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Haustiere«Psychische Probleme sind bei jedem Tier möglich»

Die Schmusekatze geht plötzlich die Wände hoch, der sanfte Hund mutiert zum Kläffer: Die tierpsychologische Beraterin Gloria Isler weiss Rat – und auch, dass der ganze Ärger meist auf Missverständnissen zwischen Halter und Tier beruht.

Es ist nicht so, dass ein Hund oder eine Katze etwas tut, um dem Halter Schaden zuzufügen. Vielmehr ist es ihre Art zu kommunizieren: «Hey, hier stimmt etwas nicht, mir geht es nicht gut dabei.»
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Beobachter: Wie reagieren die Leute, wenn Sie sagen, was Sie beruflich machen?
Gloria Isler: Beim Stichwort Tierpsychologie stellen sich viele vor, dass die Katze quasi auf der Couch liegt und mir von ihren Problemen erzählt – das ist natürlich Unsinn. Darum stelle ich mich auch selten als diplomierte tierpsychologische Beraterin vor, sondern als Verhaltenstherapeutin, die Haltern bei Problemen mit ihren Tieren hilft.

Beobachter: Was muss man sich unter einem «psychischen Problem» bei einem Haustier vorstellen?
Isler: Meist bemerkt der Halter bald, dass sich das Tier nicht mehr «normal» verhält: Die Katze zerkratzt plötzlich die Möbel, oder der Hund bellt scheinbar ohne Grund. Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich oft, dass die Probleme haltungsbedingt sind. Das Tier hat nicht im eigentlichen Sinn ein psychisches Problem, sondern es macht in seiner Sprache deutlich, dass es mit einer Situation nicht klarkommt. Es kommuniziert mit einem aus unserer Sicht unerwünschten Verhalten. Wenn wir jedoch auf diese Signale nicht reagieren, führt das früher oder später zu psychischen Problemen.

Beobachter: Gibt es psychische Probleme bei Tieren, die unbemerkt bleiben, etwa weil sie den Halter eben nicht stören?
Isler: Ein plakatives Beispiel ist der Papagei, der sich die Federn selber ausrupft, oder die Katze, die sich kahlleckt – aber das sind ­leider häufig jene Fälle, die nicht zu uns kommen. Denn das wird meist weggeschoben, das Problem wird verdrängt: Das Tier juckt es halt, heisst es dann. Oder wenn zum Beispiel ein Hund nie spielt, sondern nur zum Fressen kommt und sein Geschäft erledigt, beim Spaziergang freudlos hinter einem herdackelt und sich zu Hause gleich wieder in seine angestammte Ecke verkriecht – auch da sollte ein Halter alarmiert sein. Aber solche stillen Signale werden leider häufig ignoriert.

Beobachter: Sind psychische Probleme bei jedem Tier denkbar? Kann denn ein Meerschweinchen depressiv werden?
Isler: Psychische Probleme sind grundsätzlich bei jedem Tier möglich – sie haben nur ­jeweils unterschiedliche Ursachen. Es gibt zum Beispiel Tierarten, die von Natur aus auf die Gesellschaft von Artgenossen an­gewiesen sind, zum Beispiel Meerschweinchen oder Wellensittiche, die tatsächlich depressiv werden, wenn sie allein gehalten werden. Oder generell Nager, die in ihren kleinen Käfigen häufig zu wenig Platz haben, um sich artgerecht zu verhalten. Ob nun aber ein Fisch depressiv werden kann? Es gibt wohl Grenzen, so etwas erkennen zu können. Anderseits existiert gute Fach­literatur, in der ideale Haltungsbedingungen für Fische erläutert sind.

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Beobachter: Wenn jemand Sie anruft und ein Problem schildert, etwa dass die Katze plötzlich überall hinpinkelt: Wie gehen Sie vor?
Isler: Als Erstes müssen gesundheitliche Ur­sachen ausgeschlossen werden. Zunächst kläre ich ab, wann das Tier das letzte Mal beim Tierarzt war. Es ist auch wichtig zu wissen, ob es noch gut sieht und hört, denn auch dadurch könnten Verhaltensänderungen eintreten. Optimal ist, wenn ich Tierhalter und Tier in der gewohnten ­Umgebung kennenlernen kann, da oft die Schilderung des Besitzers unbeabsichtigt mit der Realität nicht ganz übereinstimmt. Als Aussenstehende kann ich die Gesamtsituation objektiv beurteilen und dem Tierhalter erklären, weshalb das Tier das un­erwünschte Verhalten zeigt. Dann erarbeiten wir gemeinsam ein Programm zur Problembehebung, denn oft ist eine Veränderung im alltäglichen Umgang nötig.

Beobachter: Man hört immer wieder von «Protestpinkeln» oder dass der Hund genau wisse, dass er etwas nicht darf, und es trotzdem tut. Kennen Tiere Protest, Trotz oder gar Rache?
Isler: Nein, es ist nicht so, dass ein Hund oder eine Katze etwas tut, um dem Halter Schaden zuzufügen. Vielmehr ist es ihre Art zu kommunizieren: «Hey, hier stimmt etwas nicht, mir geht es nicht gut dabei.» Ein Beispiel: Eine Klientin hatte das Problem, dass ihre Katze immer auf ihren nagelneuen Teppich pinkelte. Da muss man genau hinschauen, wie die Gesamtsituation aussieht. Es war so, dass die Katze kurz vorher akzeptieren musste, dass eine neue Katze einzog und das Schlafzimmer plötzlich Sperrgebiet für sie wurde – das hat sie alles problemlos mitgemacht. Aber dann noch dieser neue Wolle-Seiden-Leinen-Teppich, der zudem einen sehr ausgeprägten Geruch hatte, das war einfach zu viel Ver­änderung für sie, da brachte sie auf ihre Weise zum Ausdruck: «Sorry, es reicht.» Das ist aber keine böse Absicht. Es ist gewisser­mas­­sen ein Hilferuf.

Beobachter: Was halten Sie davon, Tiere zu bestrafen oder mit ihnen zu schimpfen, wenn sie etwas «falsch» gemacht haben?
Isler: Bis vor kurzem hat man in der Tiererziehung viel mit Strafen gearbeitet. Man hat dabei aber viel zu wenig berücksichtigt, dass Strafen, emotionaler oder psychischer Druck einen Frust im Tier aufbauen, der sich dann irgendwann entladen kann – eine Weile macht der Hund das vielleicht klaglos mit, aber irgendwann beisst er zu. Es ist mir schleierhaft, weshalb Menschen dann überrascht sind! Wer wirkungsvoll strafen will, muss zudem sehr viel wissen. Der Laie zum Beispiel straft meist viel zu spät, nämlich nach der «Tat», so dass das Tier die Strafe gar nicht mit dem bemängelten Verhalten in Verbindung bringt. Wenn überhaupt, macht Strafen oder Schimpfen nur Sinn, wenn man das Tier «in flagranti erwischt». Aber da man dann auch emotional aufgeladen ist, überfordert man das Tier mit dieser Wut komplett.

Beobachter: Was soll ich stattdessen tun, wenn meine Katze auf den Teppich pieselt?
Isler: Wenn man die Katze tatsächlich dabei erwischt, nimmt man sie, ohne ein Wort zu verlieren, hoch und setzt sie ins Katzenklo. Dann wischt man die Pfütze kommentarlos mit geruchsfreiem Putzmittel auf.

Beobachter: Kommentarlos?
Isler: In diesem konkreten Beispiel sagt mir die Katze mit ihrem Verhalten, dass ihr der Teppich nicht passt. Wenn ich das mit gros­sem Lamento kommentiere und sage: «Böse Katze, pfui», versteht sie ja den Wortlaut nicht, im Gegenteil: Für sie ist das Applaus. Sie hat meine Aufmerksamkeit, und das war es, was sie erreichen wollte – und das wird sie bestärken, es wieder zu tun. Will man aber langfristig eine Verhaltensänderung bewirken, sollte man Verhalten belohnen, das man gut findet, sowie Negatives positiv besetzen: So erklären wir in diesem Fall ab sofort den Teppich zur «Komfortzone». Wir setzen uns mit der Katze auf den Teppich, spielen mit ihr, geben ihr da ihre Lieblingsleckerli, streicheln sie und erreichen dadurch allmählich, dass die Katze den Teppich als das beste Möbelstück in der Wohnung betrachtet. Eine Gegenkonditionierung hat stattgefunden.

Beobachter: Aber wie kann ich eine Katze mit Belohnungen davon abhalten, auf die Küchenanrichte zu springen, während ich ihr Futter vorbereite?
Isler: Indem ich ihr von Anfang an beibringe, dass sie zu warten hat. Wenn sie schön wartet, bekommt sie ihr Futter. So begreift sie: «Wenn ich lange genug hier sitze, ­bekomme ich mein Futter.» Und nicht: «Wenn ich lange genug Rabatz mache, bekomme ich mein Futter.» Am besten geht das, wenn sie mittels Klickertraining lernt, auf bestimmte Kommandos zu hören.

Beobachter: Was heisst denn das, Klickertraining?
Isler: Der Klicker ist ein kleines Gerät, mit dem ein Geräusch erzeugt wird, das im Alltag nicht vorkommt und auch nicht zufällig auftreten kann. Beim Training wird dem Tier mit diesem akustischen Signal bestätigt: «Gut gemacht!» Unmittelbar nach dem Ertönen des Klickersignals bekommt es eine Belohnung. Das wird «positive Verstärkung» genannt. Nun wird das Tier versuchen, das Verhalten zu wiederholen, um den Klicker erneut ertönen zu lassen. Nehmen wir als Beispiel einen Hund, der immer bellt, sobald er einen anderen Hund erblickt. Mit Klickertraining wird nun das «Nicht-Bellen» belohnt. Und schon bald wird der Hund den Anblick eines anderen Hundes mit der Chance auf einen Klick verbinden. Er wird, statt zu bellen, den ­Besitzer anschauen, um zu zeigen, dass er nicht bellt und es endlich klicken soll. Klickertraining braucht Konsequenz und etwas Übung, der Erfolg ist bei richtiger Anwendung jedoch garantiert. Denn das Prinzip entspricht dem natürlichen Lernverhalten des Tiers: Wenn es eine besonders erfolgreiche Strategie entwickelt hat, um Beute zu machen, wird es diese Strategie weiterverfolgen. Bleibt hingegen der Erfolg aus, wird die Strategie verworfen.

Beobachter: Am einfachsten wäre es ja, es käme gar nicht zu Problemen. Wie kann man vorbeugen?
Isler: Viele stellen sich Tierhaltung zu einfach vor und bereiten sich zu wenig darauf vor. Egal, ob es sich um Hund, Katze, Hamster oder Ziervogel handelt. Oft wird ein Tier aus einer Laune heraus angeschafft, oder man sieht in ihm ein Prestigeobjekt. Da fängt das Grundproblem an. Wer sich für eine Tierart interessiert, sollte sich vorher gründlich informieren – auch über die verschiedenen Rassen und ihre Ansprüche und Besonderheiten. Sonst ist man hinterher ständig am Feuerlöschen.

Beobachter: Worauf sollte ich bei der Anschaffung eines Tiers noch achten?
Isler: Welpen und Kätzchen sollten auf keinen Fall jünger als zehn Wochen sein, wenn man sie zu sich holt, ideal wären zwölf Wochen, das ist für die Sozialisierung der Tiere eine ganz entscheidende Zeit, die sie mit ihren Geschwistern und der Mutter verbringen sollten – um von ihnen alles zu lernen, was man als Hund oder Katze so «wissen» muss. Sonst gibt es Probleme.

Beobachter: Was für Probleme?
Isler: Sie können einen Hund noch so gut erziehen – wenn er draussen beim Spaziergang seine Artgenossen nicht versteht, nicht ­gelernt hat, Körpersignale zu deuten, wird es zu Konflikten kommen. Für Katzen gilt dasselbe. Diese nonverbale Kommunika­tion mit Artgenossen kann der Tierhalter ihnen nicht beibringen.

Beobachter: Warum werden trotzdem so viele Jungtiere mit acht oder gar sechs Wochen abgegeben?
Isler: Weil die Arbeit für den Züchter genau dann erst richtig losgeht: In diesem Alter fressen die Tiere jede Menge, sie sind viele Stunden pro Tag wach, und es geht fast rund um die Uhr die Post ab. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie anspruchsvoll das ist, vor allem wenn ein ganzer Wurf durch Haus und Garten tobt. Und der Züchter ­bekommt ja genauso viel fürs Tier, ob es nun acht oder zwölf Wochen alt ist, aber er spart Geld und Mühe, wenn er es früher abgibt – auf Kosten der Tiere und ihrer künftigen Halter.

Gloria Isler hat jahrelange Erfahrung in Haltung, Training und Zucht verschiedener Haustierarten. Die Ausbildung zur diplomierten tierpsychologischen Beraterin absolvierte sie am Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie (I.E.T.), das 1991 vom international bekannten Verhaltensforscher Dennis C. Turner gegründet wurde.

Gloria Isler ist Mitglied von V.I.E.T.A., dem grössten Berufsverband tierpsychologischer Beraterinnen und Berater Europas. Da die Berufsbezeichnungen «Tierpsychologe» und «Verhaltenstherapeut» nicht geschützt sind, ist man gut beraten, eine Fachperson auszuwählen, die einem solchen Berufsverband angeschlossen ist.

Weitere Infos

Klickertraining

Wer mehr über Klickertrainig erfahren möchte, findet im Katzentraining-Blog Schritt für Schritt alles leicht verständlich erklärt: Klicker-Tutorial

Veröffentlicht am 26. August 2011