vor Rätseln. Warum hat der jüngere Bruder vor mir Geburtstag, obwohl ich die Ältere bin? Wieso sind nicht alle Monate gleich lang? Waren meine Eltern während des Ersten Weltkriegs schon auf der Welt? Solche Fragen sind noch bis weit ins Schulalter normal und zeigen, dass das Kind sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Bis es abstrakte Zeiteinheiten wie Sekunde oder Minute wirklich verinnerlicht hat, dauert es nicht selten bis zum Ende der Primarschule. Kurze Zeitintervalle lassen sich durch konkrete Erlebnisse erfahren, doch um einen Begriff wie Jahrzehnt oder Jahrhundert zu begreifen, braucht es neben Sicherheit im Zahlenraum auch ab­straktes Vorstellungsvermögen. Auch Zeiträume, die über die eigene Lebensdauer hinausgehen, können sich Kinder lange nicht wirklich vorstellen.

Das Wichtigste im Umgang mit der Zeit ist – in unserem Kulturkreis – das Lesen der Uhrzeit. Laut dem deutschen Entwicklungspsychologen Hartmut Kasten muss der Umgang damit trainiert werden wie Velofahren. Dieses Training findet vorwiegend in der Schule statt. Sogenannte Frühförderung bringt nichts, das Verständnis für ab­strakte Konstruktionen wie die Uhrzeit entwickeln Kinder erst ab dem Schulalter. Haben sie dieses Wissen einmal verinnerlicht, halten sie es für in Stein gemeisselt. Dass die Uhrzeit ein von Menschen geschaffenes Konstrukt ist, begreifen sie erst spät. In einer Umfrage unter 10- bis 15-Jährigen glaubten drei Viertel der jüngeren Kinder, sie seien mit der Sommerzeitumstellung eine Stunde älter geworden. Erst im Jugendalter waren sie sich einig, dass die von der Uhr angezeigte Zeit eine Konvention ist, die mit ihrem Alter nichts zu tun hat.


  • Kalender aufhängen: Am besten sind Abreisskalender, die für jeden Tag ein Blatt haben, das man nach dem Aufstehen abreissen kann. So bekommen Kinder am ehesten einen Eindruck davon, wie lange ein Tag dauert (und wie lange sie beispielsweise noch bis zu ihrem Geburtstag warten müssen).

  • Eine Uhr mit Zeigern aufhängen: Auch Kinder, die die Uhrzeit noch nicht lesen können, erkennen, wann der grosse Zeiger oben angekommen ist, und sehen, wie lange sie bis zum Aufbruch noch spielen dürfen.

  • Verwenden Sie Wegbeschreibungen, um einem Kind zu erklären, wie lange es bis zum Ziel noch dauert.

  • Wenn ein Kind Fragen zur Zeit stellt, sollten Sie darauf eingehen und ver­suchen, diese möglichst altersgerecht zu beantworten. Die Fragen sind ein Signal dafür, dass sich das Kind mit dem Thema beschäftigt und Neues lernen will.

  • Halten Sie sich an Ihre eigenen Zeitangaben. Aus fünf Minuten sollten nicht plötzlich 15 oder gar eine halbe Stunde werden.

  • Versuchen Sie, Zeit mit Handlungen zu beschreiben: «Ich leere noch die Spülmaschine und räume sie wieder ein, dann komme ich spielen.»

Veröffentlicht am 05. Februar 2013