«Alter, mach mir kan Stress, I bin grad offline. Hab mich durch­kempft wia a Viech. I brauch Chillen, und Chillen braucht mi», singt das Hip-Hop-Duo Trackshittaz aus Österreich – und spricht damit einer ganzen Generation voll aus der Seele: «Ich brauche Chillen, und Chillen braucht mich.»

Es gibt kein Hobby, das unter Jugendlichen so viele Anhänger findet wie das süsse Nichtstun. 60 Prozent chillen mehrmals pro Woche, ergab eine Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Chills Läbä» (geniess das Leben), sagen sie alle: die Skater, die Kifferinnen, die Hänger und die Streberinnen.

Fast täglich trifft sich Chicco, 20, am Bahnhof Frauenfeld mit Freunden zum Chillen. Auch an einem kalten Winterabend findet der gelernte Fachmann Betriebsunterhalt die paar überdeckten Quadratmeter bei der Unterführung «chillig». Sein Freund, der 17-jährige Schreinerpraktikerlehrling Daniel, schliesst sich ihm an: «Du kannst schon daheim rumhocken, aber viel geiler ist es am Bahnhof.» Vor allem, weil man da immer Leute treffe. Jessica zum Beispiel. Die 17-Jährige macht eine Lehre als Pferdepflegerin. Sie ist regelmässig hier: «Für mich heisst chillen, frei zu sein, ganz einfach, mal nichts zu müssen.»

Ihr Kollege Dominik, der Zipfelmütze trägt, chillt gern zu Goa-Musik. Auch mal lauter. «Damit es ein bisschen Stress gibt», sagt er und lacht, «nicht zu viel, aber ein bisschen.» Vor kurzem hat Dominik seine Lehre abgebrochen und noch nichts Neues gefunden. Seither könne er seine Freizeit nicht mehr so richtig geniessen. «Chillen kann man eigentlich nur, wenn man auch etwas hat, das einen davon abhält», sagt er nachdenklich, «sonst wird sogar Chillen stressig.»

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Wie chillt man überhaupt richtig?

Nicht ganz so einig sind sich Jugendliche bei der Definition ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung. «Hallo ihr Lieben. Ich wollte euch gern fragen, wie man richtig chillt», schrieb die 14-jährige Melanie kürzlich in einem Internetforum für Jugendliche. Sie bekam konkrete Handlungsanweisungen: «Du brauchst ein Bett, ein Handy oder einen Laptop und bequeme Sachen. Dann musst du dich einfach hingammeln und dich nicht mehr bewegen. Im Idealfall hast du noch Chips in greifbarer Nähe.» Im selben Forum entbrannte später eine Diskussion, ob man bekifft sein muss, um richtig chillen zu können. Die Nüchternen obsiegten. Auch Chicco und seinen Freunden am Bahnhof Frauenfeld reichen eine Zigarette und ein Energydrink.

«Ich chills erst mal», sagt Flavia, wenn sie von der Schule heimkommt. Die 17-jährige Gymnasiastin aus dem Tösstal hat klare Vorstellungen davon, was der Begriff für sie bedeutet. «Es gibt zwei Arten von Chillen», sagt sie. Draussen mit Kollegen rumhängen oder zum Abschalten nach der Schule daheim. Wenn sie sich draussen mit Freunden zum Chillen treffe, dann ­sässen sie einfach irgendwo und unterhielten sich. «Wir reden über Gott und die Welt, über kaputte Beziehungen zum Beispiel. Die Sachen halt, die uns beschäftigen.» Das finde sie besonders wichtig, weil ja heute sonst alles übers Handy laufe. «Das versuchen wir halt zu vermeiden und treffen uns richtig.»

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Aber längst nicht alles, was sie mit Freunden unternehme, sei chillen, betont Flavia. «Wenn wir in einen Club gehen, ist das eine Aktivität.» Kurz ­gefasst sei Chillen alles, was keinerlei Anstrengung bedürfe, weder körperlich noch geistig. «Wenn ich mich eine halbe Stunde aufs Bett lege oder in den Strandkorb setze, dann ist das perfektes Chillen.»

Anders als früher

Wenn der 17-jährige Rémy chillt, stresst das seine Mutter. «Natürlich sind wir als Jugendliche auch auf dem Bett gehängt, haben Musik gehört und Räucherstäbchen abgefackelt», sagt Regina Rohrberg aus Zürich. Trotzdem nerve sie die Chillerei ihres Sohnes. Für die Schule mache er nur gerade das Nötigste, in der Freizeit auch nicht mehr. Wenn sie sich beklage, heisse es lapidar: «Chills, Muetter.» Während die Kinder von Freunden neben der Schule noch zwei verschiedene Sportarten ausübten und wenn möglich noch eine zusätzliche Fremdsprache lernten, spiele ihr Sohn mit Freunden Karten.

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«Das ist natürlich schon ein Spiegel», sagt Rohrberg selbstkritisch. «Chills mal», heisse ja nichts anderes als «entspann dich», und das falle ihr mit der Belastung durch den Job und den Haushalt tatsächlich nicht immer leicht. «Ich glaube, ich habe mich einfach perfekt in unsere Leistungsgesellschaft eingepasst», sagt sie. «Jugendliche wie mein Sohn hingegen wehren sich bewusst oder unbewusst gegen diese Anpassung.» In ihrer Kindheit habe es geheissen: «Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen», und danach handle sie bis heute. «Aber: Vielleicht hat, wer die Umkehrung lebt, am Ende gar nicht unrecht.»

«Auch Erwachsene chillen. Sie nennen es einfach anders.» Flavia Fisch, 17, Gymnasiastin.

Quelle: Giorgia Müller
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«Der Chiller ist in unserer Leistungsgesellschaft das perfekte Gegenmodell», sagt auch die Sprachwissenschaftlerin Esther Galliker von der Hochschule Luzern. Solche Wortkreationen dienten der Identifikation innerhalb einer sozialen Gruppe, aber immer auch der Abgrenzung nach ­aussen.

Junge wehren sich gegen den Druck

Der Soziologe Olivier Steiner stützt die These: «Die Industrialisierung hat der Jugend eine Befreiung gebracht. Doch die Leistungsgesellschaft hat zu neuen Vereinnahmungen geführt.» Steiner unterrichtet an der Fachhochschule Nordwestschweiz und spricht von einem Lebenslauf-Regime, dem heute bereits Kinder ausgesetzt seien. «Ohne Lehrabschluss hat man heute kaum mehr eine Chance, beruflich integriert zu werden.» Und viele Berufe, in die man vor nicht allzu langer Zeit noch quereinsteigen konnte, seien heute mit hohen schulischen Qualifikationen verbunden. «Diesen Druck spüren die Jugendlichen.»

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Chillen, vermutet Steiner, sei eine Art passiver Widerstand. Zumindest ein vorübergehender. Denn laut Steiner zeigen aktuelle Erhebungen, dass es die chillende Generation durchaus für wichtig hält, Karriere zu machen, ein Haus zu besitzen, eine Familie zu gründen. Nicht selten würden jene, die es in der Jugend offenkundig «easy» nähmen, sich später dann doch für die Karriereleiter entscheiden. «Das ist kein zwingender Widerspruch. Die meisten Jugendlichen chillen bewusst und nur dosiert.»

Nichtstun ist nicht nichts tun

Das würde wohl auch Gymnasiastin Flavia unterschreiben. Sie ist übrigens überzeugt, dass auch Erwachsene chillen. Wenn ihre Mutter nach dem Vereinsbesuch «eins trinken gehe», mache sie dort nichts anderes als sie, wenn sie sich mit ihren Freundinnen treffe: «Auch die Erwachsenen chillen zusammen, sie nennen es einfach ­anders.»

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Gerade dieser Austausch ist für Jugendliche enorm wichtig, sagt Miriam Bäcker, Sozialarbeiterin in der offenen Jugendarbeit in Frauenfeld: «Sie treffen sich, hängen vermeintlich nur rum, aber in diesen Auszeiten geschieht sehr viel.» Im ungezwungenen Kontakt mit Gleichaltrigen entwickelten Jugendliche ihre Identität. «Sie testen Verhaltensmuster, identifizieren sich mit anderen oder grenzen sich ab.» Um kreativ zu werden, Ideen zu entwickeln oder Erlebnisse zu verarbeiten, brauche man Zeit. Zeit, in der keine Tätigkeit vorgegeben sei.

Darum will die Jugendarbeiterin «ihren» Jugendlichen einen Raum zur Verfügung stellen, in dem sie einfach sein können. Chillen halt. Oder, um es mit dem Hip-Hop-Duo Trackshittaz zu sagen: «Scheiss aufn Zeitraffer, weils heut um Chillen in Echtzeit geht. Loss mi chillen. Chillen is wichtig. I nenns a Ladephase.»

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Was heisst «chillen»?

Chillen (von englisch «to chill», abkühlen) wird in der heutigen Jugendsprache für «entspannen» (Chill mal! oder Chills mal!) oder «abhängen» verwendet. Mit der Zeit entwickelten sich diverse Variationen, zum Beispiel «chillig», «Chiller» oder «gechillt». «Chillen» hat sich mittlerweile auch allgemeiner für Tätigkeiten ein­gebürgert, die meistens entspannend, passiv und mit Genuss verbunden sind. Neu findet sich auch die Kombination «chillaxen» – aus «chillen» und «relaxen».

Bei den Jungen schon wieder out

Der Langenscheidt-Verlag eruiert jedes Jahr das ­Jugendwort des Jahres. ­Dieses Jahr machte ein ganzer Satz das Rennen. Die Rangliste 2014:

  1. «Läuft bei dir.» Heisst so viel wie «Du hast es drauf», «cool», «krass». Kann auch ironisch verwendet werden.

  2. «Gönn dir!» Steht für «Viel Spass dabei!» oder «Gönn es dir!». Kann auch als ironischer Wunsch verwendet werden.

  3. «Hayvan» Türkisch für «Tier», spielt auf positive oder negative Eigenschaften von Tieren an (Muskelpaket, treuer Freund – oder: triebgesteuert, ohne Denkvermögen).

  4. «Selfie» Ein Fotoselbstporträt.


  5. «Senfautomat» «Klugscheisser» respektive jemand, der alles kommentiert.



Laut der Luzerner Sprachwissenschaftlerin Esther Galliker sind diese «Top 5» bereits wieder out. «Sobald solche Wörter im Lexikon auftauchen und damit einem breiteren Publikum zugänglich werden, verlieren sie für Jugendliche ihren Reiz», sagt sie. «Wenn 30-Jährige so sprechen, geht der Begriff entweder in den allgemeinen Sprachgebrauch über oder er verschwindet über kurz oder lang wieder ganz von der Bildfläche.»

«Chillen» hat es in den Duden geschafft: «sich [nach einer Anstrengung] erholen; ­entspannen».

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