Die Luft riecht nach Frühling, draussen vor dem Haus an der Neudorfstrasse 5 in Diepoldsau SG. Hinter der Fensterscheibe: ein Zoo. Wellensittiche, strubbelige Meersäuli, Enten, ein Fuchs und viel geschütztes Waldgetier - vorschriftsmässig plombiert, wie es sich bei Präparaten von seltenen Tieren gehört. Oben auf dem Regal lässt eine Katze entspannt ein Bein nach unten hängen, an der Wand scheint sich eine Möwe emporzuschwingen. «Das Grösste, was ich präpariert habe, war ein Löwe, das Ungewöhnlichste ein zweiköpfiges Kalb», sagt ein leger gekleideter Mann im Türrahmen. Er bittet herein: Drinnen fühlt man sich tierisch beobachtet.

Franz Grabner öffnet die Tür zum hintersten seiner drei Werkräume. Der strenge, leicht stechende Geruch von Ameisensäure steigt in die Nase. Dort, im «Metzgerbereich», liegt die Haut eines Büsis im Gerblaugenbad, einer Geheimrezeptur, die der Tierpräparator von seinem Lehrmeister mitbekam. Damals, als er 1983 im Kanton Graubünden die Ausbildung absolvierte. Über die Jahre hinweg hat er nicht nur die Tinktur, sondern auch den Job den modernen Zeiten angepasst.
Als Präparator arbeitet der 42-Jährige seit 1995 nur noch nebenher, abends und am Wochenende. Das Auskommen für die Familie verdient er im Dentalbereich. «Tierpräparator war und ist ein hartes Brot», sagt er. Der Anspruch an die Präparationen sei hoch, die zu erzielenden Preise seien niedrig, und wer als freier Tierpräparator durchkommen wolle, müsse sich Museumsaufträge sichern und fast schon Fliessbandarbeit leisten. «Das ist nichts für mich. Ich liebe die Vielfältigkeit dieses Berufs und will jeden Arbeitsschritt ohne Druck geniessen.» Dass er auch Haustiere präpariert, die ihre Besitzer ihm bringen, macht seine Arbeit noch abwechslungsreicher. Und: «Niemand freut sich so überschäumend über die Präparate wie diese Kundinnen und Kunden.»

Eine von ihnen ist die Baslerin Nadya De March. Noch während sich der Schlüssel in der Tür zu ihrer Wohnung dreht, erschallt ihre Stimme. «Hallo, wo seid ihr?», ruft sie freudig. Drinnen wartet niemand. «Zumindest kein Mensch», so die zierliche Frau mit den dunkel umrahmten Augen. In der Ecke des Badezimmers raschelt ein kleines weisses Wesen. Ein Hamster, Nummer eins ihrer zwei nagenden WG-Kollegen. Die 36-Jährige läuft ins Nebenzimmer und stellt weitere Bewohner vor. Lady ruht in einem lilafarbenen Flakon, ein Häufchen Asche, mehr nicht. Daneben, liebevoll drapiert, ein gleichfarbener Bilderrahmen, der das putzige Zwergkaninchen von seiner lebendigen Seite zeigt. «Tiere sind die besseren Freunde», behauptet De March. «Lady hat mich auf meinem Weg begleitet. Da konnte ich mich nicht ohne weiteres von ihr trennen.»

«Jagdtrophäen finde ich seltsam»
Im Wohnzimmer erwartet sie Diva. Die Hinterbeine ausgestreckt, macht sie sich auf der Sofalehne lang. Ihr Fell glänzt in der Sonne, und doch wirkt sie unnatürlich starr. Diva ist ein Hasenpräparat, echtes Haar über künstlichem Körper. Vor wenigen Wochen erst bekam Nadya De March ihr Haustier zurück. Drei Monate musste sie darauf warten. Fast so lange hatte Diva nach ihrem Tod im Gefrierfach ihrer Besitzerin gelegen. «Diva starb in meinen Armen», erinnert sich die junge Frau, schluckt und nimmt ihren Hasen auf den Schoss. «Ich hatte anfangs Hemmungen, so ein Getue um ein totes Tier zu machen», erklärt sie mit rechtfertigendem Unterton. Zärtlich krault sie über Divas Rücken. Der ist hart, wenngleich sich das Fell auch seidig anfühlt. Nadya De March stört das nicht.

Viele Jahre haben die beiden zusammen verbracht. Es sei ein besonderer Hase gewesen. Eine Type mit eigenem Kopf und Marotten. Aber sie hätten sich verstanden - auch ohne Worte. «Das können nur Tierliebhaber nachvollziehen», sagt De March. Diva habe ihr so viele schöne Gefühle geschenkt, das verbinde sie über den Tod hinaus. «Sich Jagdtrophäen an die Wand zu hängen, finde ich seltsam, nicht aber, dass ich mein Haustier behalten will», sagt sie. Die Umsetzung ihrer Entscheidung gestaltete sich schwierig. Ihr erster Telefonanruf - Fehlanzeige. Präparationen ja, Haustiere nein, bekam sie zur Antwort. Erst bei Franz Grabner wurde sie fündig.

Der Schädel in der Tiefkühltruhe
Stolz zeigt Grabner seine Werkstatt. Die ist blitzeblank und gut ausgerüstet: An der Wand hängen Drähte, Messer und Eisenscheren neben Zangen, Klebstoff und Pflegemitteln. Gips und Holzwollesäcke sind trocken verstaut, die Chemikalienbehälter stehen unter dem Spültisch. Fäden, Farben und Pinsel füllen die Schubladen. Auch eine Airbrush-Anlage und eine Holzbearbeitungsmaschine fehlen nicht. Die Kühltruhe im Ausstellungsraum ist randvoll, ihr Inhalt ein wenig gruselig: ein abgehäuteter Katzenschädel, farblose Leguane, erstarrte Meerschweinchen und gefrorenes Fleisch, das auf die Entsorgung wartet.

Das Haustier, des Menschen bester Freund: Rund 1,4 Millionen Katzen und ein halbe Million Hunde lebten nach Schätzungen aus dem Jahr 2004 in Schweizer Haushalten. Stirbt ein Tier, bricht es den Besitzern oft das Herz. Auf den Tierfriedhof, in die Verwertungsanlage oder unter den Busch im heimischen Garten führt meist der letzte Gang. Wer sich nicht trennen will, lässt sein Tier präparieren, hält fest an der körperlichen Materie, denn was greifbar bleibt, scheint weniger vergangen. Die Zahl derer, die sich solche dreidimensionalen Erinnerungen leisten wollen, steigt. Nur wenige Präparatoren aber nehmen sich der verstorbenen Lieblinge an. Franz Grabner ist einer von ihnen.

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Ein Geschäft mit schlechtem Ruf
Haustierpräparationen sind ein unbeliebtes Geschäft. Grabner ist Mitglied im Verband naturwissenschaftlicher Präparatoren der Schweiz und weiss, dass diese dort nicht gut angesehen sind. «Professionelles Arbeiten ist Ehrensache», sagt er dazu knapp, schliesslich sei er dem Branchenkodex verpflichtet. «Egal, wie professionell das Präparat sein mag, die Gefahr ist gross, dass die Erwartungen der Auftraggeber enttäuscht werden», erklärt Verbandspräsident Christoph Meier die kritische Haltung in den eigenen Reihen. «Unzufriedene Kunden sind programmiert. Das könnte dem Ruf der Branche schaden.»

Ein bis zwei Kollegen in der Schweiz, schätzt Grabner, präparieren ebenfalls Haustiere. Auch er hat sich lange gescheut. Der Grund: Ein Fuchs ist ein Fuchs, ein Reh ein Reh. Ihre Charaktereigenschaften sind dem Waidmann egal. «Hauptsache, das Tier ist professionell präpariert und ein wenig stattlicher, als es ursprünglich war», schmunzelt er. An Haustieren aber hängen Gefühle. Da gelangt die Machbarkeit rasch an ihre Grenzen. «Die Besitzer suchen die Seele des Tiers. Ich kann ihnen aber nur das bestmögliche Abbild des Körpers geben.» Solche Präparationen brauchen Zeit und Feingefühl und sollen noch dazu erschwinglich sein. Die vielen Stunden, die vor allem seine Frau Claudia der meist weiblichen Kundschaft widmet, können Grabners kaum in Rechnung stellen. Sie tröstet, hört sich die Lebensgeschichten der Tiere an, nimmt den Kunden die Furcht, mit ihrem Präparationswunsch vielleicht doch etwas sonderbar zu sein. «Meist müssen wir die Erwartung dämpfen. ‹Wir können Ihr Tier nicht mehr zum Leben erwecken›, sagt meine Frau dann ganz direkt», berichtet Grabner.

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Nicht jeder Wunsch wird erfüllt
Gefroren kommen die verstorbenen Lieblinge in Diepoldsau an. Teilweise per Post, meist aber in Begleitung ihrer Besitzer. Werden die Tiere aufgetaut und konserviert, müssen Herrchen und Frauchen jedoch draussen bleiben. Nicht ohne Grund: «Gehst du da wohl durch», flucht Grabner leise und zupft und ruckt an einer Katzenhaut herum. Die Tatze lässt sich nur mühsam durch den Beinschlauch schieben, um so die Haut von innen nach aussen zu kehren. Grob sieht das aus, man mag kaum zusehen. «Ich liebe Tiere, aber Emotionen haben auf dem Präparationstisch nichts verloren», sagt Grabner sachlich und bestimmt. Nach dem Tod gehe die Seele einen Weg, der Körper einen anderen. «Ich kann keine Wunder vollbringen, und zaubern kann ich auch nicht.»

17 Stunden dauert es, bis aus einem gefrorenen Büsi ein glänzendes Kätzchen wird, da macht die Haut so einiges mit. Grabners Handwerk ist ein gestalterisches - und ein verblüffend geruchsneutrales. Ist die Metzgerarbeit erst einmal vorbei, die Haut gegerbt und verarbeitungsbereit, gibt es keinen Grund mehr, die Nase zu rümpfen. Holzwolle, Farben, Klebstoffe, danach riecht es. Von totem Tier - keine Spur.

Grabner streift die Handschuhe über und legt einen über Wochen gegerbten, gegen Schädlinge behandelten Katzenbalg auf die Werkbank. Behutsam stellt er die Totenmaske - einen Schädelabguss aus Gips - an die Wand, prägt sich die Feinheiten des Katzengesichts ein. Vor ihm liegt ein Bild des Katzenoriginals. Das Foto ist unscharf, die Augen im Blitzlicht sind überbelichtet. «Solche Vorlagen habe ich oft», seufzt er und zückt sein Kundenbuch. Masse, Gewicht, Augenfarbe und Wunschposition hat er darin notiert. «In der Regel empfehle ich eine Ruhehaltung.» Nicht, weil die einfacher ist, sondern schlicht am natürlichsten. «Ein Haustier, das in der Bewegung erstarrt, wirkt tot. Das möchte niemand jeden Tag ansehen», so Grabner.

Unzählige Haustiere hat der Präparator in den letzten Jahren behandelt, fünf pro Monat - grob geschätzt. Weder die eigene Arbeit noch die Wünsche der Kunden hält er für makaber. «Solange ihnen klar ist, dass das Tier nicht mehr lebt.» Gelegentlich allerdings schickt er Kunden nach Hause. Die Präparation kopulierender Tiere etwa ist für ihn ein Tabu. Auch die Herzen rückt Grabner nicht heraus. «Ich habe Achtung vor den Tieren, und hier sind meine Grenzen erreicht.» Muskeln und Fleisch dienen ihm nur als Gedächtnisstütze. Aus der Erinnerung und nach Notizen formt der Fachmann so den künstlichen Körper, wickelt routiniert Holzwolle um ein Drahtgestell, zieht fest, bis es knarzt, wickelt weiter, formt Proportionen. Eine aufwendige Technik, echte Handarbeit, nichts anderes kommt in Frage. Später wird er den Körper mit Ton überziehen, die Haut darumspannen, die Nähte schliessen. Dann beginnt der exklusivste Teil der Haustierpräparation: das Modellieren des Gesichts und naturgetreue Schminken der Augen- und Ohrenpartie. Dafür nimmt sich Grabner viel Zeit. Er hat ein ruhiges Händchen, gezielt setzt er mit Pulverfarbe und Retuschierwachs Akzente. «Nicht die Wahl der Glasaugen ist entscheidend», räumt er mit einem gängigen Irrtum auf. Die Knacknüsse seien Form und Farbe der Lider, Augenabstand und die richtige Farbe von Näschen und Ohrmuschel. «Wenn das nicht stimmt, erkennen die Kunden ihre Tiere nicht wieder.»

Nadya De March hat das sofort getan. «Ich war furchtbar aufgeregt, als ich Diva abholte», erinnert sie sich. «Ist sie nicht wunderschön? Jetzt kann ich ihre Seele besser spüren», sagt die junge Frau und drückt dem steifen Präparat ein Küsschen zwischen die Ohren. Die knapp 500 Franken hat sie längst vergessen. So ist das mit der Liebe. Das Wesentliche ist für die Augen Unbeteiligter eben unsichtbar.

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