1. Home
  2. Familie
  3. Kesb: «An diesem Tag begann die Hölle»

Kesb«An diesem Tag begann die Hölle»

Ralf Sommer* erschoss sich im Garten, als die Kinder noch schliefen.

Ein Mann nimmt sich am Geburtstag seiner Frau das Leben. Zur Trauer kommt ein monatelanger Kampf mit den Behörden.

von aktualisiert am 08. November 2018

Draussen ist es noch dämmrig. Maja Sommer* steht in Joggingkleidern in der Küche, gleich will sie ihre Morgenrunde absolvieren. Vorher rüstet sie noch Erdbeeren fürs Frühstück der Kinder. «Ich hörte den Schuss und zuckte zusammen.» Maja Sommer rennt sofort durchs Haus, öffnet die Tür und läuft direkt in die Arme von zwei Polizisten. «Von da weg weiss ich nicht mehr viel», sagt sie. «Ich stand unter Schock.»

Es war Pfingstmontag, 16. Mai 2016. Maja Sommers 40. Geburtstag. Der Tag, an dem sich ihr Mann das Leben genommen hat. Ralf Sommer* hat sich in den frühen Morgenstunden mit der Armeewaffe im Garten des Einfamilienhauses erschossen.

Eskalation am Freitag, dem 13.

Dem Suizid ging eine Ehekrise voraus. Jahrelange, quälende Streitigkeiten, gegenseitige Vorwürfe. «Es war eine Katastrophe», sagt die zweifache Mutter. «Er war kein schlechter Mann, finanziell grosszügig und beruflich erfolgreich. Doch wir hatten uns auseinandergelebt.» Die Ehetherapie Paartherapie «Liebe verschwindet nicht, sie wird überdeckt von Alltagsmüll» brach sie ab. «Irgendwann realisierte ich: Es gibt nichts zu retten; ich liebe ihn nicht mehr. Nur wegen der Kinder, die damals neun und zwölf waren, wollte ich nicht bei ihm bleiben.»

Immer wieder spricht Ralf Sommer von Suizid Suizid Mein Wille geschehe . So oft, dass es seine Frau nicht mehr hören kann. Einmal nimmt er sogar die Waffe aus dem Tresor, geht in den Garten und droht. Wenig später kommt er ins Haus zurück. Sie erinnert sich: «Ich wurde irgendwie gefühllos, dachte, das kommt dann schon wieder. Jetzt weiss ich, dass ich ihn hätte ernst nehmen sollen – und Hilfe holen.»

Ihr Mann kontrolliert sie und ihr Handy, ist grundlos eifersüchtig Eifersucht Was gegen das Gift der Liebe tun? . Am Freitag, 13. Mai, eskaliert der Streit. Maja Sommer stellt ihm ein Ultimatum. «In einer Woche bist du ausgezogen, oder ich gehe zur Polizei.» Sie will auch nicht mehr, dass er neben ihr schläft. «Für ihn war das wohl das Zeichen, dass es mir ernst ist. Er konnte mit dem Scheitern nicht leben, hatte Angst, dass ich ihm die Kinder wegnehme.»
 

«Jetzt weiss ich, dass ich ihn hätte ernst nehmen sollen.»

Maja Sommer*, Witwe


Nach dem Krach verläuft das Pfingstwochenende relativ ruhig. Als Maja Sommer am Montag früh in der Küche steht, kommt ihr Mann herein, druckst herum, geht wieder hinaus, kehrt mit dem Telefon zurück und hält es ihr hin: «Nimm es. Es ist die Polizei», sagt er. Am Gerät ist ein Polizist; er fordert sie auf, zu Hause zu warten. Ihr Mann habe angerufen, er sei gefährdet.

Als sie aufhängt, ist Ralf Sommer verschwunden. Sie sucht ihn, im Büro, im Schlafzimmer. Im ganzen Haus findet sie ihn nicht. Panik steigt in ihr auf, sie versucht sich zu beruhigen, schneidet weiter Erdbeeren in kleine Stücke. Da sieht sie, wie vor dem Haus ein graues Auto hält – ein ziviler Polizeiwagen. Als er stillsteht, fällt im Garten ein Schuss.

In der Mühle der Bürokratie

«An diesem Tag begann die Hölle», sagt Maja Sommer rückblickend. Psychisch sei sie am Boden gewesen, musste den beiden Kindern sagen Erziehung Mit Kindern trauern , dass der Vater tot ist. Die zwei schliefen, als er sich das Leben nahm. Sie muss die Familie und Freunde informieren, schlägt sich mit Formalitäten herum, organisiert die Beerdigung.

Im Sommer meldet sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, die Kesb. Sie ist für den Erbteilungsvertrag zuständig. Für die Kinder wird ein Beistand eingesetzt. «Ich musste jedes Konto mit dem lächerlichsten Betrag offenlegen», erzählt sie. «Ich habe eine grosse Liste mit Fragen abgearbeitet, die ich beantworten musste. Bürokratie pur. Über Wochen oder gar Monate. Ich fand keine Zeit, den Suizid meines Mannes zu verarbeiten. Ich konnte mich nicht mit den Kindern beschäftigen oder die Trauer zulassen. Ich musste Listen abarbeiten. Stundenlang, tagelang.»

Viele Freunde distanzieren sich von der Familie, weil sie mit dem Suizid nicht umgehen können. Maja Sommer und die Kinder machen eine schwere Zeit durch. «Erst nach ungefähr einem Jahr begannen die Kinder zu realisieren, was auf unserem Grundstück überhaupt passiert war», sagt sie. Von da weg sei auch klar gewesen, dass sie wegziehen mussten. «Es war unzumutbar und nicht auszuhalten, dort weiterzuleben, wo alles geschah. Wir haben zu dritt beschlossen, das Haus ins Internet zu stellen und es zu verkaufen.»
 

«Die Kesb versucht, mitfühlend mit den Betroffenen umzugehen.»

Kesb Bezirk Affoltern in ihrer Stellungnahme


Die Kesb und der Beistand beschäftigten sich inzwischen mit der komplizierten Erbteilung Nachlass Wer erbt was? . Als auskommt, dass Sommer das Haus im Internet zum Verkauf ausgeschrieben hat, ruft der Beistand sie an. Sie erinnert sich: «Er war wütend und wollte wissen, was das soll. Dabei dachte ich, ich sei ein freier Mensch und dürfe mein Eigentum verkaufen, wann und für wie viel Geld ich will.»

Maja Sommer und ihre Kinder wollen in eine andere Gegend ziehen. Sie haben auch ihr Traumobjekt gefunden, eine Eigentumswohnung. «Der Kaufpreis war tiefer als der Verkaufspreis des Hauses. Ich verstand nicht, wo das Problem lag.»

Sie kommt unter Druck. Der Hausverkauf ist blockiert. «Die Kesb zögerte monatelang», erzählt sie. «Es war der pure Psychoterror. Die Reservationsfrist für die Wohnung drohte abzulaufen. Jede Woche rief mich das Architekturbüro an und sagte, ich müsse Bescheid geben, da es andere Interessenten gebe. Die Kinder und ich weinten und wussten nicht, wie wir die Kesb überzeugen können, dass sie uns erlaubt, das Haus zu verkaufen und die Wohnung zu kaufen.»

Möglicher Interessenskonflikt

Warum mischt sich die Kesb in einen solchen Fall ein? Walter Noser vom Beobachter-Beratungszentrum sagt: «Wenn ein Familienvater stirbt, sind die Ehefrau und die Kinder die Erben. Die Mutter, die das Kindsvermögen verwalten müsste, steht in einem klassischen Interessenkonflikt. Darum kann und darf sie das Vermögen der Kinder nicht ohne behördlichen Segen verwalten. Sie könnte sonst Entscheide treffen, die nicht im Interesse der Kinder sind. In aller Regel muss darum ein Beistand Beistandschaft Ein Beistand nach Mass das Vermögen der Kinder verwalten.»

Doch Maja Sommer fühlte sich in der schlimmsten Zeit ihres Lebens unfair und unsensibel behandelt. «Niemand interessierte sich nur ein einziges Mal dafür, was der Wunsch der Kinder war und wie es mir ging.» Erst 23 Monate nach dem Suizid habe die Kesb sie und die Kinder zu einem Gespräch eingeladen – das sie als «Verhör» erlebt habe. Die Kinder seien einzeln befragt worden: «Möchtest du mit diesem vielen Geld keine Weltreise unternehmen? Wie wäre es, wenn du mit dem Geld einen Porsche kaufen würdest?», habe die Kesb wissen wollen.

Die Kesb und das Kindesvermögen

Die Behörde habe Verständnis für die emotional äusserst schwierige Situation der Betroffenen, besonders in diesem tragischen Fall, schreibt die für den Fall zuständige Kesb Bezirk Affoltern in einer Stellungnahme. «Entsprechend versucht sie, mitfühlend mit diesen Personen umzugehen.» Dennoch sei die Kesb Misstrauen Alle gegen die Kesb verpflichtet, ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen.

«Im vorliegenden Fall ging es nicht nur um den Hausverkauf. Die Kesb war gesetzlich verpflichtet, komplexe Erbteilungs- und Darlehensverträge, die das Kindesvermögen tangierten, zu prüfen und zu genehmigen. Durch den Hausverkauf ergab sich im Verlauf des Verfahrens eine neue Ausgangslage, sodass der Beistand unter anderem den Erbteilungsvertrag überarbeiten musste.»

Weiter teilt die Kesb Kesb «Die Debatte ist ideologisch geprägt» mit: «Es ist durchaus üblich, dass während des Verfahrens weitere Gespräche mit der Familie notwendig sind, um offene Fragen zu klären und auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. Es ist nachvollziehbar, dass die Ungewissheit bis zum Entscheid für die Familie eine Belastung darstellte. Die Kesb ist bestrebt, zeitnah zu entscheiden und dabei die Interessen der Betroffenen zu berücksichtigen.»

Für Maja Sommer dauerte die Zeit der Unsicherheit unendlich lange. Am Schluss ging es dann plötzlich doch. «In letzter Minute kam der positive Entscheid der Kesb.» Das Haus konnte verkauft werden, der Wohnungskauf kam zustande. Endlich konnten Maja Sommer und ihre Kinder die Zügelkisten packen.

Hier gibt es Hilfe

Diese Angebote sind schweizweit rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da – vertraulich und kostenlos:

Guider Logo

Checkliste «Aufgaben der Kesb» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Bezüglich der Kompetenzen und Aufgaben der Kesb existieren zuweilen viele falsche Annahmen. Dabei ist der Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde per Gesetz festgelegt. Mitglieder von Guider erhalten in der Checkliste «Aufgaben der Kesb» eine Aufstellung darüber, in welchen Fällen die Behörde aktiv ist.

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

Lesen Sie, was wir beobachten.

Der Beobachter Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

9 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
georgehp
Grundsätzlich finde ich die Idee einer KESB nicht falsch. Allerdings bin ich der Meinung, dass die KESB lediglich überwachen sollte. Wenn ich also festlege wer mein Kind aufziehen soll wenn mir etwas passiert, dann sollte die KESB überprüfen, ob die entsprechende Person in der Lage dazu ist. Hat die Person eigene Kinder die ihr nicht entzogen worden sind, kann man das als gegeben ansehen. Überprfüfen müsste die KESB dann nur noch, ob die Person noch ein zusätzliches Kind aufziehen kann. Genauso wäre es in diesem Fall, die KESB müsste nur überprüfen, bzw. sicherstellen, dass allfälliges Kindsvermögen nicht verschwindet (z.B. durch Sicherstellungsmassnahmen). Wenn allerdings ein KESB-Mitarbeiter am Fernsehen in einem Interview sagt: "Wir müssen uns vor der Öffentlichkeit nicht für unsere Massnahmen rechtfertigen." geht mir der Hut hoch. Selbstverständlich muss sich jeder Staatsangestellte für seine Handlungen rechtfertigen, er wird von uns bezahlt und handelt in unserem Auftrag.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

merline
Ich habe bis jetzt nur berufliche Erfahrungen mit der KESB. Ob da zuwenig Ressourcen vorhanden sind kann ich nicht beurteilen. Aber auf jeden Fall fehlt es an qualifizierten Personen, die sich mit solchen Angelegenheiten auseinander setzen. Anwälte und Treuhänder könnten ihre Arbeit nie mit so wenig Wissen erledigen. Das würde auch niemand mehr bezahlen. Deshalb meine Frage: Weshalb gibt es eine Behörde, die sich mit Aufgaben beschäftigt, von denen sie sehr wenig bis nichts versteht? Bei anderen Behörden arbeiten schliesslich auch qualifizierte Mitarbeiter.
georgehp
Na ja, heutzutage ist qualifiziertes Personal eher Mangelware, aber nicht nur beim Staat, das ist auch bei vielen Firmen so. Problematisch sind diejenigen, die zwar wissen, was im Normalfall zu tun ist, aber nicht verstehen warum. Kommt ein Fall, den sie nicht kennen, sind sie überfordert. Gilt übrigens auch für viele Absolventen einer höheren Ausbildung.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

zoelo
Die Kesb verhält sich in diesem Fall extrem unprofessionell und suggestiv. Ich bin froh, dass es für die betreffende Familie gut ausging. Leider kenne ich noch weitere Beispiele, in welcher sich die Kesb in einer anderen Zürcher Gemeinde wenig verständnisvoll und sogar respektlos verhält. Aus meiner Sicht ist diese Behörde mit ihrem Auftrag völlig überfordert.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

georg stamm
Auch diese Kesb Affoltern hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Was sollen die dümmlichen Fragen an die Kinder nach einer "Weltreise" oder einem "Porsche" ? Dann scheint es auch, dass die ganze Erbteilungssache viel zu lange dauerte. Wenn die Kesb schon gesetzliche Verpflichtungen hat, dann soll sie dafür sorgen, dass sie denen innert nützlicher Frist nachkommen kann. Wenn nicht, dann soll sie aufhören. Es scheint, dass gewisse, sicher nicht alle, Kesb personell, fachlich und empathisch überfordert sind.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.