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JuniorenfussballKeiner zu klein, ein Kicker zu sein

Die WM-Helden vor Augen, stürmen die Nachwuchstalente die Schweizer Fussballklubs. Doch Kids und Eltern sollte klar sein: Im Vordergrund steht die Spielfreude, nicht die Profikarriere.

«An mein erstes Training beim FC Baden kann ich mich gut erinnern: Ich war etwa sechs, ein ‹schüücher Chnopf›, und meine Mutter begleitete mich. Das Training selber war kein Problem. Aber als es nachher darum ging, mit den andern zu duschen, weigerte ich mich, weil es mir unangenehm war.» Heute hat Daniel Gygax diese Scheu längst überwunden. Der 24-Jährige ist Schweizer Nationalspieler und bei Lille in Frankreich unter Vertrag.

Auf der Zürcher Allmend, dem Trainingsgelände des FC Red Star, ist der Natispieler präsent: Einige Jungs tragen Leibchen mit dem Namen ihres Idols Gygax, aber auch kleine Nedveds, Ballacks und Maldinis rennen über den Platz. Und wenn ein Ball ins Netz geht, dann sind die Jubelposen bereits weltmeisterlich.

Es ist Montagabend und Trainingstermin für diverse Juniorenteams von Red Star. In einer Ecke ganz zuhinterst auf dem Platz geht es besonders laut zu und her. Hier sind die Jüngsten am Ball, die so genannten Pampers. Ab fünf Jahren können Kinder in diesen Trainings- und Vorbereitungsgruppen mitmachen. Der Spass und das Spielen stehen hier im Vordergrund. Neben Mätschlis und einfachen Übungen spielen die Kleinen Fangis, schlagen Purzelbäume.

Ein paar Meter weiter ist der Ton schon etwas ernster: «Kei Spitzguuge!», «Gebt genaue Pässe!», fordert F-Junioren-Trainer Dominic Muri. Er zeigt, wie man schiessen sollte, doch der Ball fliegt hoch über das Tor, was der Goalie, gerade mal halb so gross wie Muri, mit lautem Lachen quittiert. Der Trainer lacht ebenfalls. «Es ist wichtig, dass es zwischendurch auch mal lustig ist.» Wenig später jedoch muss er einen Frechdachs zur Seite nehmen und ermahnen, der die Bälle lieber auf seine Kollegen als aufs Tor knallt. «Es braucht viel Geduld, und nach manchen Trainings bin ich völlig geschlaucht», sagt Muri.

Die F-Junioren sind die unterste Fussballstufe. Kinder ab sieben können hier mitmachen. Das Spielfeld ist klein, statt einer Meisterschaft gibt es nur Turniere, und ab kommender Saison wird in Fünferteams gespielt. Bei den Stufen E und D sind es Siebner- respektive Neunergruppen. Spielfeldgrösse und Matchdauer werden kontinuierlich erhöht, bis die B-Junioren schliesslich unter «normalen» Bedingungen kicken: Elferteams über 90 Minuten auf dem grossen Platz.

Bis zur C-Stufe sind gemischte Teams aus Mädchen und Knaben möglich – etwas, das zum Beispiel Deutschland nicht kennt. Viele Klubs nehmen aber entweder nur Mädchen oder nur Buben auf, weil sie nicht über die Infrastruktur wie getrennte Kabinen und Duschen verfügen.

Der erste Kontakt zu einem Verein erfolgt über den Juniorenobmann (siehe Nebenartikel «Fussballklubs: Die Spielregeln»). Hier können Eltern ihre Kinder anmelden, manche Klubs bieten auch Schnuppertrainings an. Oft ist eine Aufnahme nur zu bestimmten Zeitpunkten möglich, oder es kann sein, dass ein Klub schon genug Spieler in seinen Teams hat: Schliesslich sollen alle zum Spielen kommen und keiner auf der Ersatzbank versauern. «In solchen Fällen vermitteln wir die Kinder aber an benachbarte Klubs weiter», erklärt René Ryffel, Juniorenobmann bei Red Star.

Und welchen Klub soll man wählen? «Es ist wichtig, dass die Kids mit Schulfreunden oder Kollegen aus dem Quartier zusammenspielen. Das schafft eine Bindung», so Ryffel. Der Wunsch, gleich bei einem grossen, erfolgreichen Klub anzufangen, ist verständlich, aber: «Es macht nur schon wegen der Distanz wenig Sinn, wenn ein E-Junior aus Wettingen zum FC Basel kommt», erklärt FCB-Pressesprecher Josef Zindel. 180 Junioren kicken beim Grossklub in allen Alterskategorien. «Jeder interessierte Junior kann bei uns einen Schnupperkurs von acht Trainings besuchen, dann wird entschieden, ob es Sinn macht, zu bleiben», sagt Zindel.

Drei Millionen Franken investiert der FCB jährlich in den Nachwuchs: «Wenn es pro Jahrgang nur einer zu den Profis schafft, hat sich diese Investition schon gelohnt.» Entsprechend früh setzt hier die Selektion ein. So weit, dass wie bei Arsenal oder Barcelona bereits Zwölfjährige mit Geld oder Jobs für die Eltern geködert werden, ist man allerdings in der Schweiz noch nicht. Daniel Gygax zum Beispiel blieb bis 16 beim FC Baden und wechselte dann zum FC Zürich.

Von den 4000 F-Junioren, den 23’700 E-Junioren oder den 10’000 Juniorinnen, die beim Schweizer Fussballverband gemeldet sind, schaffen es aber nur ganz wenige in den bezahlten Fussball. Ryffel warnt deshalb vor zu hohen Ansprüchen der Eltern: «Manche meinen, dass ihr Siebenjähriger als Star geboren sei. Da müssen wir das Gespräch suchen. Es ist wichtig, dass man ehrlich zum Kind und zu den Eltern ist, damit keine falschen Hoffnungen geweckt werden.» Und Nationalspieler Daniel Gygax gibt den Nachwuchskickern mit auf den Weg: «Das Wichtigste ist, dass man nie aufgibt, wenn man einen Traum hat. Aber wenn es mit dem Traum vom Profi nicht klappt, sollte man trotzdem nicht den Spass am Fussball verlieren.»

Veröffentlicht am 01. Juni 2006