Elternabend im Schulhaus Auzelg in Zürich-Schwamendingen. Albanische Väter sitzen neben Schweizer Müttern: Der türkische Mann hört genauso interessiert zu wie die drei verschleierten somalischen Frauen. Schulleiter Claudio Tamò hat für den Abend fünf Übersetzer engagiert, denn das Thema ist wichtig: der Umgang mit neuen Medien. «In unserem Primarschulhaus haben wir keine Probleme mit Handys - noch nicht», betont Tamò. «Doch die Lawine von technischen Möglichkeiten rollt auf uns zu. Und die Kinder lernen schneller als die Eltern.»

Die Veranstaltung, die die Schule in Zusammenarbeit mit der Präventionsabteilung der Zürcher Stadtpolizei durchführt, soll die Eltern auf die Gefahren aufmerksam machen, die Handys und Internet bergen. Vor allem soll ihnen bewusst gemacht werden, dass auch in der virtuellen Welt in erster Linie die Eltern für das Tun und Lassen ihrer Kinder verantwortlich sind.

Herbert Siegrist, Chef Kriminalprävention, steht in Uniform vor dem Publikum. Er spricht Klartext: Weniger als vier Minuten dauert es im Durchschnitt, bis ein Kind in einem Chatroom sexuell angemacht wird. Und manchmal laden sich Kinder ungewollt Pornos auf den Computer, die sich hinter Musikdateien verstecken. Um zu illustrieren, worüber er spricht, zeigt der Polizist die pornographischen Bilder, mit denen Kinder heute konfrontiert werden. Sie sind stark verfremdet, trotzdem geht ein Raunen durch das Publikum. Die Eltern sind aufgewühlt. Sie haben viele Fragen. Was ist Bluetooth? Was, wenn ich bei meinem Sohn Pornobilder entdecke? Ab wann braucht meine Tochter ein Handy? Siegrist kennt keine Patentrezepte: «Das müssen Sie als Eltern selber entscheiden, die Verantwortung liegt bei Ihnen.»

Via Handy und Internet haben Kinder und Jugendliche heute früher und leichter Zugang zu pornographischem Material als noch vor zehn Jahren. In einer aktuellen amerikanischen Untersuchung gaben vier von zehn Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren an, mit Online-Pornographie in Berührung gekommen zu sein. In einer niederländischen Internet-Befragung sagte ein Viertel der Jungs und jedes fünfte Mädchen, schon einmal am Computer Cybersex - definiert als «sexuelle Aktion durch den Austausch von Texten und Bildern» - praktiziert zu haben. Forscher sprechen von der neuen sexuellen Revolution.

«Manchmal sind auch Pornos dabei»
Dass diese auch in der Schweiz stattfindet, merkt, wer sich hierzulande unter Jugendlichen umhört. Ohne Aufregung erzählen sie vom heimlichen Filmen auf der Toilette oder vom Publizieren von privaten Nacktbildern. Zum Beispiel Jovanna, eine 17-jährige Zürcher Gymnasiastin: Abends chattet sie oft via MSN mit ihren Freunden. MSN ist ein geschlossenes Mitteilungssystem, in dem man die Chatpartner gezielt auswählen muss. Trotzdem bekommt Jovanna in letzter Zeit immer mehr schlüpfrige Angebote. «Jemand muss meine Adresse weitergegeben haben», sagt sie. In ihrer Schule gebe es einige, die per MSN Cybersex praktizierten. Von zwei Mitschülern seien bereits Nacktbilder im Internet aufgetaucht. «Sie filmen sich nackt mit der Webcam vor dem Computer und schicken diese Bilder ihren Chatpartnern, die sie dann ohne ihr Einverständnis weiterreichen», erklärt sie und zuckt mit den Schultern. «Selber schuld, so naiv darf man nicht sein.»

Die Gymnasiasten Kevin, 15, und Kadir, 14, leben in der Innerschweiz auf dem Land. Sie speichern vor allem «Filme von Fussballern und so» auf ihren Handys. Mittels Bluetooth geben sie die Clips weiter, das gehe ganz schnell, und klar, manchmal seien auch Pornofilme dabei.

Die 13-jährige Carina aus Zürich wiederum hat ihre Bluetooth-Funktion am Handy ausgeschaltet. Es brauche zu viel Akku, meint sie. Doch Pornos sind nichts Neues für die Sekundarschülerin. «Bei uns hat jeder schon Pornos gesehen, sogar die Streberinnen. Die Jungs halten den Mädchen auf dem Pausenplatz einfach ihr Handy unter die Nase und sagen: Schau mal.» Manchmal ist Carina dann verwirrt, etwa über das Bild einer Frau mit Penis: «Wie geht das?» Mit dem Lehrer darüber reden will sie nicht, «zu peinlich», und eigentlich seien eingeschaltete Handys auf dem Pausenplatz sowieso verboten, nur halte sich niemand daran.

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Die Eltern in die Pflicht nehmen
In Sarnen hingegen dürfen die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz offiziell simsen, telefonieren und gamen. «Die Kinder müssen die Barrieren in den Köpfen haben und selber merken, was zu weit geht», sagt Schulleiterin Béa Sager. Von einem Handyverbot auf dem Schulareal hält sie nichts, «es ist schlicht nicht durchsetzbar». Sager möchte die Eigenverantwortung der Schüler stärken. Die Lehrpersonen thematisieren den Sinn und Zweck des Handys, und die Schüler sollen lernen, die heutigen Medien sinnvoll einzusetzen. Die Schulleiterin nimmt auch die Eltern in die Pflicht. Im Dezember mussten sie zusammen mit ihren Kindern einen Brief unterschreiben. Betreff: Gewaltdarstellungen und Pornographie auf Handy und PC. Béa Sager forderte darin die Eltern auf, regelmässig nachzuschauen, was ihre Kinder auf dem Handy oder dem PC zu Hause gespeichert haben. Die Reaktionen waren mehrheitlich positiv. Doch einige Eltern zeigten sich empört, weil sie finden, die Schule gehe mit ihrer Aufforderung zu weit, das sei Privatsache.

«Die sexualisierte Umwelt fordert nicht nur die Jugendlichen heraus, jetzt sind auch die Eltern gefragt. Sie müssen hinschauen und sich mit den Schattenseiten der neuen Technologien befassen», so Sager. Es sei wichtig, dass die Eltern wissen, womit sich ihre Kinder beschäftigen. Die Regeln für den Umgang mit den modernen Medien sollten in der Familie besprochen werden, fordert Sager. «Viele meinen, im ländlichen Obwalden sei sexualisierte Gewalt kein Problem. Sie sind sich oft gar nicht bewusst, was heute abläuft.»

Wie weit Jugendliche inzwischen gehen, haben Lehrer an der Oberstufenschule Rüti ZH in diesem Sommer erfahren. Mehrere Schüler hatten sich gegenseitig bei sexuellen Handlungen gefilmt und diese Filme auf dem Schulareal herumgezeigt. Da auch Minderjährige beteiligt waren, musste die Kantonspolizei eingeschaltet werden. Schulleiter Walter Wolf war bei den anschliessenden Befragungen der Schüler dabei. «Wir alle waren total schockiert», erinnert er sich. «Erschüttert hat uns vor allem die Coolness der Beteiligten. Die Jugendlichen fanden nichts Schlimmes dabei.» Die Schule handelte schnell: Noch im Juli mussten die Schüler zum Gespräch antraben - zusammen mit ihren Eltern. Denn Wolf war klar: Auch wenn der Vorfall in der Schule stattfand, ist die Mitarbeit der Eltern gefragt. «Die Schule ist Brennpunkt aller gesellschaftlichen Strömungen», so Wolf. «Sie erfährt neue Trends zuerst und wird zwangsläufig von den damit verbundenen Turbulenzen erfasst.» Jetzt ist es höchste Zeit, dass sich auch die Eltern für Bluetooth, MSN und Webcams interessieren.

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