«Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären» - nichts regt Elisabeth Schiwoff mehr auf als dieser Bibelspruch. «Geburt ist Arbeit, aber doch kein Martyrium, gopfridstutz.» In den letzten 55 Jahren hat sie mehrere tausend Frauen unterrichtet. Die Frauen kommen in ihre Kurse für Geburtsvorbereitung, weil ihre Mütter schon bei ihr waren.

«Sie ist wie ein Berg, bodenständig», hatte eine Freundin gesagt, die vor der Geburt ihrer Kinder jeweils bei ihr war. Jetzt, beim Treffen in Schiwoffs Zürcher Altbauwohnung, sitzt man einem Menschlein gegenüber, zierlich. Die Haut sehr hell, die Lippen zartorange geschminkt.
Geht es um ihre Sache, fegt die Stimme der 85-Jährigen wie ein Windstoss durchs Zimmer, die Augen glänzen wie flüssige schwarze Tinte. Ihre Sache, das ist die einfache Formel: Wissen gegen Angst. «Die Frau muss wissen», sagt Elisabeth Schiwoff. Sie muss wissen, was bei der Geburt auf sie zukommt. Nur so kann sie mit der Angst umgehen, die unweigerlich kommt, spätestens wenn die Wehen einsetzen. Die Angst vor dem Schmerz. Doch der Schmerz ist kein Ungeheuer, der Schmerz ist vielmehr ein wildes Tier, das man zähmen kann. Man muss es nur genau kennen. Elisabeth Schiwoff macht die Frauen zu Dompteusen ihres Geburtsschmerzes.

«Meine Arbeit ist politisch, ich stehe ein für die Emanzipation der Frau», sagt sie. Es geht darum, wer das Sagen hat im Kreisssaal. Der Arzt? Die Gebärende? Es geht um Fremd- und Selbstbestimmung. «Ich will, dass die Frau gebären kann, wie sie es will. Niemand soll über sie bestimmen.» Erst jetzt lehnt sich Elisabeth Schiwoff entspannt in ihrem Schaukelstuhl zurück.

Der eigene Schmerz als Ansporn
Die Bitte zu erzählen, womit alles begann, lässt sie den Blick senken. Ihr erstes Kind gebar sie 1946, mit 23 Jahren. «Eine Horrorgeburt, der Schmerz überwältigte mich.» Sie sei dem Schmerz völlig ausgeliefert gewesen. «Ich hatte keine Ahnung, wie ich es machen soll. Niemand sprach damals übers Gebären.» Diese Ohnmacht, diese Hölle, nie wieder würde sie ein Kind zur Welt bringen, das schwor sie sich. Erst acht Jahre später brach sie den Schwur.

Als Elisabeth Schiwoff in ihrem Wohnzimmer voller Bücher und Leselämpchen an diesem Punkt ihrer Lebensgeschichte anlangt, muss sie plötzlich laut loslachen. Der kleine Körper bebt vor Fröhlichkeit, in ihren Augen glitzert der Schalk. Eine Zuversicht, die nicht kleinzukriegen ist, vielleicht kommen die Frauen deshalb zu ihr, seit Jahrzehnten. Jede will ein Stückchen davon abhaben.

Nach der «Horrorgeburt» gab es für Elisabeth Schiwoff zwei Möglichkeiten weiterzuleben - als «naiver Totsch, verwundet in der Seele» oder als selbstbewusste Frau. Angst oder Wissen? Sie begann zu lesen, wie eine Besessene, Bücher von Ärzten aus Frankreich, England und der Sowjetunion, alle vertraten dieselbe Idee: Den Geburtsschmerz kann man mit Hilfe von Entspannungsübungen lindern. «Das war eine Offenbarung.» Sie suchte den Kontakt zu Hebammen und Gynäkologen, fand Gleichgesinnte. Zusammen gründeten sie 1952 in Zürich den Berufsverband für Geburtsvorbereitung.

«Elisabeth Schiwoff ist die Pionierin der Geburtsvorbereitung», sagt der Allgemeinmediziner Bruno Maggi. In seiner Praxis führt er viele Schwangerschaftskontrollen durch, seinen Patientinnen empfiehlt er ihren Kurs. «Sie ist eine Weise.» Weil sie die Gabe habe, den Frauen Selbstbewusstsein und Vertrauen in ihre eigene Natur zu vermitteln.

Heute gibt Elisabeth Schiwoff noch zwölf Kursstunden pro Woche, für Geburtsvorbereitung und, nach der Geburt, für Rückbildung. Ob sie ans Aufhören denkt? Die Frage löst eine zweite Fröhlichkeitsattacke aus. Dann wird sie ernst, spricht mit einer Stimme, weich und fein wie Puderzucker: «Nein, nein, ich kann nicht aufhören, ich habe meine Frauen doch so gern.» Manchmal aber verstehe sie ihre Frauen nicht. Was geht in jenen Frauen vor, die gar keine natürliche Geburt mehr wollen, sondern sich von vornherein für den Kaiserschnitt entscheiden? Immer häufiger habe sie solche Frauen im Kurs. «Die wollen nicht wissen.» Da mische sie sich nicht ein. Bei ihr gibt es keine Muskelspielchen. Wer Selbstbestimmung will, darf nicht Überzeugungen aufzwingen. Sie nimmt jede Frau, wie sie ist, vielleicht kommen sie deshalb so gerne zu ihr. «Sie ist unvoreingenommen, ohne Doktrin», sagt die Frauenärztin Nanette Jörg, die Elisabeth Schiwoff seit Jahrzehnten kennt.

Wie wird man zur Pionierin, woher nimmt man den Mut, Erste zu sein und immer auch ein wenig einsam? Sie zuckt mit den Schultern. «Ich habe mich einfach immer gefragt: Muss das Leben wirklich so sein, wie wir es erleben?» Es ist diese Frage, die ihr in ihrem Leben immer einen kleinen Vorsprung verschafft. Sie ist eins der ersten Mädchen im Kanton Aargau, die Matura machen, eine der ganz wenigen jungen Frauen, die damals auf die Zürcher Schauspielschule gehen und danach selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Als Schauspielerin am Zürcher Schauspielhaus, als Bewegungslehrerin an der Schauspielschule, mit Kasperlitheater.

Ein Mensch, der fast platzt vor Glück
«Muss es so sein, wie wir es erleben? Muss es immer das Naheliegende sein?» Diese Frage steht auch am Anfang einer grossen Liebesgeschichte. «Viele Schweizer Männer wollten mich, aber ich habe abgewartet und mich dann in ihn verliebt, weil er anders war.» Die Rede ist von Grigorij Schiwoff, Sohn russischer Einwanderer, damals Geschichtsstudent und Statist am Schauspielhaus, heute 90 Jahre alt und «mein Chauffeur und Abwaschmann». Neckisch schlägt sie die Augen nieder, spielt die Züchtige. Alles im Zimmer scheint plötzlich zu vibrieren, weil hier ein Mensch sitzt, der fast platzt vor Glück.

Später kommt auch er, dünn wie ein Streichholz, hellwacher Blick. Er erzählt, wie sie sich 1944 im Theater kennenlernten, «der glücklichste Moment meines Lebens», sie hört lächelnd zu. «Wir hatten dieselbe sozialistische Weltanschauung, nächtelang diskutierten wir», sagt er. Wenn er sie charakterisieren müsste - «sie ist sehr, sehr begeisterungsfähig, und sie hat eine unglaubliche menschliche Wärme».

Mittwochnachmittag im Studio, in dem Elisabeth Schiwoff ihre Kurse gibt. Fünf schwangere Frauen liegen auf Matten, nur sie steht. Sie üben Atemtechniken. Elisabeth Schiwoff gibt Anweisungen, immer wieder sagt sie den Frauen: «Sie müssen sich wohl fühlen.» Es passiert nicht viel in dieser Stunde. Nach dem ersten Gespräch mit Elisabeth Schiwoff hatte man sich das Ganze irgendwie anders vorgestellt, vielleicht kämpferischer. Das Studio war in der Phantasie zur Zentrale einer politischen Frauenbewegung geworden. Aber vielleicht ist die unspektakuläre Atmosphäre das beste Mittel gegen die Angst. Vielleicht kommen die Frauen auch so gern hierhin, weil hier die Geburt noch immer das Normalste auf der Welt ist.

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