Noch heute betiteln sie manchmal wildfremde Typen als Schlampe. Oder sagen ihr, sie habe keine Ahnung von Musik. Einfach so. «Jeder glaubt, dich zu kennen, und jeder darf dich be­urteilen. Ich habe ein dickes Fell, aber an schlechten Tagen wühlt dich so was auf», sagt Börni Höhn.

Als SF 1 Anfang 2007 die dritte Staffel der Castingshow «Music-Star» ausstrahlte, war die damals 20-Jährige Woche für ­Woche Stargast in Schweizer Wohnstuben: eine kumpelhafte Teeniebraut mit einer Stimme so dunkel, weich und traurig wie schwarze Schneeflocken. Als wäre das nicht genug, hatte Börni diese trollige Art von Anmut, der selbst Baggypants und ­unbeholfene Interviewauftritte nichts anhaben konnten. Ihr konnte man schwerlich widerstehen.

«Ich wollte bloss einen Plattenvertrag»

«Nach den ersten paar Sendungen merkte ich, dass die Leute auf der Strasse zu tuscheln anfingen, wenn ich vorbeiging. Und irgendwann kamen mitten in Zürich plötzlich schreiende Mädchen auf mich zu­gerannt – das war schon krass», erinnert sie sich und grinst ihr Börni-Grinsen. Plötzlich war sie ein Vorbild, vor allem für junge Mädchen. Bei einer Autogrammstunde im Zürcher Einkaufszentrum Letzipark fielen einige ­ihrer Anhängerinnen in Ohnmacht. Manche Fans fingen an, ihr Idol zu imitieren. «Sie tranken den gleichen Drink wie ich – und wer mag mit 15 Jahren schon Gin Tonic? Da dachte ich: ‹Was ist, wenn die auch wegen mir mit Rauchen angefangen haben?›» Fortan achtete Börni darauf, möglichst nicht mit Alkohol und Zigis gezeigt zu werden.

So ist das halt, wenn man an einer Castingshow teilnimmt: Frau wird berühmt. Das sei aber nicht das Ziel gewesen, sagt Börni. «Ich wollte bloss einen Plattenvertrag. Ich hätte nie gedacht, dass der Hype so extrem wird – oder weisst du noch den Namen von sonst irgendjemandem, der damals vor dem Final ausgeschieden ist?»

Nein. Alle anderen Kandidaten jener Staffel, die vor Börni den Abgang gemacht haben, sind wieder in der Anonymität verschwunden. Dass ausgerechnet Börni Höhn so beliebt war, ist allerdings kein Wunder. Ein Produkt wie sie hätte sich kein Marketingstratege besser ausdenken können: Börni, das bewollmützte Skaterpunkgirlie aus «Wollyhood», wie das heimische Zürcher Quartier Wollishofen im Slang ihrer Clique heisst, war cool, liebenswert und sexy – ein perfekt schwingender Dreiklang. Einer, den nicht nur die Medien willig aufgriffen und repetierten: «In Wollishofen gibts eine Dönerbude, die haben sie damals in ‹Wollyhood Kebab› umgetauft», sagt sie und gluckst. Börni war Kult.

Bei «Music-Star» war sie als Publikumsliebling natürlich Topfavoritin und – nach ihrem überraschenden Ausscheiden im Halbfinal – Siegerin der Herzen. Gewonnen hat jene Staffel übrigens eine gewisse Fabienne Louves, die im Musical «Ewigi Liebi» und in der «Kleinen Niederdorfoper» ansehnliche Erfolge feiert. Dass sie mit Themen wie Beziehung und Brust-OP in die Schlagzeilen gerät, zeigt, dass sie mindestens B-Promi-Status erreicht hat.

Immerhin ein Rock-Potpourri

Börni Höhn geistert heute hingegen nur noch selten durch die Medien, «höchstens mit ein paar Zeilen in einer Gratiszeitung», wie sie sagt. Das ist erstaunlich, zumal sie nicht einfach nur gut rüberkommt, sondern auch musikalisch etwas auf dem Kasten hat. Als Kind hatte sie sechs Jahre lang Geigenunterricht, besuchte zwei Jahre lang Klavierstunden, und das Gitarrespielen hat sie sich selbst beigebracht. Das alles in ­einer Verpackung wie Börni ist normalerweise eine Lizenz zum Gelddrucken.

So oder ähnlich dachten auch die Profis des Musiklabels Sony und nahmen sie für drei Alben unter Vertrag – beste Voraus­setzungen für eine steile Karriere. Und doch kam alles ein bisschen anders.

Börni sitzt an diesem Abend nicht in ­einem Sony-Studio, sondern in der Damengarderobe der Variétéshow «Das Zelt», ­einem überheizten Container an der Luzerner Hafenpromenade. Im Programm «Rock Circus» singt sie zusammen mit ­Krokus-Sänger Marc Storace ein paar ­Klassiker der Stromgitarren-Epoche. Acht Auftritte waren es 2011, dieses Jahr sollen es an die 20 werden.

«Nie wieder eine so fette Plattform»

Mittlerweile ist Börni 25 Jahre alt und passt gut zum Rockzirkus: Lederjacke, Schal, dazu ein kurzer Rock über dunklen Strümpfen, die in geschundenen Schnürstiefeln stecken. Mit ihrem rauen Lachen wirkt sie wie Tom Waits’ kleine Tochter. Alles schön und gut, aber was wurde aus dem Skatergirlie? Wo ist Börni 2007?

«Das fragen immer alle», sagt sie und fädelt stirnrunzelnd eine Haarsträhne in den Lockenwickler. Es war auch das Ein­zige, was die Kritiker fragten, als 2008 ihre Single «Scream My Name» herauskam: Das Video zeigte Börni als Rocklady – lasziv und sexy, aber ohne jede Spur von Trolligkeit. Und sie trug ihr Markenzeichen nicht: «Überall hiess es nur: ‹Wo ist die Mütze?› ­Etwas anderes interessierte nicht.» Über die Musik redete niemand. Börni seufzt.

«Ich bin ja zufrieden mit dem Bild, das die Leute von mir haben. So war ich damals, und ich kann gut dazu stehen», sagt sie, während sie routiniert Mattierpuder, Rouge und Lidschatten aufträgt. «Aber so ein Image kriegst du nie wieder weg. Du wirst nie wieder eine so fette Plattform haben, um irgendwas zurechtzurücken. Das ist das Problem.» Weil sie nicht mehr die Börni von damals ist, bekommt sie keine Publicity, aber ohne neue Publicity bleibt sie in den Köpfen der Leute die Börni von damals.

Das ist eine schlechte Nachricht für ­viele, die kurz im Rampenlicht stehen. Wer erinnert sich nicht an die «Ego-Zicke» ­Natasha aus der Sendung «Traumjob»? An Nadim aus dem «Big Brother»-Container, der vor den Augen der Fernsehschweiz ­seine Mitbewohnerin beschlief? Oder jüngst «Miss Tampon», der die Teilnahme an einem vermeintlich unverfänglichen Schönheitswettbewerb zum Verhängnis wurde? Für ihre 15 Minuten Ruhm müssen sie lange zahlen. Ruhm vergeht, die Bekanntheit bleibt.

Börni Höhn hats da eigentlich sehr gut getroffen. Und trotzdem hängt ihr der Erfolg bei «Music-Star» plötzlich bleischwer an den Beinen. Sie bereue aber nicht, bei der Show mitgemacht zu haben, sagt Börni. Sie kann heute die meiste Zeit von ihrer Musik ­leben: «Aber man darf sich keine Illusionen machen. Selbst mit einem Plattenvertrag ist es schwierig.»

Das Desaster mit der CD

Ihre erste Platte verkaufte sich immerhin ein paar tausend Mal, und auch die Plattenfirma Sony glaubte weiterhin an den Erfolg: Fürs zweite Album steuer­te Linda Perry zwei Lieder bei. Perry ist Ex-Sängerin der 4 Non Blondes und arbeitete als Songwriterin mit Weltstars wie Christina Aguilera und Pink zusammen. «Das sickerte leider viel zu früh durch.» Das Album war noch nicht fertig – und als es schliesslich im Kasten war, musste das Management einen güns­tigen Zeitpunkt für die Ver­öffentlichung abwarten. Denn mit ein paar tausend verkauften Platten ist eine Chartplatzierung in der Schweiz fast nur im Frühjahr oder im Herbst möglich; April oder September, erklärt Börni die Gesetzmässigkeiten der Branche. «Im Sommer sind alle in den Ferien, und auf Weihnachten hin kommen all die ­amerikanischen Künstler mit ihren Sachen raus.»

Es verstrichen schliesslich zwei Jahre, bis Börnis zweites Album erschien. Und als es endlich rauskam, wurde es von den Medien vollends totgeschwiegen. Das Resultat: 2000 verkaufte Platten. Kaum Airplay. Ein Desaster. «Wenn sie mich wenigstens zuerst hochgejubelt hätten – es wäre doch danach eine viel ergiebigere Story gewesen, mich niederzumachen», sagt Börni ­lächelnd. In manchen Monaten spielte ihre Musik gerade mal ein paar Franken ein.

Statt auf einem dritten Album zu beharren, entliess sie Sony aus dem Vertrag. Seither ist Börni Höhn mit verschiedenen Bandprojekten oder als Solokünstlerin ­unterwegs. Jährlich spielt sie an die 60 Konzerte. Und wenn es finanziell mal eng wird, arbeitet sie nebenbei wieder auf ­ihrem gelernten Job als Informatikerin.

Börni hat sich fertiggeschminkt. Die Sitzreihen im Zelt füllen sich, im Backstagebereich wird Ex-Miss und Moderatorin Christa Rigozzi verkabelt. Börni witzelt im Vorbeigehen mit ein paar Altrockern, die mit Rauchen aufgehört haben, noch bevor sie geboren wurde. In der ersten ­Reihe vor der Bühne sitzen ein paar Börni-Fans der ersten Stunde. Sie kommen seit vier Jahren an jedes ihrer Konzerte. «Die sind mir sogar ins Tessin nachgereist, und als ich vor drei Monaten mit Rauchen aufgehört habe, da wollten sie mitmachen – eine hats glaubs durchgezogen», sagt Börni. «Cool, oder?»

Selbermachen ist besser

Ihr Traum sei immer noch der gleiche, sagt sie noch, bevor sie auf die Bühne muss: als Künstlerin wahr- und ernst genommen zu werden. «Aber wenn du auf Leute wartest, die sagen, sie könnten dir weiterhelfen, geht es immer sehr, sehr lange. Am besten machst du es selbst.»

Also arbeitet Börni Höhn hart: Ihre Website glänzt seit ein paar ­Monaten mit neuem Design, und in ihrem Wohn­zimmer, neben Sofa und TV, steht eine kleine Aufnahmezelle. Ein echtes Homestudio.

Auf einmal klingt nichts mehr nach Retortenstar, sondern nach den harten Anfängen ­einer Karriere. In denen immer, wenn Talent und Einsatz allein nicht ausreichen, das Schicksal an die Tür klopft. Die Kurzversion bei Börni: Ein Trip nach New York mit einer liebeskranken Freundin, ein verhangener Abend in einer Bar, und der Typ hinter der Theke kennt einen renommierten Musikproduzenten, dessen Studio gleich um die Ecke ist. Er sagt: «Komm doch morgen mal vorbei.»

Also fliegt Börni nun für drei Monate nach New York, wo sie in Harlem bei ­einem Kumpel wohnen und an einem neuen ­Album arbeiten wird. Es gibt Geschichten aus Hollywood, die so anfangen. Warum nicht auch eine aus Wollyhood?