Niemand kennt sie, die Frau, die an einem kalten Januartag ihre vierjährige Tochter vor den Toren eines US-Militärspitals in Seoul zurückliess.

Niemand weiss, was die Frau zu diesem Entscheid bewogen hat aber zweifellos wird es ihr das Herz gebrochen haben.

In den sechziger und siebziger Jahren wurden in Südkorea Tausende von Kindern von ihren Müttern verlassen. Grund für diesen Schritt waren oft rigide Moralvorstellungen, die keine unehelichen Kinder und keine unstandesgemässen Beziehungen zuliessen. Kam hinzu, dass Südkorea damals wirtschaftlich am Boden lag: Viele Menschen kämpften um die nackte Existenz; verwitwete Frauen mit mehreren Kindern hatten es besonders schwer.

130000 Waisenkinder weitervermittelt

Der Staat bot willig Hilfe an, um die Waisen loszuwerden: Über den staatlichen Kindervermittlungsdienst verliessen Flugzeugladungen von koreanischen Kindern ihre Heimat Richtung Westen. Insgesamt wurden über 130000 Kinder aus Korea zur Adoption freigegeben. Die meisten landeten in den USA, rund 1200 leben in der Schweiz.

Unter ihnen ist auch Irene (Name geändert), das Mädchen, das vor dem amerikanischen Spital gefunden wurde. Sie ist heute 38. «Jedenfalls gelte ich heute als so alt», lacht sie. Nach einem Knochentest stellte man fest, dass sie jünger war als in den Unterlagen angegeben.

Irene war schwer krank, als man sie fand. Sie nimmt an, dass ihre Mutter sie seinerzeit vor dem Spital aussetzte, weil sie das Leben ihrer Tochter retten wollte. Irene wurde in der Schweiz operiert und verbrachte in ihrer Adoptivfamilie eine glückliche Kindheit. Erst als Erwachsene begann sie, sich Gedanken über ihre Herkunft zu machen.

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Entscheidend war ihre Begegnung mit dem Verein Dongari, einem Zusammenschluss von in der Schweiz lebenden adoptierten Koreanerinnen und Koreanern. Viele von ihnen haben ihre leiblichen Eltern in ihrem Heimatland gesucht und gefunden.

Irene hat sich bislang nicht auf die Suche begeben, obwohl die Neugier nach ihren genetischen Wurzeln gross ist. «Ich bin noch nicht bereit dazu. Ich weiss nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich die leiblichen Eltern fände, ob ich mit diesen Gefühlen umgehen könnte. Vielleicht möchte ich gar nicht zu viel wissen, aus Selbstschutz.»

«Nicht für alle Adoptierten ist die Elternsuche ein Thema», sagt Dongari-Präsidentin Miriam Kyungmi Fantin. «Manche, die bei ihren Adoptiveltern eine glückliche Kindheit verlebten, haben kein Bedürfnis, die leiblichen Eltern zu finden. Andere steigern sich bei der Suche in romantische Vorstellungen hinein. Wieder andere wollen ihre Eltern einfach finden, um einen Schlussstrich ziehen zu können.»

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Wiedersehen «nur selten euphorisch»

Auf jeden Fall berührt die Frage nach den eigenen Wurzeln derart empfindliche Stellen, dass die meisten Betroffenen, so wie Irene, ihre Geschichte nur anonym publiziert sehen wollen. Nicht zuletzt möchten sie dadurch Rücksicht auf ihre Adoptiveltern nehmen.

Die Suche nach den leiblichen Eltern ist ein schmerzvoller Weg, auf dem ehemalige Adoptivkinder mit traurigen Details aus einem bis anhin unbekannten Teil ihres Lebens konfrontiert werden. Ob sie fündig werden, hängt von den Umständen ihrer Adoption ab. Existieren vollständige Unterlagen mit den Namen der Eltern, ist es einfacher; in andern Fällen waren Aufrufe in den südkoreanischen Medien hilfreich.

Und nicht immer ist das, was man findet, auch das, was man gesucht hat. «Nur selten ist das Zusammentreffen mit den leiblichen Eltern ein euphorisches Erlebnis», sagt Miriam Kyungmi Fantin. «Meistens ist es sehr unspektakulär.» Fantin kennt auch Fälle, wo die Betroffenen enttäuscht waren, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllten. Es habe sogar Ausbrüche von negativen Gefühlen bis hin zu Aggression oder körperlich spürbarem Widerwillen gegeben.

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«Man darf nicht unterschätzen, was die Suche nach den Eltern alles auslösen kann», sagt Fantin, «handelt es sich doch in jedem Fall um eine tief greifende Erfahrung. Die Emotionen, die dabei hochkommen, muss man verarbeiten können. Ich kenne Personen, die nachher nicht mehr mit ihrem Leben in der Schweiz zurechtkamen.»

Hier hilft der Verein Dongari weiter, gibt Tipps und vermittelt Kontakt zu Leuten, die Erfahrung mit der Elternsuche haben. Dongari, vor fast zehn Jahren als Selbsthilfegruppe gegründet, ist heute eine wichtige Plattform für den Austausch unter Adoptierten. Fantin: «Im Verein haben alle den gleichen Erfahrungshintergrund: Es sind Menschen, die koreanisch aussehen, ohne richtige Koreaner zu sein.»

Miriam Fantin selbst kam als Adoptivkind im Alter von zwei Jahren in die Schweiz. Inzwischen ist sie 30 und bezeichnet ihre Jugend als schwierig geprägt vom Gefühl der Andersartigkeit und des Ausgeschlossenseins. Die Frage, wer sie einst war, wurde mit zunehmendem Alter immer wichtiger. «Ich sah im Spiegel eine Asiatin, wollte mich aber als Schweizerin fühlen. Das störte mich. Und gleichzeitig wuchs die Neugier. Ich begann mich zu fragen, von wem ich meine Statur habe, wie wohl meine Mutter aussieht.»

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«Eine unüberwindbare Distanz»

Fantin beschaffte sich die Adoptionsunterlagen und reiste mit Freunden nach Korea. Eine koreanische Bekannte half ihr beim Kontakt mit den Behörden. Mit Erfolg: Die Mutter konnte gefunden werden.

Aber die Begegnung war emotionslos auf beiden Seiten. «Wir konnten nur über einen Dolmetscher miteinander kommunizieren, doch wir sprachen wenig. Wärme kam nicht auf. Warum sie mich weggegeben hatte, konnte sie mir nicht schlüssig sagen. Sie schien erfreut zu sein, dass es mir gut ging, aber es blieb eine unüberwindbare Distanz. Ich sah sie ununterbrochen an, suchte in ihrem Gesicht nach etwas Vertrautem und fand nichts.»

Es sei eine «überfällige Begegnung» gewesen, sagt Miriam Kyungmi Fantin, «aber mehr nicht». Der Funke sprang nicht über zwischen Mutter und Tochter. «Ich werde meine Mutter nie mehr wiedersehen. Das ist wie ein stilles Abkommen zwischen uns beiden, dass wir voneinander nichts mehr wissen wollen.» Ohne Enttäuschung oder Schmerz reiste sie in die Schweiz zurück und doch mit neu entdecktem Interesse für ihr Herkunftsland. «Ich bin als Schweizerin nach Korea gefahren und kam als Koreanerin zurück.»

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Heute weckt Korea in Miriam Kyungmi Fantin Heimatgefühle; sie hat angefangen, sich mit der Kultur zu befassen, und entdeckt an sich selber koreanische Züge. «Mein Temperament und mein Hang zum Chaos zum Beispiel», lacht sie, «das sind typisch koreanische Züge. Heute kann ich von mir sagen: Ich bin eine Schweizerin mit koreanischen Wurzeln.»

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