Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Mirella Jaros, als sie dem Gast ein grosses Stück Linzertorte reicht. «Schliesslich erhalte ich nicht jeden Tag Besuch», sagt sie. Sie scheint dankbar zu sein für die Gelegenheit, einen Kuchen zu backen, der nicht austrocknen wird, weil sie und ihr Mann es zu zweit schlicht nicht schaffen, ihn rechtzeitig zu verzehren. Früher war das im Hause Jaros anders. Die Familie aus Strengelbach AG sass zu viert am Tisch. Was auch immer die Mutter kochte oder backte - es verschwand im Nu in den hungrigen Mäulern. Doch seit vor eineinhalb Jahren auch der Jüngste ausgezogen ist, ist es ruhig geworden im Haus. Fotos an den Wänden erinnern noch an lebhaftere Zeiten, an gemeinsame Ausflüge, Feiern, ein intaktes Familienleben. «Ich vermisse das alles wahnsinnig, immer noch», bekennt Mirella Jaros traurig.

Während mehr als 25 Jahren war Mirella Jaros ganz für ihre Kinder Dolores und Mathias da, tröstete sie, wenn sie traurig waren, umsorgte sie, wenn sie Fieber hatten, hielt ihre Hände, wenn sie sich ängstigten. «Die Kinder standen immer an erster Stelle.» Mirella Jaros verrichtete Heimarbeit, ging aber nie einer ausserhäuslichen Tätigkeit nach. Jetzt hätte sie Gelegenheit, vieles nachzuholen. Doch von wiedergewonnener Freiheit möchte sie nichts wissen: «Ich hatte gar nie das Gefühl, auf etwas verzichtet zu haben, meine Rolle als Mutter und Hausfrau hat mich erfüllt.»

Manche Mütter und Väter erleben den Auszug ihrer Kinder als Befreiung. «Die meisten aber leiden darunter», sagt Verena Kast, Professorin für Psychologie an der Universität Zürich, denn: «Eltern werden auf sich selber zurückgeworfen, wenn ihre Kinder sie verlassen. Wer sich weitgehend über die Elternrolle definiert hat, steht vor dem Nichts.» Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sei von Anfang an von Ablöseprozessen geprägt, bereits die Geburt könne als solcher verstanden werden, später etwa der Eintritt in den Kindergarten. «Der Auszug von zu Hause ist aber der schwierigste von all diesen Prozessen, weil er die Familiendynamik am nachhaltigsten verändert. Die räumliche Trennung ist endgültig, die Beziehung zwischen Eltern und Kind muss erneuert werden», sagt Verena Kast. Was die Ablösung für Eltern so schwierig mache, sei der Verlust bewährter Verhaltensmuster. «Kinder strukturieren den Alltag sehr stark. Sind sie weg, fehlen plötzlich auch die eingespielten Abläufe im täglichen Leben.»

«Ich fühle mich nur noch leer»
Beim Ehepaar Jaros offenbarte sich die Sehnsucht nach bekannten Strukturen auf ungewöhnliche und indirekte Weise. Schon bald nachdem der jüngste Sohn ausgezogen war, begannen Helmut und Mirella Jaros das alte Kinderzimmer umzugestalten. «Wir strichen die Möbel neu, stellten sie um, eigentlich ohne grosses Konzept», so Mirella Jaros. Doch als alles fertig war und die beiden im neuen Zimmer standen, rieben sie sich verwundert die Augen: «Ohne es geplant zu haben, merkten wir, dass wir ein neues Kinderzimmer gebaut hatten - mit vielen bunten Möbeln für Enkel, die es noch gar nicht gibt.»

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Wie sehr auch erwachsene Kinder den Alltag von Eltern bestimmen und welche Lücke sie hinterlassen, wenn sie das Elternhaus verlassen, erfährt zurzeit Brigitte Pfister (Namen der Familienmitglieder geändert). Vor wenigen Wochen ist ihr jüngster Sohn Tobias als letztes von drei Kindern ausgezogen. Den Auszug der beiden älteren Töchter hat sie gut überwunden. «Ich hatte ja immer noch einen zu Hause», sagt die 64-Jährige. Beim letzten Kind ist alles anders. «Ich dachte immer, ich neige nicht zu Depressionen. Doch jetzt sitze ich zu Hause und fühle mich nur noch leer, nutzlos und alt.» Das Schlimmste sei, dass Verstand und Gefühl sich völlig widersprächen: «Mein Kopf sagt: ‹Es ist gut, dass er jetzt auf eigenen Füssen steht.› Mein Bauch aber sagt: ‹Ich werde nicht mehr gebraucht.›»

Eine typische Situation, sagt Psychologin Kast. Sie vergleicht die Ablösung von Kindern mit dem Trauerprozess beim Tod eines nahestehenden Menschen. In unterschiedlichen Phasen wechseln sich Hilflosigkeit, Wut und Wehmut ab. Genauso wie der Verlust eines lieben Menschen durch den Tod müsse auch der Wegzug der Kinder aus dem gemeinsamen Heim betrauert werden. «Was hatten wir miteinander? Was hat dieses Kind in mir geweckt? Was verliere ich nicht? Solche und ähnliche Fragen sollten sich Mütter und Väter stellen», rät die Therapeutin. Indem diese Gefühle zugelassen würden, veränderten sie sich. «Aus Traurigkeit werden Wehmut und Dankbarkeit.» Es sei auch wichtig, die Ablösung als Chance zu sehen, als Anfang einer neuen Lebensphase. «Hierzu braucht es aber eine neue Aufgabe, die einen genauso erfüllt wie die Elternschaft», sagt Kast.

Das ist einfacher gesagt als getan. Brigitte Pfister hätte viele Möglichkeiten, ihren Alltag neu zu strukturieren. Sie ist stets erwerbstätig geblieben und engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen und Organisationen. Es wäre kein Problem, die Aktivitäten auszubauen. «Das Problem ist, dass all dies kein Ersatz ist für das, was mir nun fehlt», sagt sie. Eine Freundin habe die Situation mit einem Tunnel verglichen: «Jeder Tunnel hat einen Anfang, aber auch ein Ende. Wenn es mir mies geht, denke ich gerne an dieses Bild.»

Ein Tunnel bedeutet insofern aber auch: Man muss durch. «Es bringt nichts, der Trauer auszuweichen. Irgendwann holen einen verdrängte Emotionen wieder ein», sagt Expertin Verena Kast. Ablösung, Autonomie und Dazugehören seien die drei wichtigsten Prozesse im Leben überhaupt. «Die Ablösung ermöglicht Autonomie, Autonomie ist nötig, um sich zugehörig fühlen zu können, und Letzteres ist unabdingbar fürs Wohlbefinden.» Wie in vielen schwierigen Situationen gelte auch für diese: Probleme ansprechen, darüber reden. Für Eltern ist gerade dies aber nicht einfach. «Ich will meinem Sohn nicht zur Last fallen», sagt Brigitte Pfister. Auch die Fachfrau rät Eltern, nicht zu jammern. «Aber man darf seinen Kindern gegenüber durchaus einmal offen sagen, dass einem der Abschied schwerfällt», so Verena Kast.

«Telefongespräche mit meiner Mutter beginnen fast immer mit: ‹Wir haben lange nichts gehört, wir haben dich lange nicht gesehen, ich wollte nur mal nachfragen›», erzählt Andrea Widmer (Name geändert). Die 30-Jährige ist die jüngste Tochter einer fünfköpfigen Familie und vor rund zehn Jahren von zu Hause ausgezogen. Sie besucht ihre Eltern ein Mal pro Monat - höchstens, und meist nicht weil sie Lust hat, sie zu sehen: «Oft plagt mich einfach das schlechte Gewissen, gerade nach solchen Telefonaten.»

Schuldgefühle sind typisch für Kinder, die als Letzte ausziehen. Sie sind auf ein Ungleichgewicht zurückzuführen, das stets besteht, wenn eine Liebesbeziehung verlassen wird. «Einerseits weiss das Kind, dass die Eltern seinetwegen nun leiden, anderseits freut es sich auf das neue Leben», sagt Verena Kast. Langfristig gehe es dann darum, die optimale Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Keine einfache Aufgabe: «Es gibt Eltern, die immer zu nah sind. Eine allzu starke Zurückhaltung ist aber auch nicht gut, sie könnte als Desinteresse gedeutet werden.» Ein Patentrezept gibt es nicht.

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Liebe Grüsse per SMS
Brigitte Pfister hat ein technisches Hilfsmittel für sich entdeckt: das Mobiltelefon. «Ich habe mich immer gegen ein Handy gesträubt, heute finde ich SMS toll. So kann ich mit meinen Kindern jederzeit in Kontakt treten, und sie können dann antworten, wenn sie Lust haben. Ich gehe ihnen nicht auf die Nerven, erfahre aber trotzdem regelmässig, wie es ihnen geht», sagt sie.

Bleibt die Frage, wann die Ablösung von den Eltern eigentlich abgeschlossen ist. Ein gutes Zeichen ist gemäss Verena Kast, wenn sich Kinder auch von sich aus bei den Eltern melden, ohne dass sie etwas Bestimmtes von ihnen brauchen. «Wenn die Eltern nicht mehr nur als Versorger wahrgenommen werden, dann kann man von einer gelungenen Ablösung sprechen.»

Andrea Widmer ist auch zehn Jahre nach dem Verlassen des Elternhauses noch weit davon entfernt. Ihr Kinderzimmer ist als einziges noch immer in seinem ursprünglichen Zustand. Jedes Mal wenn sich ihre Wohnsituation verändert, legen ihre Eltern ihr nahe, doch wieder nach Hause zu kommen. Der Umgang mit ihnen ist schwierig. «Ich melde mich eigentlich fast gar nie von mir aus», sagt sie und gerät ins Grübeln. «Vielleicht sollte ich das Thema einmal ansprechen.» Vor dem Hintergrund, dass Eltern sich oft zurückhalten, weil sie ihre Kinder nicht bedrängen wollen, ist dies exakt, was Psychologin und Therapeutin Kast in solchen Fällen rät.

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So bewältigen Sie die Ablösung:

Eltern

  • Überlegen Sie sich, was Ihr Kind Ihnen gegeben hat und was Sie nicht verlieren durch seinen Wegzug.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Partner und Ihnen vertrauten Personen darüber, weichen Sie der Trauer nicht aus.
  • Nehmen Sie den Auszug als Chance, noch etwas Neues zu beginnen.

Kinder

  • Sprechen Sie Ihre Eltern darauf an, wenn Sie von Schuldgefühlen geplagt werden und/oder das Gefühl haben, Ihre Eltern litten besonders stark unter Ihrem Wegzug.
  • Begegnen Sie Ihren Eltern als Mitmenschen mit eigenen Sorgen, Wünschen und Nöten.