Wer die Familie geniessen will, muss erst einmal Zeit haben. Das ist keineswegs selbstverständlich, sind doch Eltern und Kinder immer stärker mit Arbeit, Weiterbildung, Schule, Sport und vielem mehr belastet. «Ich möchte, dass ich keine Schule mehr habe, denn das stört das Zusammenleben mit den Eltern», sagt deshalb der zehnjährige Maurice Ndotoni (Bild) aus Basel. Er findet, er lerne zu Hause genug. Sein Traum: Die Eltern verdienen so viel, dass sie mit den Kindern «nach Afrika, Indien, in die Karibik oder nach Bali» reisen und dort ein Haus kaufen können.

Die neunjährige Sophie Langloh, ebenfalls aus Basel, findet es einfach «schön, wenn ein Kind die Eltern geniessen kann». Ihrer Meinung nach sollte die Familie mindestens einen Tag in der Woche zusammen sein, «zum Beispiel bei einem Ausflug, einem Besuch im Zoo oder im Museum». Sophie sieht die Eltern viel: «Gewöhnlich ist meine Mutter zu Hause, wenn ich von der Schule komme. Nur der Vater arbeitet auswärts, manchmal aber auch zu Hause, denn er ist Lehrer.»

Sophie wohnt mit drei Geschwistern, den Eltern und den Grosseltern im selben Haushalt, zu dem auch noch ein Hund und ein Kater gehören. «Wenn meine Eltern keine Zeit haben, gehe ich einfach zu den Grosseltern und erzähle ihnen, was ich auf dem Herzen habe.»

Ein Haus oder eine schöne Wohnung ist allen befragten Kindern und Jugendlichen wichtig. Während für die Jüngeren das Zuhause ein Hort der Geborgenheit ist, bedeutet es für die Älteren einen Stützpunkt, von dem aus sie ihren Freiraum erobern. «Am besten ist es», sagt die 16-jährige Illona Koch aus Malters LU, «wenn die Eltern an einem Ort wohnen, an dem auch sie sich wohl fühlen. Denn wo es ihnen gefällt, wird es auch den Kindern gefallen.»

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Die zwölfjährige Bindu Johanna Sahdeva aus Basel wünscht sich eigenen Raum und eigene Mittel. «Für ein gutes Zusammenleben in der Familie braucht es ein grosses Haus, in dem sich alle zurückziehen können, wenn sie nicht gestört werden wollen. Es wäre ganz okay, wenn man mehr Taschengeld bekommen würde. Für jede Klasse einen Franken mehr.» Ausserdem träumt sie von einem Kamin. «Das gäbe sicher eine gemütliche Stimmung im Raum. Aber man kann halt nicht alles haben, was man will.»

«Viele Jugendliche in der Pubertät verdrehen genervt die Augen, wenn das Thema Familie aufkommt», sagt die zwölfjährige Dominique Steiner aus Pratteln BL. «Die meisten legen dann gleich los und erzählen, dass sie nichts dürfen, viel zu wenig Sackgeld bekommen, nur Ärger mit den Eltern haben, immer helfen müssen und gegenüber den Geschwistern benachteiligt werden.»

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Dominique ist davon überzeugt, dass Krach zwischen Familienmitgliedern normal ist und der Liebe keinen Abbruch tut. «Auch ältere Kinder haben ihre Familie sehr gern. Manchmal bin ich richtig wütend auf meine Eltern oder auf meine kleine Schwester. Aber ich bin dennoch froh, dass ich mit diesen Menschen zusammenlebe und nicht mit anderen.»

Bedrohlich hingegen wirken Streitigkeiten zwischen den Eltern. Viele Kinder sind hilflos; sie fürchten, die Eltern könnten auseinander gehen, und fühlen sich verantwortlich oder sogar schuldig. Bindu Johanna Sahdeva findet deshalb: «Eltern sollen nicht vor den Kindern streiten das lärmt. Sie sollen auch kleine Zänkereien vermeiden.» Maurice Ndotoni bietet den Eltern Hilfe an: «Wenn sie sich streiten, sollten sie jemanden suchen, der ihnen den Streit lösen hilft, zum Beispiel die Kinder.» ¬

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Illona Koch wagt, einen mutigen Satz auszusprechen: «Na ja, wenn ich meine Eltern so anschaue, denke ich manchmal, es wäre besser, sie würden getrennt leben.» Doch dann verwirft sie diesen Gedanken gleich wieder: Das Wichtigste sei doch, «dass es harmoniert und die Kinder keine Angst vor den Eltern haben müssen oder Stress durch das Hin und Her, wenn die Eltern geschieden sind».

Eine Zwölfjährige, die ungenannt bleiben möchte, sagt: «Beim Zusammenleben ist es wichtig, dass man einander vertrauen kann. Es wäre auch gut, wenn Eltern einem nicht solche Dinge wie Halt deinen Mund, du freche Nuss! an den Kopf werfen würden. Auch wenn es manchmal nicht so gemeint ist, nimmt man es oft zu ernst.»

«Wenn das Zusammenleben schön sein soll», findet Sophie Langloh, «dann muss man einander helfen, beispielsweise bei kleinen Arbeiten im Haushalt, mit dem Hund spazieren gehen oder aufräumen.

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Eigentlich bin ich aber auch froh, wenn es andere machen»

Mithelfen macht für Maurice Ndotoni das Zusammenleben nicht nur angenehmer, sondern überhaupt erst möglich. Kinder sollten seiner Meinung nach ihre Spielsachen selber wegräumen, zusammen mit den Eltern den Tisch decken und abwaschen helfen. Und sie sollen auch Rücksicht nehmen: «Wenn die Eltern Ruhe wollen, sollen die Kinder sie nicht stören.»

Klare Grenzen setzen die Kinder bei ihrem Privatleben. Die Eltern sollen sie nicht «stundenlang» ausfragen, findet Dominique Steiner. Auch Briefe oder E-Mails gehen die Eltern nichts an. Dafür sollen sie ihren Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken. «Am meisten stört mich, wenn ich Mutter oder Vater etwas erzähle, was mir wichtig ist, und ich merke, dass es sie gar nicht interessiert», sagt Dominique.

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«An alle Erwachsenen und Eltern, die das lesen» wendet sich die 15-jährige Valérie Giger aus Leuk Stadt VS mit der Mahnung: «Es ist falsch, uns Kindern alles zu geben!» Wenn ein Kind ankündige, es komme nach Mitternacht zurück, sollten die Eltern nicht einfach nicken und so tun, als wäre es ihnen gleichgültig. «Natürlich bin ich froh, wenn sie zu etwas Ja sagen. Aber ein Kind wird mit der Zeit unzufrieden, wenn ihm seine Eltern alles geben und erlauben.»

Das Gleiche gelte natürlich auch, wenn Eltern den Kindern alles nehmen möchten. Valérie: «Was wir wirklich und immer brauchen, sind Liebe und Zärtlichkeit. Und die Eltern sollen uns Vorbilder sein und immer da sein, wenn wir sie brauchen. Dann gibts bestimmt weniger Zoff und Stress.»

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