Vielleicht war die Frage einfach zu wenig sexy, um die Phantasie von 14-Jährigen anzuregen: «In einigen Län­dern gibt es Gesetze, um die Zahl der Mediengesellschaften zu beschränken, die eine Einzelperson oder Firmengruppe besitzen darf. Warum gibt es solche Gesetze?» Satte 48 Prozent der Befragten lagen mit ihrer Antwort falsch. «Um die Regierung in die Lage zu versetzen, die Nachrichten in den Me­dien zu kontrollieren», kreuzten sie an. Dass es tatsächlich um die Sicherung der Mei­nungsvielfalt geht, wusste nur ein Drittel.

Gestellt wurde die Frage im Rahmen der Studie «International Civic and Citizenship Education», die die Universität Freiburg soeben veröffentlicht hat ­(siehe nachfolgenden Hinweis «Schlusslicht Schweiz»). Dabei ging es darum, die Demokratiekenntnisse von Schweizer Jugendlichen zu ermitteln und mit dem Wissen von Gleichaltrigen in 37 weiteren Ländern zu vergleichen. Und wie schon 1999, als Teenager in weltweit 28 Demokratien nach ihren politischen Kenntnissen befragt wurden, landete die Schweiz in vielen Bereichen weit unter dem Durchschnitt: Note «ungenügend» – kein Ruhmesblatt für die künftigen Akteure im politischen System.

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Die aktuellen Resultate der ICCS-Jugendbefragung zu Politik und Demokratie (International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) 2009) zeigen ein ähnlich besorgniserregendes Bild wie die erste Auflage dieser ländervergleichenden Studie von 2003: In etlichen Bereichen liegt die Schweiz weit unter dem Durchschnitt oder bildet gar das Schlusslicht. Befragt wurden je rund 3000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren in allen Landesteilen.

Selbst Russland überholt die Schweiz

Bezüglich der erwarteten Beteiligung an Wahlen etwa liegt die Schweiz auf dem achtletzten Rang (siehe Grafik, rechts). Mehr politisches Feuer zeigen Jugend­liche in Ländern, wo man das nicht ­unbedingt erwarten würde – Guatemala, Thailand oder Indonesien. Diese Staaten erzielen auch bessere Ergebnisse, wenn es um die Frage geht, ob jemand künftig in eine Partei eintreten oder für ein Amt kandidieren will. Hier landet unser Land auf Rang 22 – und wird selbst von wenig demokratiegeübten Staaten wie Russland oder Lettland überholt.

Warum wendet sich die Jugend von der Politik ab? Oder war es früher auch nicht besser?
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Dasselbe Bild zeigt sich bei der Frage, ob man durch eigenes Engagement in politi­schen und gesellschaftlichen Angelegenheiten etwas bewirken kann. Da fehlt den Jugendlichen ausgerechnet in der direkten Demokratie Schweiz der Glaube – fünftletz­ter Platz. Zudem hat jeder vierte Schü­ler nur ungenügendes politisches Wissen.

Weshalb schneidet die Musterdemokratie Schweiz so schlecht ab? Fritz Oser, emeritierter Professor und Koautor der Studie, blickt seufzend auf die Bücherstapel, die in seinem schmalen Büro an der Universität Freiburg bis zur Decke reichen. Dann erklärt er: «Das liegt zum grossen Teil daran, dass die politische Bildung in der Schule kein festes Gefäss hat. Deshalb ist es dringend nötig, sie zu einem eigenen Fach mit prüfungsrelevantem Wissen zu machen.»

«Eine Demokratie muss man ständig pflegen. Sie ist nicht selbstverständlich», sagt Oser. So lasse sich auch erklären, weshalb Jugendliche in Ländern mit geringerer demokratischer Tradition besser abschneiden: In Südamerika, Asien oder Osteuropa sei man sich noch bewusst, dass man sich dafür engagieren müsse. «In der Schweiz aber denken viele, die Demokratie sei so gesichert, dass nichts passieren könne – egal, ob man teilnimmt oder nicht.» Zudem zeige die Forschung, dass Wissen grossen Einfluss auf die Einstellung habe. Je mehr Wissen jemand habe, umso mehr beteilige er sich, stelle Fragen. Der Staat brauche keine blinde Liebe, sondern kritische Auseinandersetzung: «Apathische Zuschauer verträgt eine Demokratie nicht.»

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Diese Analyse ist nicht neu: Als Reak­tion auf die erste Vergleichsstudie wurde 2005 das «Europäische Jahr der politischen Bildung» ausgerufen, auch die Schweiz wirkte mit. Landauf, landab gab es Kon­ferenzen, Lehrmittel wurden entwickelt, neue Lehrpläne vorbereitet. Konkret verbessert hat sich jedoch offenbar wenig.

Der Kanton Freiburg als Vorbild

«Die neuen Resultate ermuntern uns, unsere Forderungen zu wiederholen», so Fritz Oser. Denn: «Die Schweiz ist insgesamt knapp im Mittelfeld, was fast noch schlimmer ist, als am Schluss zu sein. Man denkt dann, es geht schon irgendwie.»

Dass die Schweiz in Sachen politische Bildung aufholen muss, findet auch Béa­trice Ziegler, Koleiterin des Zentrums für Demokratie Aarau: «Für die politische Bildung stehen im Unterricht zu wenig Stunden zur Ver­fügung.» Auf der Sekundarstufe wird der Stoff – wenn überhaupt – in der Regel nur fächerübergreifend gelehrt. In der Primarschule meist gar nicht.

Explizit aufgeführt ist politische Bildung seit 1991 im Lehrplan der Zentralschweizer Kantone, der «Geschichte und Politik» für das 7. bis 9. Schuljahr vorsieht. Entsprechen­de Zusätze gibt es seit 2005 auch im Aargau und in Zürich. In den übrigen Deutschschweizer Lehrplänen sucht man politische Bildung vergeblich. In der Westschweiz war der Stoff bis in die achtziger Jahre ein separates Fach. Genf, Wallis und Jura integrier­ten es später in den Geschichtsunterricht, Waadt, Neuenburg und Freiburg hielten an der eigenständigen Lösung fest. Im ­Kanton Freiburg etwa wird «éducation à la ci­toyenneté» obligatorisch in der 9. Klasse eine Stunde pro Woche unterrichtet.

Mit diesem Engagement steht Freiburg am oberen Ende der Skala. Denn gemäss dem Bericht «Politische Bildung in der Schweiz», den die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) im Jahr 2000 veröffent­lichte, investieren die Lehrpersonen dafür im Schnitt gerade einmal «20 bis 40 Minuten pro Schulwoche in der 7. bis 9. Klasse». Bekommt das Thema mehr Gewicht, etwa durch ganze Projektwochen, ist das von der Initiative der einzelnen Lehrperson abhängig. Fazit der EDK: «Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist im Bereich der politischen Bildung wahrschein­lich grösser als in allen anderen Fächern.»

Abhilfe schaffen sollen die neuen Lehrpläne, die in der Westschweiz ab zirka 2011, in der Deutschschweiz frühestens 2014 in Kraft treten. Beide Reformwerke wollen der politischen Bildung grundsätzlich mehr Gewicht beimessen – aber ein eigenständiges Fach mit verbindlichem Stundenpensum wird es nicht geben. In der Romandie wird der Stoff künftig nur noch fächerübergreifend gelehrt. In der Deutschschweiz ist die politische Bildung in den fächerübergreifenden Themen von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) enthalten.

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Ein zweifelhaftes Vorhaben: Zwar werden die Schulen aufgefordert, politische Themen zu behandeln – wo und wie das geschehen soll, ist jedoch völlig unklar. Zwar sei es ein Fortschritt, dass die Thematik überhaupt in den Lehrplänen Einzug halte, sagt Béatrice Ziegler. «Doch ohne Pflichtstunden besteht die Gefahr, dass ­politische Bildung theoretisch überall stattfinden kann – und dann konkret nirgends stattfindet.»

«Politiker klingen nicht besonders sexy»

Auch künftig wird der demokratische Nachwuchs also kaum an den Schulen rekrutiert – doch wie sind die Jugendlichen sonst für die Politik zu gewinnen? Für David Schärer, Experte für Politkommunikation bei der Zürcher Agentur Rod, ist klar: «Der Ball liegt bei den Politikern. Sie müssen ihre Inhalte attraktiver verkaufen.» Zu oft jonglierten Schweizer Politiker mit abstrakten Begriffen wie «Staatsvertrag» oder «AHV-Revision». «Das klingt nun einmal nicht besonders sexy. Und vor allem: Es klingt für Jugendliche nicht so, als hätten sie irgendetwas damit zu tun.»

Kann man einer trockenen Angelegenheit wie der Revision der Sozialwerke überhaupt Sinnlichkeit einhauchen? Ja, meint Schärer. Und verweist auf «Slow ’n’ easy», eine Kampagne der Beratungsstelle für Unfallverhütung, die das Rod-Team vergangenes Jahr mitgestaltete. In einem Videoclip fordert ein Hippie-Schutzengel junge Autolenker auf, im Verkehr weniger Gas zu geben. Kein allzu sinnliches Thema – und trotzdem: Der Schutzengel avancierte zur Kultfigur, die Band, die den Song zu den Clips singt, schaffte es auf Anhieb auf Platz 5 der Schweizer Single-Hitparade. «Die Kampagne hat etwas in den Jugendlichen berührt», ist David Schärer überzeugt. Auf Facebook habe sie über 140'000 Freunde. «Das heisst: Die Zielgruppe identifiziert sich mit ihr. Und: Die Botschaft, so trocken sie im Grunde ist, ist angekommen.»

Lieber eine Vision als Mehrzweckhallen

Kommunikationsprofi Schärer betont: Wer Aufmerksamkeit für ein politisches Projekt will, muss eine klare Botschaft haben. Und sie reduziert formulieren – selbst wenn sie dadurch ungenau wird. Paradebeispiel dafür ist Barack Obama, auch wenn die USA und deren politische Gepflogenheiten mit der Konsenskultur der Schweiz nur bedingt vergleichbar sind. «Obama schaffte es während seines Wahlkampfs, allein mit dem Wort ‹Change› die Massen zu bewegen», sagt Schärer. «Was er damit genau meinte, war nicht klar. Aber das Wort berührte die Menschen. Es traf einen Nerv, hatte etwas Visionäres. Obama holte sie so ab.»

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Der nachmalige US-Präsident holte junge Wähler auch ab, weil er geschickt das Internet als Kommunikationskanal einsetz­te. Schärer warnt aber davor, die neuen Medien zu überschätzen: «Wer glaubt, ein trendiger Web-Auftritt oder ein paar Facebook-Gruppen reichten aus, um Jugendliche ins Boot zu holen, irrt.» Facebook etwa sei mit gut zwei Millionen akti­ven Nutzern in der Schweiz zwar eine ideale Plattform, um politische Inhalte zu verbreiten. Doch auch dort erreiche die Aufmerksamkeit der Nutzer nur, wer im richtigen Moment eine gute Botschaft habe und sie auf überzeugende Weise transportieren könne.

Hin und wieder, glaubt David Schärer, würde auch eine politische Vision nicht schaden. Eine Vision, die den Jugendlichen das gute Gefühl gebe, bei der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken – und nicht bloss über den Bau von Mehrzweckhallen abzustimmen. «Die Politik hierzulande kommt oft abschreckend daher, lustlos, kleinlich. Für die grossen politischen Fragen wären die Jugendlichen aber schon zu haben. Fragen wie: Wo wollen wir hin mit unserem Land? Was haben wir für ein Projekt?»

Gelingt die Sensibilisierung für Politisches nun eher durch den Zwang des Schulstoffs oder durch das Lustvolle, das sich in der Freizeit der Jugendlichen abspielt? Vielleicht durch eine Kombination davon. Da könnte die Schule eine Vorreiter­rolle spielen, indem etwa ein Schülerpar­lament gegründet wird, so dass gewählte Vertreter jeder Klasse die Interessen der Schülerschaft wahrnehmen können. Ein Pingpongtisch auf dem Pausenplatz, Freiluftplätze in der Cafeteria, ein Sommerfest – eine Schule kann unzählige Anliegen der Jugendlichen auf demokratischen Wegen umsetzen. Das habe einen nachhaltigen Lerneffekt, ist der Fachmann Fritz Oser überzeugt: «Stellt die Schule Formen der Mitverantwortung und Mitverpflichtung bereit, kann sie zu einer ‹embryonalen ­Demokratie› werden, in der die politische Auseinandersetzung gelernt wird.»

Foto: Bertrand Cottet/Strates

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Anne Hehli, 34, Sekundarlehrerin

«In der Schweiz vergisst man gern, dass die Demokratie nicht selbstverständlich ist», sagt Anne Hehli, 34. In Bulle FR lehrt sie Staatsbürger­kunde. Weite Teile der ­Vergangenheit seien auch in der Schweiz durch Oligarchien und Autokratien geprägt gewesen. Und selbst wenn die Demokratie hierzulande eine lange Tradition habe, sei sie hart erkämpft worden. «Denken wir nur daran, dass das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt wurde.»

Wenn sie solche Zusammenhänge im Unterricht aufzeigen könne, lernten die Jugendlichen die demokratischen Errungenschaf­ten schätzen. Dabei sei es wichtig, den Stoff möglichst lebensnah und aktuell zu gestalten. «Die Politik ist für die meisten Jugendlichen ein Symbol für die Welt der Alten. Sie glauben, sie verstünden davon nichts, und resignieren.»

Die Historikerin und Journalistin will hier Gegensteuer geben. Die Schüler erhalten oft die Hausaufgabe, in Zeitungen drei ­Artikel zu suchen, die sie interessant ­finden. In der Stunde wird dann darüber debattiert; so lernen die Schüler, sich eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten.

Die demokratischen Spielregeln lernen sie auch im Alltag: Es gibt einen Schülerrat, gewählte Delegierte jeder Klasse. Dass auf dem Pausenplatz ein Springbrunnen plätschert, ist dem demokratischen Mitwirken der Schülerschaft zu verdanken.

Foto: Christian Schnur

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Cédric Wermuth, 24, Präsident der Jungsozialisten Schweiz

Juso-Präsident Cédric Wermuth will junge Leute für die Politik gewinnen – selbstredend für die linke Politik. Die Zeiten dafür sind nicht schlecht, glaubt er: «Die Diskussionen um Abzocker in der Wirtschaft beschäftigen viele Jugendliche zwischen 16 und 20 – auch solche, die bislang eher unpolitisch waren.» Auch deshalb ist Wermuth so oft wie möglich auf Facebook erreichbar, wo er für Tausende von Jugendlichen ansprechbar ist.

Die Jusos tun alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Organisieren per Facebook ein Sit-in vor dem UBS-Hauptsitz, verschicken zum Auftakt der Fussball-WM per Internet Postkarten, die an die Geschäfte der Credit Suisse mit dem Apartheid-Regime erinnern. Stellen Bundesrätin Doris Leuthard mit bluttriefenden Händen dar, die bürgerlichen Parteipräsidenten in Lack und Leder und eindeutiger Pose. «Wir provozieren, und das geht manchen Leuten zu weit, auch bei unserer Mutterpartei, der SP», sagt der 24-Jährige. «Aber durch diese Provokationen werden wir wahrgenommen.»

Die Jusos versuchen Jugendliche mit ­simplen Botschaften abzuholen, rund um den Slogan «Ändern, was dich stört». Und: «Medien­arbeit ist mehr als Commu­niqués verschicken», so Wermuth. «Wir überlegen uns, was die Leute lesen, die wir ansprechen wollen.» Bei den Jungen seien das Gratis­zeitungen, die anders funktionieren als ­andere: «Sie sind stärker personalisiert und wollen Geschichten erzählen. Wir geben ­ihnen eine Geschichte und dazu einen Kopf.»

Foto: Christian Schnur

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Radia Karim, 16, Schülerin

Radia Karim hat wahrscheinlich bei mehr Demonstrationen mitgemacht als die meisten Erwachsenen. Die Sekschülerin aus Zürich-Enge ist überzeugt: «Auch Kinder können in der Politik etwas ­bewegen, wenn sie dafür kämpfen.»

Zusammen mit Mitschülern kämpfte ­Radia ab 2007 gegen die Ausschaffung ihrer Klassenkameradinnen Aleksandra und Tijana Comagic – bis das Gericht den Ausweisungsentscheid stoppte. «Ich kenne die Zwillinge seit Jahren», sagt sie. «Als es plötzlich hiess, sie müssten nach Serbien zurück, dachte ich: Die haben ja ihr ganzes Leben hier verbracht!»

Im Schulhaus formiert sich Widerstand, unterstützt von Lehrern und Eltern, es gibt Singdarbietun­gen, Solidaritätskundgebungen, Flyer, eine Pressekonferenz. Der Fall der Zwillinge, die im Jahr 1995 rund einjährig in die Schweiz kamen, schafft es prompt in die nationalen Schlagzeilen.

Radia Karim, rednerisch geschult durch Diskussionen in ihrer Familie, war dabei, als die Schüler dem Kantonsrat eine ­Petition überreichten und als Politiker die Schule besuchten. «Ich hatte keine Mühe, den Politikern Fragen zu stellen», sagt sie. «Das sind Menschen wie wir.» Ihr Engagement war lehrreich, sagt sie. «Es hat mich selbstbewusster gemacht, ich habe das bei den Vorstellungsgesprä­chen für eine Lehrstelle gemerkt.»

Weitere Infos

Fritz Oser, Horst Biedermann (Hrsg.): «Jugend ohne Politik»; Rüegger, 2003, CHF 48.

Die Schweizer Ausgabe der ICCS-Studie 2009 von Fritz Oser, Horst Biedermann, Liana Konstantinidou und Dagmar Widorski erscheint diesen Herbst. Informationen unter www.unifr.ch/pedg