Der 22-jährige Damiano wurde Anfang des Jahres im Tessin von Gleichaltrigen zu Tode geprügelt - einfach so. In einem Imbisslokal im Kanton Schwyz gingen kürzlich Schläger grundlos auf ein paar Burschen los, von denen zwei im Spital landeten. Was ist mit den Jugendlichen los - rasten sie völlig aus? Der Beobachter sprach mit drei Jungs über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit Gewalt und fragte drei Mädchen, wie sie ihre prügelnden Altersgenossen erleben.

Olivija, Siana (beide 15) und Sarah (16) besuchen gemeinsam die dritte Sek in Rümlang. Die drei Klassenkameradinnen zählen sich zu den «krasseren» Mädchen der Schule - «bei acht auf einer Skala von eins bis zehn». Als «Gangsterinnen» sehen sie sich aber nicht. Die Jungs - Vladimir, Kevin und Shaban (alle 15) - gehen in die gleiche Klasse wie die Mädchen. Sie spielen gern Fussball oder hören Musik. Einer bestimmten Gruppe oder Clique fühlt sich keiner der Teenager zugehörig.

Beobachter: Wurde einer von euch schon mal verhauen?
Vladimir: Ja, vor zwei Jahren im Glattzentrum. Sie waren zu sechst oder zu siebt. Einer wollte zwei Franken; ich sagte nein. Darauf schlug er mich. Ich fühlte mich scheisse und konnte nichts machen, weil sie alle abgehauen sind.

Beobachter: Hast du deinen Eltern davon erzählt?
Vladimir: Na ja, ich musste mit dem blauen Auge nach Hause gehen. (Alle lachen.)

Beobachter: Wie fühlt man sich, wenn man eine Prügelei gewinnt?
Vladimir: Es ist ein anderes Gefühl als normal. Nicht alltäglich. Wenn du weisst, du hast ihn besiegt - ich fühl mich dann lockerer. Ich weiss, dass er mich in Ruhe lässt.

Beobachter: Es geht also um Respekt?
Vladimir: Ja.

Beobachter: Im Tessin wurde ein 22-Jähriger zu Tode geprügelt - ohne ersichtlichen Grund...
Vladimir: Wenn einer nur irgendwo sitzt und der andere haut ihm mit einem Schlagring oder so den Kiefer kaputt, ohne Grund, das ist einfach dumm, irgendwie.
Shaban: Ich finde es schlimm, wenn einer zusammengeschlagen wird, der nichts getan hat. Das macht mich unsicher.
Kevin: Es bringt einfach nichts.
Vladimir: Das Problem ist, dass einer vielleicht zu hart zuschlägt, so dass der andere behindert bleibt. Bei älteren Leuten reicht ein Schlag, und die sterben. Dann hat man für immer ein schlechtes Gewissen.

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Beleidigungen, Schubsen - und dann...: Kevin, Vladimir und Shaban (von links) wissen, wie es zu Raufereien kommt.


Beobachter
: Warum gehen solche Leute überhaupt auf Menschen los?
Vladimir: Weiss nicht. Vielleicht, weil kein Blut rauskommt aus Gegenständen.
Shaban: Es gibt mehrere Gründe. Neid und Eifersucht, wenn der andere etwas hat, was man nicht hat. Ein Auto, teures Handy. Oder mehr Kollegen. Es geht einfach darum: Wer steht am besten da?
Vladimir: Der, der mehr bieten kann, gewinnt auch die Frauen.

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Im Gespräch mit den Mädchen zeigt sich, dass sie dieses Imponiergehabe der Jungs durchschauen - ganz entziehen können sie sich ihm allerdings nicht:

Beobachter: Kennt ihr Leute, die andere spasseshalber verprügeln?
Siana: Ja. Wir haben Kollegen, die so drauf sind.
Olivija: Wir sagen ihnen ständig, wie unnötig es ist.

Beobachter: Wieso tun sie es dann?
Olivija: Richtig sprechen sie nie darüber. Aber sie geben mit blauen Flecken an. Sie sagen, sie hätten halt Lust dazu gehabt. Vermutlich wollen sie bloss Anerkennung.

Beobachter: Beeindruckt euch dieses Gehabe?
Siana: Ein wenig männlich ist es schon. Aber alles hat seine Grenzen.
Sarah: Es kommt immer darauf an, wie weit sie gehen. Sobald es zu schlimmen Verletzungen kommt, ist es nicht mehr okay.
Olivija: Vor manchen Typen hat man dann wirklich Respekt. Man ist ihnen gegenüber automatisch viel anständiger.

Beobachter: Wo fängt für euch Gewalt an?
Siana: Sobald einer zuschlägt.
Sarah: Beschimpfungen empfinde ich noch nicht als Gewalt. Das gehört für mich noch zum Streit.
Olivija: Mobbing ist auch eine Form von Gewalt. Seelische Verletzungen können genauso schmerzen.

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Für die Jungs sind Beleidigungen und Beschimpfungen an sich noch keine Gewalt. Das «Anmachen» gehört aber zum Vorgeplänkel.

Shaban: Oft kommt es zu Schlägereien, weil Fremde deine Familie beleidigen, so: «Figg dini Mueter.»
Kevin: Es ist immer dasselbe: Sie machen zuerst deine Eltern fertig und dann dich...
Shaban: Ich finde das dumm, die kennen meine Familie ja gar nicht.
Kevin: ...und dann fängts mit dem Schubsen an.
Vladimir: Man schubst zurück, und wenn sich der andere wehrt, gehts los, das volle Programm.

Ein bisschen Prügel muss man als Junge einstecken können - das finden auch die Mädchen.

Beobachter: Gibt es ein akzeptables Mass von Gewalt?
Siana: Wenn es keine richtigen Verletzungen gibt, halt ein freundschaftliches Prügeln.
Sarah: Schlimm ist es erst, wenn Jungs richtig sauer werden. Dann schlagen sie so fest zu, bis einer blutet. Frauen schreien sich eher an, als handgreiflich zu werden.
Olivija: Aber auch da gibt es Grenzen. Wenn sie dich mega beleidigen, ist das auch zu viel.

Beobachter: Was muss man einfach aushalten, und wann ist es angebracht, Hilfe zu suchen?
Sarah: Es kommt darauf an. Wenn du nur ein wenig angemacht wirst, würde ich ruhig bleiben. Bei schlimmeren Schmerzen würde ich es jemandem erzählen.
Olivija: Wenn mir jemand droht oder ständig etwas antut, würde ich Hilfe holen. Weil irgendwann ist genug, und man will einfach nicht mehr genervt werden.

Beobachter: Macht es einen Unterschied, ob Jungs oder Mädchen sich Hilfe holen?
Alle: Ja.
Siana: Jungs müssen härter sein als die Frauen. Sonst sind die ja fast gleich wie wir.
Olivija: Es ist einfach ein schönes Gefühl für eine Frau, wenn er dich beschützen kann.

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Prügeleien sind unnötig, aber Jungs müssen härter sein als Frauen: Sarah, Olivija und Siana (von links)


Beobachter
: Gibt es bestimmte Orte, an denen es eher zu Gewalt kommt?
Sarah: Ja. An Partys gibt es immer viele Schlägereien. Vor allem weil so viel Alkohol getrunken wird.
Olivija: Oder auch in der Stadt. Hier im Dorf würde dir geholfen, weil dich ziemlich jeder kennt. In der Stadt wäre es den Leuten wahrscheinlich egal, weil du für sie fremd bist.

Die Jungs sind sich einig, dass nicht nur der Ort, sondern auch das eigene Verhalten eine Rolle spielt.

Beobachter: Ist man als Opfer manchmal mitschuldig?
Kevin: Kommt drauf an. Wenn man jemanden anrempelt und sich nicht entschuldigt, dann setzt es halt was.
Shaban: Oder wenn man wirklich absichtlich provoziert, dann ist man selber schuld.

Beobachter: Kennt ihr jemanden, der Streitereien auf coole Art und Weise löst?
Kevin: Nein.
Vladimir: James Bond. (Lacht.)
Shaban: Der Bruder meines Kollegen, der kann gut kommunizieren. Er fragt immer nach dem Grund und sagt dann, dass es nichts bringe, sich deswegen zu prügeln. Damit schafft er sich viele Probleme vom Hals.

Beobachter: Gibt es Situationen, in denen Gewalt in Ordnung ist?
Vladimir: Man sollte sich schon wehren, solange man dabei nicht in Gefahr gerät.
Kevin: Wenn man geschubst wird, sollte man bereit sein und warten, ohne gleich zuzuschlagen. Sonst eskalierts.

Beobachter: Und wenn du geschlagen wirst, schlägst du zurück?
Kevin: Ich schaue erst mal, ob er noch mal schlägt - dann ja.

Beobachter: Gibt es Regeln, wenn man sich prügelt?
Vladimir: Wenn beide Gruppen zu fünft sind, dann macht man einen gegen einen, und die anderen sind wie Schiris und schauen, dass sich niemand einmischt.

Beobachter: Und wenn einer unterliegt?
Vladimir: Ja, dann mischen sie sich ein. (Alle lachen.)

Beobachter: Wenn man sich früher prügelte, schlug man den Gegner eigentlich nie ins Gesicht...
Vladimir: Das ist aber sehr lange her, oder?
Shaban: Heute ist der Kopf das Ziel.
Vladimir: Weil wenn man den Kopf trifft, wird der andere schneller schwächer.

Beobachter: Und wann hört man auf? Wenn er sich nicht mehr wehren kann?
Vladimir: Wenn ich ihn am Boden habe, dann frage ich, ob er aufhört. Sagt er ja, dann lasse ich ihn. Sagt er nein, schlage ich ihn noch ein paarmal und lasse ihn dann sein. Meistens sagen sie ja.

Beobachter: Kannst du dir vorstellen, dass dich einer schubst und du machst nichts?
Vladimir: Ja. Wenn der andere grösser ist und älter. Dann muss man arschkriechen.

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Die Massnahmen gegen Jugendgewalt, die derzeit von Behörden angedacht werden, beurteilen die Jugendlichen skeptisch.

Beobachter: Im Tessin will man nun gegen Jugendgewalt vorgehen. Diskutiert wird, dass Jugendliche ab zehn Uhr nicht mehr draussen sein dürfen.
Sarah: Das ist eine ganz blöde Idee. Die Eltern sollen selber bestimmen dürfen, wann ihre Kinder nach Hause müssen.
Siana: Es bringt sowieso nichts. Gerade weil es verboten ist, würden die Jugendlichen wahrscheinlich dagegen verstossen wollen.
Olivija: Ich finde diese ganze Panik um Jugendgewalt sowieso völlig übertrieben. Ich habe nicht das Gefühl, dass es so schlimm ist.
Siana: Aber es wäre gut, wenn in der Schule mehr darüber diskutiert würde. So hören die, die öfters zuschlagen, auch mal die Seite der Opfer.
Sarah: Vielleicht würde es nützen, wenn die Eltern und die Lehrer wieder etwas mehr durchgreifen würden.

Vladimir: Ich finde, Jugendliche, die dauernd andere verprügeln, sollte man einsperren und nicht mehr rauslassen.
Kevin: Dann wärs dort aber sehr schnell überfüllt. (Gelächter.)

Beobachter: Wie kann man sich vor Gewalt schützen?
Vladimir: Mit einer Waffe. Aber wenn der andere auch eine Waffe hat, muss man wegrennen. Am besten ist wegrennen.
Kevin: Man sollte versuchen, den anderen aus dem Weg zu gehen.

Beobachter: Wird jemand, der sich nicht wehrt, in Ruhe gelassen?
Vladimir: Vielleicht, wenn er sich gar nicht wehrt. Aber wenn du einmal zurückgeschubst hast, kannst dus vergessen.
Shaban: Wenn sie es auf dich abgesehen haben, kann man fast nichts machen. Dann muss man das irgendwie regeln.

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