«Das ist mein Auto», schreit Thomas und reisst der Schwester das Spielzeug aus der Hand. Verärgert trampelt das Mädchen durch den Playmobilzoo ihres Bruders, wodurch der nun vollends in Rage gerät. Im Nu liegen sich die zwei in den Haaren; kurz darauf amüsieren sie sich aber schon wieder gemeinsam über Globis lustige Abenteuer ab Tonband.

So schnell, wie sich Kinder streiten, versöhnen sie sich auch wieder. Ob sie miteinander verwandt sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Der deutsche Schriftsteller und Satiriker Kurt Tucholsky meinte auf die Frage, was Geschwister von wilden Indianerstämmen unterscheide: «Wilde Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – Geschwister jedoch können gleichzeitig beides.»

Auch wenn Eltern genau wissen, dass Geschwisterstreit normal ist, dass Kinder soziales Verhalten erst lernen müssen, können die ständigen Zänkereien den häuslichen Frieden ganz schön belasten. Die Mutter des 14-jährigen Raphael und der 12-jährigen Melanie hat Verständnis dafür, dass sich ihre Kinder nicht vertragen. Der erstgeborene Sohn war von Anfang an ein glückloser Schüler und verkehrt in dubiosen Jugendcliquen. Die Tochter hingegen schafft Gymnasium, Musikstunden und Akrobatikunterricht spielend.

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«Die ist einfach eine doofe Streberin», findet Raphael. Während Melanie in der Schule und im Elternhaus Lob erntet, ist beim Bruder von Nachhilfestunden die Rede, und für seine Lausbubenstreiche drohen ihm Strafen. Wahrlich keine ideale Voraussetzung für eine innige Liebe zwischen zwei Teenagern.

Zum Glück verlieren Rivalitäten im Erwachsenenalter oft an Bedeutung, und die Beziehung entspannt sich. Trotzdem verzweifeln Mütter manchmal fast, wenn sich ihre Kinder gegenseitig attackieren und fertig machen. Sie können sich damit trösten, dass Geschwisterzwist bereits im Alten Testament vorkommt – und zum Glück nur selten so tragisch ausgeht wie dort, wo Kain seinen Bruder Abel erschlug.

Nicht nur eine Frage der Erziehung
Rivalität zwischen Geschwistern ist weit verbreitet und verständlich. So gleich und gerecht, wie es sich die Eltern einst vorgenommen hatten, behandeln sie nämlich ihre Kinder nicht. Was erzieherisch bei einem Kind fruchtet, kann bei seinem Geschwister einen ganz anderen Effekt erzielen. Zudem wird der scheinbar gleiche Umgang von jedem Kind unterschiedlich erlebt. So müssen sich Geschwister, die mit denselben Ritualen aufwachsen, dieselbe Suppe essen und dieselben Werte mit auf den Weg bekommen, überhaupt nicht gleich, ja nicht einmal ähnlich entwickeln.

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Wie sonst wäre es möglich, dass sich Brüder und Schwestern, die während ihrer ganzen Kindheit zusammengelebt haben, so ganz und gar unterschiedliche Erwachsene werden? Warum wird einer ein erfolgreicher Geschäftsmann, der andere ein Krimineller? Oder warum geniesst eine Tochter ihr Hausfrauendasein, während ihre Schwester beim blossen Gedanken ans Kochen Zustände bekommt?

Eltern haben nicht so viel Einfluss auf die Zukunft ihrer Kinder, wie sie es gerne sähen. Robert Plomin, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Verhaltensgenetik, hält in seinem Buch «Warum Geschwister so verschieden sind» fest, dass der Blutsverwandtschaft eine viel geringere Bedeutung zukommt, als bisher angenommen wurde. Die Studien des Verhaltensgenetikers beweisen, dass Begabungen oder Veranlagungen nicht so geschwisterlich verteilt sind, wie es auf den ersten Blick den Anschein macht. Geschwisterunterschiede sind nämlich ausgeprägter als Geschwisterähnlichkeiten. Beispiele wie Emily, Charlotte und Maria Brontë, die drei englischen Schriftstellerinnen, die alle grosses Talent und eine aussergewöhnliche Vorstellungskraft besassen, bilden die Ausnahme.

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Der Film «Hilary & Jackie» handelt von den zwei Schwestern und Musikerinnen Hilary und Jacqueline Du Pré. Letztere erkrankt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Cellistin an multipler Sklerose. Die Beziehung zwischen den beiden Frauen schwankt im Verlauf ihrer unterschiedlichen Lebenswege zwischen Bewunderung und familiärem Verantwortungsgefühl. Die Geschwisterliebe geht sogar so weit, dass Hilary ihrer Schwester den Ehemann für eine Liebesnacht entlehnt. So viel Opferbereitschaft ist sicher nicht alltäglich.

Als Erwachsene ist man sich egal
Im Erwachsenenalter sind sich Geschwister ziemlich egal – oder sie streiten sich noch immer wie in der Kinderstube, jetzt allerdings über Geld oder familiäre Verpflichtungen. Oder aber, was nicht selten vorkommt, sie können sich weder verstehen noch ausstehen. Margot hat ihren Bruder seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Er machte ihr unmissverständlich klar, dass er weder ihren Lebensstil noch ihren Charakter schätze oder akzeptiere. «Ich fühle mich total ausgestossen und abgelehnt», erklärt die Körpertherapeutin und pflegt keine verwandtschaftlichen Beziehungen mehr. Ein Jurist hat sich von seinem homosexuellen Bruder distanziert, weil er sich seiner schämt.

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Nur positive Erfahrungen machen die Geschwister Uffer miteinander. Sie betreiben seit fünf Jahren zusammen eine Physiotherapeutinnenpraxis in St. Gallen. «Meine Zwillingsschwester und ich waren schon immer sehr eng miteinander verbunden», erzählt Karin Uffer. Für die sieben Jahre jüngere Schwester Alexandra war es wohl früher nicht immer einfach, sie stand mitunter im Schatten der «Unzertrennlichen». «Jetzt arbeiten wir alle drei gut zusammen, und durch die Vertrautheit gibt es stumme Absprachen, eine unausgesprochene Übereinstimmung. Das ist sehr kostbar», erklärt Karin Uffer. «Mit jemand anderem als meinen Schwestern hätte ich es nicht gewagt, eine eigene Praxis aufzumachen.»

Ein Leben lang im selben Haushalt
Ein Leben lang zusammengeblieben sind Maria, Therese und Beni Niggli in Baar ZG. Die drei ledigen Geschwister wohnen immer noch im Elternhaus, pflegten gemeinsam ihre Eltern bis zu deren Tod. Maria Niggli, seit kurzem pensionierte Hebamme, hat die Hausfrauenrolle übernommen. Doch sie betont, dass sie ihre Geschwister nicht verwöhne: «Jedes von uns trägt seinen Teil dazu bei, dass unsere Wohngemeinschaft funktioniert.» Das Zusammenleben ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden, doch alle drei pflegen auch ihren eigenen Bekanntenkreis. «Es sieht im Moment so aus, als würden wir drei für den Rest des Lebens zusammenbleiben», meint Maria Niggli. Die Baarer Geschwister sind zwar eine Minderheit, aber keine Ausnahme: Im Internet sind 152 Adressen von Geschwistern aufgeführt, die in Hausgemeinschaft leben.

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Auch die Geschwister Biberstein stehen sich privat und beruflich nahe. Das Volksmusikquartett ist seit 25 Jahren erfolgreich mit Schweizer Mundartschlagern unterwegs. «Damit eine gute Bühnenpräsenz möglich ist, braucht es Vertrauen zueinander, Verantwortungsgefühl und Verständnis füreinander», sagt Ruth Schellenberg-Biberstein, die die Gruppe managt. Für die vier Schwestern vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht miteinander telefonieren. «Der familiäre Zusammenhalt ist sehr gross. Unsere Partner mussten sich zuerst daran gewöhnen, dass wir Frauen immer etwas miteinander zu reden haben.»