Mitunter irrt der Volksmund gehörig. Etwa dann, wenn er daherredet, dass Schweigen Gold und Reden bloss Silber sei. «Rhetorische Fähigkeiten sind in der heutigen Gesellschaft wichtiger als je zuvor», entgegnet Stefan Keller, Oberassistent am Höheren Lehramt Mittelschulen der Universität Zürich. Zumal die Kunst, sich klar und verständlich auszudrücken, längst in allen Lebensbereichen Gewinn verspricht. Beispiel Berufswahl: Zwei Bewerber, beide gleich gut, stehen in der Endausscheidung für eine Lehrstelle. Während der eine selbstbewusst seine Vorzüge hervorhebt, druckst der andere nur herum. Preisfrage: Wer kriegt den Job?

Alles andere als mundfaul
Glücklich also, wer mit der Gabe der Redekunst gesegnet ist - und Pech für alle Übrigen. Rhetorikexperte Keller sieht es anders: «Jeder Mensch ist von Natur aus ein kommunikatives Wesen. Aber die meisten müssen erst lernen, diese Grundbegabung auch ausspielen zu können.» Dies gilt gerade für Jugendliche, die - spätestens seit dem Aufkommen von E-Mail und SMS - im Ruf stehen, mundfaul zu sein. Wieder widerspricht der Wissenschaftler: Jugendliche würden nur dort den Mund halten, wo es für sie ohnehin nichts zu holen gibt, so Stefan Keller. «Wenn sie aber merken, dass sie etwas ausrichten können, dass sie gefragt sind, dass man ihnen zuhört, dann melden sie sich schon zu Wort.»

Dann mal los! «Selbst die besten Argumente nützen dir nichts, wenn deine Gesprächspartner davon nichts mitkriegen. Deshalb musst du sie gut verkaufen», sagt Leo Suter, 18. «Die anderen hören dir nur zu, wenn du ihnen ebenfalls zuhörst. Wenn jeder nur seine Meinung durchdrücken will, dreht man sich im Kreis», weiss die 16-jährige Selina Bruderer. Und Viviane Haymoz, 16, findet: «Je bewusster man seine Argumente vorträgt, umso selbstsicherer tritt man auf.»

Diese Erfahrungen haben Leo, Selina und Viviane, alle drei im Limmattal wohnhaft, im vergangenen Jahr als Finalisten beim ersten Zürcher Rhetorikwettbewerb gemacht. Bei dieser Konkurrenz besteht die Aufgabe darin, in Vierergruppen - zwei pro, zwei kontra - eine Debatte über eine kontroverse Frage zu führen wie: «Sollen an Schweizer Schulen Kleidervorschriften gelten?» Die Auftritte werden danach von einer Jury nach den Kriterien Sachkompetenz, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft bewertet.

Wichtig ist die Einhaltung der Vorgaben: Im Eröffnungsstatement kann jeder Redner, jede Rednerin während zwei Minuten Stellung zur Streitfrage beziehen, danach folgt ein zwölfminütiger Block mit freier Diskussion, und schliesslich wird ein jeweils einminütiges Schlussfazit gezogen. Diese Debattierregeln waren für die Teilnehmenden neu – und boten gleichzeitig den grössten Lerneffekt: «Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, argumentiert man viel zielgerichteter», sagt der 18-jährige Christian Meerwein, ebenfalls Finalist.

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Die Lust am Wortgefecht
Der Zürcher Wettstreit war der Probelauf für einen gesamtschweizerischen Debattier-Cup, der 2006 erstmals stattfindet (siehe unten: «Weitere Infos»). Die Aktion ist eingebettet ins gross angelegte Projekt «Jugend debattiert» der Stiftung Dialog, das bei Jugendlichen mit einer Reihe von schulischen und ausserschulischen Aktivitäten die Lust am gepflegten Wortgefecht steigern will. Dabei geht es letztlich um politische Bildung, um demokratische Mitwirkung nach dem Motto: «Ich habe eine Stimme.»

Uni-Wissenschaftler Keller ist überzeugt, dass rhetorisches Geschick die Schlüsselkompetenz dazu ist. «Schliesslich gilt in der richtig verstandenen Rhetorik immer das Prinzip von Rede und Gegenrede – ein Grundelement der demokratischen Meinungsbildung.» Werde dieses Gebot nicht eingehalten, liege ein Missbrauch der Rhetorik vor, wie es in Diktaturen vorkomme. Falsch liegt gemäss Keller auch, wer die Redekunst als blosses Marketing in eigener Sache versteht: «Die Worte müssen mit der Sache übereinstimmen. Nichts ist lächerlicher, als wenn jemand in einer Art redet, die nicht zu ihm passt. Wer Defizite mit grossen Worten übertönen will, läuft Gefahr abzustürzen.» Solche Missverständnisse haben bewirkt, dass die rhetorische Bildung – zuvor während Jahrhunderten ein fester Schulstoff – hierzulande zum Mauerblümchen degradiert wurde. Völlig verkehrt, findet Gerold Koller, Deutschlehrer an der Kantonsschule Limmattal in Urdorf ZH: «Das Training der sprachlichen Eloquenz kommt im normalen Unterricht eindeutig zu kurz, an den Gymnasien wie an der Volksschule», sagt Koller.

In der Vorbereitung auf den letztjährigen Rhetorikwettbewerb hat Koller dem Thema extra Platz eingeräumt. Von der Wirkung ist er bis heute angetan: In den Aufsätzen würden seither nicht bloss Behauptungen aufgestellt, sondern es werde schlüssig und sachlich argumentiert. «Das zeigt, dass Rhetorik lernbar ist.» Deshalb kann es sich Koller gar vorstellen, aus Rhetorik ein eigenes Schulfach zu machen. Ein Steilpass an die Bildungspolitiker. Zumindest mal darüber reden könnten sie ja.

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