Die kubanische Polizei fand Herminios* verkohlte Leiche in einer verlassenen Gegend unweit des Flughafens. Nur seine Armbanduhr und ein kleines Kreuz, das er um den Hals trug, hatten die Flammen verschont. Ein Bekannter identifizierte den Toten und benachrichtigte seine Schwester. Das war der Moment, in dem Felicidads Welt zusammenbrach.

«Seither ist unsere Freude weg», sagt die 69-Jährige auf dem Balkon ihrer Wohnung am Zürichsee. Sie und ihr Mann Martin verbringen den Sommer in der Schweiz. Bald reisen sie zurück nach Spanien, in einen Vorort von Alicante, wo das Ehepaar ein Haus besitzt. Und wo die Hauptstrasse seit dem letzten Herbst einen neuen Namen trägt: Calle Herminio.

Trauer vermischt sich mit Wut, wenn die beiden erzählen. Über jene Nacht im Februar 2014, als Herminio, der Bruder und Freund, in Havanna umgebracht wurde. Und über all das, was danach geschah. Fünf Jahre, in denen Felicidad und Martin dafür gekämpft haben, dass die Mörder hinter Gitter gebracht werden. Fünf Jahre auch, in denen sie sich mit Richtern herumschlagen mussten, damit Herminios Vermögen nicht ausgerechnet jener Frau zufiel, die ganz am ­Anfang dieser Geschichte steht.

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«Alle stecken unter einer Decke. Die Täter, das Militär, die Justiz.»

Martin, Schwager

 

Martin schlägt einen dicken Bundesordner auf: E-Mails, Gerichtsdokumente, Urkunden Urkunden Müssen wir damit zum Notar? . Die Indizien liessen nur einen Schluss zu: «Herminio wurde von einer Bande ermordet.» Er habe sämtliche Unterlagen den kubanischen Untersuchungsbehörden zukommen lassen. Die hätten sich aber nicht dafür interessiert. Also hat Martin ein Buch geschrieben. Der Titel: «Scheinehe in Kuba endet mit Auftragsmord – Lügen-Witwe kämpft um Millionenerbschaft».

Veröffentlichen will er es nicht. Was solle das bringen, fragt er, wenn er doch keine Namen nennen dürfe? «Alle stecken unter einer Decke, die Täter, das Militär, die Justiz.» Mit dem Gang an die Medien will Martin andere warnen, oder, wie er im Manuskript schreibt: «Heiratswillige sollen auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden, die mit einer Eheschliessung im Ausland Ausländerrecht Heiraten ohne Grenzen verbunden sind.»

Steiler Aufstieg

Herminio folgte seiner Schwester als junger Mann in die Schweiz. In Spanien, wo er 1954 geboren wurde, herrschte der Diktator Franco. Homosexualität war verboten. Wer sich wie Herminio von Männern angezogen fühlte, riskierte, inhaftiert zu werden. Der Bauernsohn machte in der Schweiz Karriere, arbeitete sich zum Leiter eines Fischereibetriebs hoch. Alle hätten ihn gemocht, erzählt Martin, er sei ein Künstler gewesen, ein vor Kreativität sprühender Selfmademan. Aus dem Schwager wurde ein Freund – und 1989 der Geschäftspartner.

Zu Beginn kauften und verkauften Martin, ­Felicidad und Herminio in Spanien Immobilien. Das Unternehmen florierte. Bald realisierte das Trio eigene Bauprojekte, erweiterte die Vororts­gemeinde Alicantes nach und nach um ein ganzes Quartier. Als der Gemeindepräsident im Oktober 2018 die Calle Herminio einweihte, sagte er: «Die Strassenbezeichnung ist das kleinste Geschenk, das die Kommune dieser grossen Persönlichkeit für ihr Lebenswerk zurückgeben konnte.»

Herminio habe nie Ferien gemacht, erzählt Martin. Tag und Nacht habe er gearbeitet. Eines Tages teilte Herminio seiner Schwester und ­seinem Freund mit, dass für ihn jetzt gut sei. «Der Stress setzte ihm zu Stressbewältigung Guter Stress, schlechter Stress , er bekam gesundheitliche Probleme», sagt Martin. Herminio war 55 und hatte genügend gespart, um sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Jetzt wollte er weg. An einen Ort, wo er das ganze Jahr über kurze Hosen tragen konnte, in ein Land, wo man seine Sprache sprach. Herminio wollte nach Kuba.
 

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«Macht euch keine Sorgen, ich habe alles im Griff.»

Herminio, Opfer


Im 16. Stock eines Hochhauses an der Uferstrasse Malecón in Havanna kaufte sich Herminio eine Wohnung. Wer ihn besuchen wollte, musste sich in der Lobby anmelden und einen Pass vorweisen. Überall hingen Überwachungskameras Überwachung Sie werden gerade gefilmt , Sicherheit war ihm wichtig. Brauchte Herminio Geld, schrieb er: «Schickt zehn Kilo Äpfel.» Und als er seinen Liebsten mitteilte, dass er bald heiraten werde, schrieb er: «Macht euch keine Sorgen, ich habe alles im Griff.»

Als Ausländer musste Herminio Kuba alle drei Monate verlassen. Irgendwann hatte er genug von den «Visa Runs», der ständigen Fliegerei. Er hasste es, auf 10'000 Meter eingequetscht zu sein. Lorenzo, der Bekannte, der ein paar Monate später Herminios Schwester die Hiobsbotschaft überreichen sollte, stellte ihm eine Frau vor, die sein Problem ein für alle Mal lösen sollte. Für 3500 Dollar war Margarita bereit, den homosexuellen Herminio zu heiraten Ausländer Werde ich für eine Scheinehe bestraft? . So viel kostete also die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Kuba. Herminio war bereit, zu zahlen.

Zweckbeziehung

Am Hochzeitstag regelte eine Notarin das Formelle. Herminio kochte für Margarita und die Trauzeugen eine Paella. Der Deal war klar: Trauschein gegen Geld. Margarita hat nie bei Herminio übernachtet, sie besass keinen Schlüssel zum Appartement, die Polizei fand später keine Zahnbürste, keine DNA-Spur, keinen einzigen Beleg dafür, weder bei ihm noch bei ihr, der den Schluss zugelassen hätte, dass die beiden eine normale Liebesbeziehung, geschweige denn eine Ehe geführt hätten.

Herminio habe Margarita gegenüber nie ­erwähnt, wie vermögend er war, erzählt Martin. Ein Nachbar Herminios in Havanna, ein spanischer Landsmann, wusste jedoch bestens Bescheid. Und dieser Nachbar kannte Lorenzo. Martin und Felicidad glauben, dass die drei den Mord gemeinsam eingefädelt haben, um an Herminios Vermögen zu kommen. «Herminio muss den beiden Männern erzählt haben, dass er kein Testament Testament ändern Der letzte Wille ist nicht für die Ewigkeit besass», ist Martin überzeugt. «Damit hat er wohl sein Todesurteil unterschrieben.»

 

«Er hatte schlechte Laune. Als hätte er eine Vorahnung gehabt.»

Felicidad, Schwester

 

Im Dezember 2013, wenige Wochen nach der Trauung, kehrte Herminio zum letzten Mal nach Spanien zurück. Auf der Generalvollmacht, die er damals zuhanden seiner Schwester unterschrieben hat, ist unter Zivilstand vermerkt: soltero, ledig. In Spanien galt Herminio als unverheiratet. «Er wirkte bedrückt», erinnert sich Felicidad. «Er hatte schlechte Laune, als hätte er eine Vorahnung gehabt.» Als Herminio wieder abreiste, umarmte er seine Liebsten länger, als er dies gewöhnlich tat. Im April wollte er wiederkommen und seinen 60. Geburtstag feiern.

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Was genau am 19. Februar geschah, ist bis heute unklar. Vom Zeitpunkt, als Herminio Hals über Kopf die Wohnung verliess, existieren keine Videoaufnahmen. Die Anlage war an jenem Abend für 40 Minuten ausser Betrieb. Martin und Felicidad glauben, dass Herminio in eine Falle gelockt wurde. Im Bericht der Gerichtsmediziner heisst es: Tod durch Ersticken. Nach dem Anruf Lorenzos buchten die beiden sofort einen Flug nach Havanna. Den ersten von insgesamt sechs. Sie wollten Herminio zurückbringen – und sie wollten Antworten.

Verdächtige Anrufe

Die Polizei vermutete die Täter in der homosexuellen Szene. Der Fall sei zu 99 Prozent gelöst. Die Indizien, die Martin ­gesammelt hat, sprechen gegen diese These.

Da war der aufgebrochene Safe in Herminios Wohnung. Der Scheinehevertrag war verschwunden. Das Bargeld und der Kaufvertrag für ein Auto ebenso. Hinzu kamen zahlreiche Anfragen, die Unbekannte bei diversen Grundbuchämtern in Spanien getätigt hatten. «Die Gauner wollten herausfinden, wo Herminio überall Vermögenswerte besass», glaubt Martin.

Beim ersten und letzten Treffen mit Margarita versicherte die Witwe, dass sie keinerlei Interesse an Herminios Erbe habe. Doch bald änderte sich das schlagartig. Lorenzo, der die Todesnachricht überbracht hatte, meldete sich telefonisch bei Martin. Weil es kein Testament Erben Das Testament gebe, sei Margarita nun Alleinerbin, meinte er. «Wie willst du wissen, dass Herminio nicht doch ein Testament verfasst hat?», fragte Martin. Lorenzo habe es erst die Stimme verschlagen, dann sei sein Tonfall aggressiver geworden. Martin wusste: «Da liegt der Hund begraben.»

Eintrag im Eheregister

Bekannt ist, dass Mar­garita mehrere Versuche unternommen hat,die Ehe beim spanischen Konsulat in Havanna registrieren zu lassen. Sie wurde immer abgeblockt. Auch auf dem juristischen Weg hatte sie keinen Erfolg. Die Tatsache, dass Herminios Zivilstand in Spanien ledig war, half Martin und Felicidad bei der Verhandlung vor dem obersten Gerichtshof.

Doch Margarita gab nicht auf. Sie nahm sich einen Anwalt in Spanien, der einen nachträglichen Eintrag im Eheregister erzwingen sollte. Vor einem Gericht blitzte Margarita ab, ein anderes in Madrid entschied dann in ihrem Sinn. «Das war ein Justizskandal», sagt Martin. «Wir wurden nicht angehört, das Gericht studierte die Akten nicht, der Anwalt verschwieg die Tatsache, dass andere Richter bereits anders geurteilt hatten.»

Felicidad erfuhr erst in einem offiziellen Schreiben vom nachträglichen Eintrag ins Eheregister. Sie war «schockiert». Nur zufällig entschied das höchste Gericht Spaniens, sich mit dem Fall zu beschäftigen. «Der Prozess kostete uns ein Heidengeld», sagt Martin.
 

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Unsere Freude ist weg, aber wir leben weiter.»

Felicidad, Schwester


Die Richter kamen zum Schluss, dass Herminio und Margarita eine Scheinehe eingegangen waren. Der Eintrag musste wieder gelöscht werden – Margarita und die mutmasslichen Mörder und Betrüger hatten ihren Kampf um Herminios Erbe ver­loren, der Nachlass ging an die Schwester, Felicidad. Inzwischen war es Frühling 2018.

Die Kremierung auf Kuba, wo ein Arzt 70 Dollar im Monat verdient, kostete 3000 Dollar. Felicidad nahm die Asche in einer lauwarmen Schuhschachtel entgegen. Herminio hatte sich gewünscht, dass seine sterblichen Überreste im Meer vor der Küste Kubas verteilt werden. ­Angesichts der schrecklichen Ereignisse schien Felicidad dies nicht mehr angebracht. Am 19. April 2014, am Tag, an dem er 60 geworden wäre, kehrte Herminio nach Alicante zurück.

«Unsere Freude ist weg», sagt Felicidad, «aber wir leben weiter.» Martin hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass der Fall neu aufgerollt wird. Nur Gerechtigkeit könne seinen Kummer lindern, seine Wut weniger werden lassen. Im Manuskript seines Buchs schreibt er: «Wenn ein geliebter Mensch von sogenannt ­guten Freunden ermordet wird, dann erleiden die Herzen aller echten Freunde bis zur Wahrheitsfindung einen unerträglichen Schmerz.»

 

* Alle Namen geändert

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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