Der Tag, an dem ich das Okay für den Vorschlag bekam, ein Loblied auf die Pubertät zu schreiben, war der Tag, an dem bei uns das Schliessblech aus dem Rahmen der Badezimmertür brach. Drei 14-Jährige. Einer hält von innen zu, zwei ziehen. Bis das Holz birst, die Späne fliegen und das Metall verbogen nur noch an einer Schraube hängt.

Ich bleibe dabei, ich finde die Pubertät toll. Die Zeit, die von der Gesellschaft als eine Art Störfall betrachtet wird. Ein schlimmes Übel, das man als Elternteil nur übersteht, wenn man sich wegduckt. Wie bei einer grossen Meereswelle, aus der man nur dann unbeschadet hervorkommt, wenn man die Luft anhält, die Augen schliesst, abtaucht und erst wieder den Kopf aus dem Wasser reckt, wenn sie über einen hinweggerollt ist. Der verständnisvolle Blick, der mitleidsvolle Tonfall derer, die hören, der Sohn sei in der Pubertät – diese Entwicklungsphase scheint Anlass zu sein, die gesamte Familie mit mitleidigen Blicken zu bedenken.

Mich ärgert das, denn für mich ist die Pubertät – nach dem Kleinkindalter – die spannendste Zeit. Mit Sicherheit nicht die leichteste, vielleicht auch die anstrengendste, weil ihr die Kraft innewohnt, einen ständig an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten, der Geduld und Toleranz zu bringen, und weil sie den Glauben an das Gute zu ersticken droht. Es ist aber eben auch eine Phase, die unsere Kinder ein zweites Mal erschafft. Eine, die aus einem bekannten Menschen etwas Neues formt.

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Der Kosmos von Popkultur und Liebe

Ich bin dabei, wenn mein Sohn, den ich für diesen Artikel Ben nennen möchte, sich aus dem Kindsein herauslöst. Wenn er den Playmobil-Planeten verlässt und in eine neue Welt eintritt. Ich kann zusehen, wie sich ihm der Kosmos von Musik, Popkultur und Liebe eröffnet, wie die Türen aufgehen, hinter denen die Spannung und das Er­leben liegen, sprich: die Welt. Ich sehe zu, und ich freue mich für ihn. Und für mich.

Denn diese Zeit ist vor allem eines: ­lebendig. Es ist eine, die ständig Neues ­bereithält und bei der man nie weiss, was als Nächstes kommt. Wie in den ersten Lebensjahren, als man zusehen konnte, wie die Kinder sich grundlegende Fähigkeiten aneigneten und ihr Charakter sich zu zeigen begann. Die Jahre von sieben bis elf waren für mich die langweiligsten. Es sind die Jahre, in denen die Kinder das Elementare können und lediglich die Abläufe geschmeidiger werden. Das Schleifebinden geht schneller, die Sprache wird perfekter, die Bewegungen verlieren den Charme des Unbeholfenen.

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Ein neues Wesen

Jetzt, mit 14, ist die Neudefinition in vollem Gange. Ich bin dabei, wenn mein Sohn, der eben noch eine helle Stimme hatte und ­einen kindlich weichen Körper, sich in ein neues Wesen verwandelt. Ich bin Zeugin einer Metamorphose, bei der plötzlich statt geschmeidiger Worte ein Kratzen aus Bens Kehle kommt, das sich anhört, als würde man Karotten raspeln. Ich stelle fest, dass mein Kind quasi über Nacht einen riesig breiten Oberkörper bekommen hat. Und dass es innerhalb von drei Wochen die letzten Zentimeter zugelegt hat, die ihm fehlten, um mit 1,78 Metern so gross zu sein wie ich. Ich weiss nicht, ob die Natur ein Einsehen haben wird und diesen Männergeruch wieder etwas zurückfährt, ich weiss nicht, wie Ben aussehen wird, wenn demnächst der Bart zu wachsen beginnt. Ich kann nicht wissen, ob ich nach diesem Prozess mein Kind noch wiedererkenne, ob es noch Ähnlichkeit mit meiner «Benne-Maus» haben wird oder ob ein junger Mann dabei herauskommt, in einem Panzer von Männlichkeit und Brusthaar, der die Frauen flachlegt und zu schnell Auto fährt.

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Die Pubertät meines Sohnes ist ein Prozess der Entfremdung. Ich muss zusehen, wie er unser Gemeinsames verlässt und sich dort niederlässt, wo ich nicht weiss, was mit ihm geschieht. Ich muss es aus­halten, dass ich nicht länger die Kontrolle über alles habe. Dass ich nicht weiss, ob ihm das, was er tut, guttut. Das auszuhalten ist nicht leicht. Sein Abschied ist auch mein Abschied.

Trotzdem freue ich mich. Darüber, dass er diese tolle Zeit hat. Ich schaue mir an, was er tut, sofern ich das noch mitbekomme, und denke: Super! Genau so muss es sein! Ich freue mich, wenn ich höre, wie er seine Verabredungen trifft, um mit Freunden durchs «Dorf» zu schlendern, wie der Ortskern in unserem Stadtteil genannt wird, und im Café die ersten Koffeinerfahrungen zu machen. Oder wenn er mit seinen Kumpels in die Innenstadt fährt, um im In-Viertel in die Läden zu schauen und wahrscheinlich mit einer gewissen Auf­geregtheit das Bong-Sortiment des Headshops bestaunt.

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Ich freue mich, dass die Mädchen hier ein und aus gehen, die ich zwar nicht auseinanderhalten kann, weil sie alle gleich aussehen und Anna-Lena, Lara-Lena oder, wenn sie Geige lernen sollen, Sophie heis­sen, und dass das Telefon ständig klingelt. Ich freue mich, wenn ich aus seinem Zimmer Gitarrenklänge höre. Nicht weil ich denke, jetzt tut der Junge endlich mal etwas Vernünftiges, statt nur bei Facebook rumzuspielen, sondern weil ich mich ­daran erinnere, wie es sich anfühlt, wenn die Musik all die Sehnsuchtsgefühle ein­zufangen und abzubilden versteht, die in dieser Zwischenphase stecken. Das Gefühl des Aufbruchs und der Möglichkeiten, die Freude am Ich und die Verzweiflung daran.

Eine gute Zeit, um aufzuwachsen

Ich bin angetan von dem, was heute «Jugend» heisst, wenn ich sehe, wie zwanglos die 13-, 14-, 15-Jährigen miteinander umgehen. Wie selbstverständlich sie über ­Facebook nach dem ersten Zufallstreffen den Kontakt herstellen, um sich nach ein paar Mails zu treffen. Ohne dass es um etwas geht, einfach so, weil sie sich sympathisch sind. Mir gefällt, wie wenig sexuelle Orientierung für sie ein Thema ist, wie egal es ihnen ist, ob ihr Lehrer schwul ist oder nicht. Ich mag, wie offen sie die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung betrachten, auch wenn zunächst alles Bestreben dahin geht, den gängigen Geschlechter- und Erfolgsbildern zu entsprechen.

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Ich freue mich für sie, dass sie Eltern haben, die weniger stark an einer «Normalität» kleben, die allenfalls eine Konformität sein kann. Dass sie in einer – auch medialen – Zeit aufwachsen, in der die Abweichung der Norm zum Normalfall wird, in der es an vielen Stellen leichter ist, mit dem Ich klarzukommen, als es das noch vor 20 Jahren war. Und in einer Zeit, in der so etwas wie «Scheidung» nicht mehr zur Stigmatisierung führt, sondern im Gegenteil das Modell der Patchworkfamilie auch als Bereicherung gesehen werden kann.

Wahrscheinlich bin ich so begeistert, weil meine eigene Pubertät super war. Nicht dass die Umstände entspannt oder glücklich waren, im Gegenteil, bei uns zu Hause war die Hölle los. Kein Tag, an dem ich mir nicht gewünscht hätte, dass mein Vater tot umfiele. Aber dieses Gefühl, die Welt «da draussen» zu entdecken, Leute kennenzulernen, die interessant sind, weil sie anders ticken als die, die man bisher kannte, Leute, die es wagen, die herrschenden Verhältnisse als Witz darzustellen, den es zu überwinden gilt, ist eine grossartige Erfahrung.

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Ebenso wie die Entdeckung, dass Bücher das Dasein, das Ich verändern und formen können. «Tschick» ist so ein Buch. Eines der schönsten, die ich je gelesen habe, eines, das ich gleich an Ben, der nur liest, wenn bei Tommy Jaud ein Kalauer dem anderen folgt, weitergereicht habe. Ich konnte sehen, wie es ihn erreicht. Wie der Protagonist, ein 14-Jähriger, in Bens Hirn und sein Herz einzieht, mit seinem Witz und seinem Charme und seinem ­Bemühen um Verständnis der Welt. Ich konnte spüren, wie der Junge Bedeutung im Leben meines Kindes einnimmt, wie er zur relevanten Figur wird, weil er die Fragen und Hoffnungen abbildet, die einen 14-Jährigen umtreiben.

Als mir klar wurde, dass ich die Pubertät meines Sohnes mit diesen Gedanken belege, habe ich mich gefragt, ob ich das tue, weil ich mich dadurch selbst wieder jung fühle. Vielleicht ist da etwas dran. Wichtiger aber scheint der Gedanke, das Leben gestalten zu können. Es gibt keine Notwendigkeit, sich abzufinden, lahm zu werden, egal, in welchem Alter. Ich sehe meinen Sohn, wie er aufbricht, und ich denke, ja, genau, so geht es! Tun, machen, die Welt gestalten. Sein Aufbruch ist auch mein Aufbruch.

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Mit einem Beknackten im Haus

Natürlich ist es auch bei uns nicht immer lustig. Natürlich habe auch ich Jesper Juuls Buch «Pubertät» gekauft, denn Ben treibt seinen Vater und mich in regelmässigen Abständen an den Rand von allem, wor­über man als erwachsener Mensch ver­fügen möchte: Ruhe, Geduld, Einsicht, ­Verständnis, Durchsetzungskraft, Autorität. Das schafft er vor allem durch Verweigerung. So hat Ben nie Hausaufgaben. Auch Arbeiten werden von den Lehrern in der Regel nicht zurückgegeben. Zumindest nicht an ihn. Elternabend? Es gab einen ­Elternabend? Also, er hat keinen Zettel bekommen.

Am schlimmsten aber sind die Momente, in denen man das Gefühl hat, es mit jemandem zu tun zu haben, dem man das Hirn einfach aus dem Kopf herausgenommen hat. Ich möchte meinen Sohn nicht blossstellen, deshalb gibt es kein Beispiel. Nur so viel: Schuld oder Verantwortung liegt immer bei den anderen. Das sind ­Momente, da möchte ich toben, heulen, kreischen. Ich weiss nicht, wohin mit mir. Fühle mich völlig hilflos. Zweifle an der Zurechnungsfähigkeit meines Kindes, weiss nicht, wie ich die nächsten Jahre überleben soll, mit einem Beknackten im Haus.

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Also sage ich zu seinem Vater, meinem Exfreund: «Der hat eine Macke! Wir brauchen einen Psychologen!» Worauf Bens Vater sagt: «Bleib ruhig, das nennt man Pubertät.» Einen Tag später sehe ich dem Ex an, dass es Ärger gab. «Ich habe beschlossen, die Konversation auf das Notwendigste zu beschränken. Der spinnt völlig», sagt er in bitterem Ton. «Wir brauchen eine Beratung. Dringend!»

Mit dem Lachen kommt der Abstand

Überhaupt reden. Ich habe gemerkt, reden hilft. Mehr noch lachen. Man muss darüber lachen. Man muss sich Leute suchen, denen man im Moment schlimmster Zweifel schildern kann, wie blöd das Kind ist. Und wie hilflos man selbst. Seit zehn Jahren sind Bens Vater und ich getrennt, er­ziehen aber gemeinsam. Nie hätte ich ihn früher angerufen, um mein Leid zu klagen. Diese Blösse wollte ich mir nicht geben. Mittlerweile rufe ich an, damit ich nicht durchdrehe. Und weil ich finde, dass ich nicht mit allem allein klarkommen muss. Dann spricht er mir gut zu, bis ich lachen kann. Lachen über unseren blöden Sohn, und dann geht es wieder. Mit dem Lachen kommt der Abstand, und ich muss das Verhalten nicht länger persönlich nehmen.

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Auch hilft es, sich ab und zu das Bild der Baustelle zu vergegenwärtigen, dem das Hirn während der Pubertät gleichkommt. Ein Ort, an dem funktionierende Verbindungen gelöst und neu verknüpft werden. Aus irgendeinem Grund, der mit Sicherheit in der evolutionären Logik der Fortpflanzung dient, gehört die Region, in der die Vernunft ansässig ist, zu den letzten, die wiederhergestellt werden. Dieser Gedanke ist hilfreich, wenn am Sonntagmorgen um 6.20 Uhr der Sohn und drei Mädchen in ihren Schlafklamotten kreischend durch den Garten hüpfen, um sich gegenseitig zu fotografieren. Man darf dann denken, sie können nichts dafür. Man muss sich weniger aufregen.

Natürlich habe ich Angst – vor dem, was noch kommt. Einer noch grösseren Verwei­gerung. Der Wut. Davor, dass Ben mich unversöhnlich in Frage stellen könnte. Davor, dass bei uns die Hölle in dem Masse ausbricht, wie sie es in meinem Elternhaus tat. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, im Gegenteil, der arme Junge hat Eltern, die zum Teil die gleichen Bands hören wie er, und gegen die Magie, die von Nirvanas 20 Jahre altem «Smells Like Teen Spirit» ausgeht, ist auch die heutige Jugend nicht gefeit.

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Wir haben damals auch Mist gebaut

Es bleibt die Angst vor dem Alkohol, den Drogen, all dem Unsinn, den Heranwachsende anstellen. Wenn ich daran denke, was für einen Mist wir damals zuwege gebracht haben, bin ich überrascht, dass nicht mehr passiert ist. Die, die gestorben sind, haben sich umgebracht. Die, die auf den Drogen hängengeblieben sind, waren die, die sonst nichts hatten, an dem sie hängen konnten. Oder die schlichtweg hängengelassen wurden. Von ihren Eltern, der Schule.

Diese Angst vor dem Verlust geht nicht weg. Im Gegenteil, sie wird befeuert durch jede Meldung über zu Tode gekommene Jugendliche infolge des Betrunkenseins, des Autofahrens, von Messerstechereien beim Aufenthalt in der U-Bahn. Man muss sich helfen mit der Erkenntnis, dass das Schicksal nicht gleich bei jeder Leichtsinnigkeit zuschlägt, sonst hätte man selbst diese Phase wohl nie überlebt.

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Natürlich habe ich wegen des Türrahmens gemeckert. Weit mehr, als es mich geärgert hat. Als Erziehungsberechtigte muss man das tun. Meckern, wenn etwas zu Bruch geht. Damit die Kinder merken, dass es so nicht läuft. Damit es auch bei den Pubertierenden ankommt, habe ich die Tischlerkosten gedrittelt und den Anteil bei den Eltern eingefordert. Streng habe ich noch mal jedem Jungen gesagt, wie sauer ich gewesen sei. Insgeheim schert mich die Tür überhaupt nicht. Ich bin nur froh, dass keine Finger dazwischen waren.

Silke Burmester ist freie Journalistin in Hamburg und schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine in Deutschland über Medien, Kultur, gesellschafts­politische Themen und Reisen. Dieser Artikel erschien bereits im «Zeit Magazin» 30/2011.

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