Verlegen sitzt der sechsjährige Tim am Esstisch seines Elternhauses im zürcherischen Hütten ob Wädenswil. Neben ihm seine Mutter Karin Waldvogel und seine Grossmutter Kathrin Höhener, genannt Mamama. Tim soll erzählen, wie er es so mit dem Lügen hält. Schwierig für ihn in dieser Runde. Verschmitzt lächelt er und murmelt: «Mach ich nicht so oft.» Erstaunt schaut ihn seine Mutter an. Auch Mamama nimmt ihm das nicht wirklich ab.

Lügen aus Angst

Die 68Jährige erzählt aber zuerst von ihrer eigenen, schwierigen Kindheit im Emmental. Aufgewachsen in einer armen Bauernfamilie als neuntes von zwölf Kindern, wovon drei früh verstarben, kannte sie vor allem Arbeit, Strenge und Ungerechtigkeit. Ihr leiblicher Vater starb, als sie anderthalb Jahre alt war. Der Stiefvater dann machte der Grossfamilie das Leben zur Hölle: «In meiner Erinnerung gibt es nur die Angst vor ihm und seinen Schlägen.» Gelogen habe sie oft, Notlügen wegen Bagatellen, damit sie nicht verprügelt wurde. Zum Beispiel wenn sie mal etwas später aus der Schule kam, weil sie noch mit einer Kollegin geschwatzt hatte. Sie log und sagte etwas von Nachsitzen in der Schule oder Ähnliches. Ihre Mutter habe jeweils gesagt, dass sie ihr es ansehe, wenn sie lüge. Ihr Lieblingsspruch sei gewesen: «Wenn du so lügst, kommst du nicht in den Himmel.» Und sie habe das geglaubt. Lügen galt damals als schlimmes Vergehen, viele Kinder im Dorf seien deswegen geschlagen worden.

Flunkern aus Eifersucht

Solch schlimme Erinnerungen hat ihre Tochter Karin Waldvogel nicht. Die 38jährige Hebamme lacht: «Sicher habe ich auch mal geflunkert. Manchmal aus Eifersucht auf meinen Bruder. Aber nie aus Angst.» Sie erinnert sich, dass sie im Winter immer eine Wollmütze anziehen musste, was sie gehasst habe. Natürlich lief sie ohne herum und zog die Mütze erst kurz vor dem elterlichen Zuhause an. «Meine Mutter fragte dann immer, warum ich so rote Ohren habe. Ich antwortete, mir sei so heiss gewesen unter der Mütze.» Grossmutter Höhener schmunzelt. Kon­sequenzen hätten solche Lügen für ihre Tochter nie gehabt. Einmal, erzählt Karin Waldvogel, habe ihr im Winter eine Möwe auf den Kopf gekackt «da konnte ich natürlich nicht mehr lügen».

Tim lacht. Der aufgeweckte Kindergärtler schnappt sich den xten Keks vom Tisch. Seine Mutter schaut ihn streng an und sagt: «Jetzt hast du schon fünf gegessen. Das reicht.» Keck sagt Tim, es seien doch erst zwei gewesen. Er kann also doch ganz gut lügen.

Seine Mutter erzählt ein paar Müsterchen aus seinem Repertoire. Er sei ein schlechter ZnüniEsser, halte nicht viel von gesunden Dingen wie Früchten oder Vollkornbrot, wolle am liebsten nur Schokolade. Meist habe er den Znüni aus dem Chindsgi wieder mit nach Hause gebracht, einmal aber nicht und ganz stolz erklärt, er habe alles aufgegessen. Am Abend erfuhr sie von der älteren Schwester, dass er seinen Znüni einfach weggeworfen hatte.

Karin Waldvogel redete daraufhin Tacheles mit ihrem Sohn. «Es ärgert mich, wenn er mich so anlügt.» Sie erklärte ihm, dass das nicht in Ordnung sei; es gebe Kinder, die Hunger litten, und er schmeisse sein Essen einfach weg. Fünf Franken musste Tim aus seinem Kässeli dafür herausrücken, und Hausarrest gab es dazu. Er weinte bitterlich, erinnert sich Waldvogel. Als sie ihn fragte, weshalb, antwortete er: «Wegen des ‹verlorenen› Fünflibers.»
Oft erklärt Tim seiner Mutter auch, dass er nur schnell auf den Schulhausplatz in der Nähe spielen gehe. Meist besucht er dann aber einen Freund viel weiter weg, und seine Mutter sucht ihn vergebens. «Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht persönlich angegriffen fühle, wenn er so lügt», erklärt Waldvogel. Er tue es ja wegen der Sache und nicht ihretwegen, meint sie. Lügen habe bei ihr fast immer Konsequenzen: «Das wissen meine drei Kinder. Meist gibt es Hausarrest.» Grossmutter Höhener erklärt lächelnd, dass sie manchmal den Hausarrest aushalten müsse, wenn sie gerade dann zum Hüten komme: «Ich bin dann nicht ganz so streng.»

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Schummeln als Selbstschutz

Tim meldet sich zu Wort. Er gehe gern ins Zimmer von Anina, seiner zehnjährigen Schwester. Weil sie einen CD-Player und Kassettenrecorder habe. Nur seine Schwester schätzt das ganz und gar nicht, weil Tim dort nicht nur Musik hört, sondern auch noch ein Durcheinander anstellt. «Ich sage dann immer, das sei Flurina gewesen», erklärt Tim. Flurina ist seine kleine, zweijährige Schwester. Und funktioniert diese Lüge? Tim schüttelt den Kopf: «Meistens nicht.» Deshalb lüge er ja nicht oft, weil es meist nichts nütze. Mutter und Grossmutter schauen sich schmunzelnd an: Die Logik von Kindern ist genial.

Quelle: Ursula Meisser
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