Rahel G.: «Ich habe in unserer Partnerschaft immer wieder Mühe, meine Wünsche anzumelden oder mich durchzusetzen. Jetzt habe ich gelesen, dass es ‹Sandwichkinder› im späteren Leben schwerer hätten als andere – und ich war tatsächlich ein mittleres Kind.»

Es ist bestimmt so, dass die Kindheitserfahrungen prägend für Ihr heutiges Verhalten sind – und es trifft wohl für uns alle zu. In der Familie erleben wir erste nahe Sozialkontakte und entwickeln Strategien, wie wir am besten mit anderen zurechtkommen – ein Trainingsfeld für soziale Beziehungen. Der Platz, den wir in der Familie einnahmen, hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir uns später der Welt und anderen Menschen gegenüber verhalten. Unsere Denk- und Gefühlswelt, die individuelle Art, Beziehungen zu gestalten, das Verhalten in der Schule und am Arbeitsplatz, die Wahl des Partners, der Partnerin und des Freundeskreises, sogar die Wahl des Berufs und der Interessengebiete, der Vorlieben, Abneigungen und Einstellungen hängen viel stärker mit unseren ersten Bezugspersonen zusammen, als viele glauben.

Ebenso wichtig wie die Beziehung zu den Eltern ist das Verhältnis zu den Geschwistern. In der Regel ist die Geschwisterbeziehung die dauerhafteste im Leben: Meist sterben die Eltern vor uns, und die Lebenspartner lernen wir erst im Erwachsenenalter kennen. Geschwister haben in den frühen Jahren eine grosse emo­tionale Bedeutung füreinander. Sie erleben Loyalität, Hilfsbereitschaft, Beschützen und Beschütztwerden, aber auch Konflikte, Dominanz und Rivalität. Gern spielt sich ein Muster ein, das auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt und nicht immer nur durch Liebe und Vertrauen, sondern oft auch durch Konflikt, Rivalität und Neid charakterisiert ist. Nicht selten sind die Gefühle auch ambivalent, das heisst, sie wechseln unvermittelt oder vermischen sich.

Einstein war Erstgeborener…

Die frühesten Publikationen über Geschwisterbeziehungen versuchten in der Tat, die Persönlichkeitsentwicklung und den späteren Erfolg oder Miss­erfolg im Leben allein von der Stellung in der Geschwisterreihe abzuleiten. So seien Erstgeborene oft besonders erfolgreich, weil sie bereits in der Familie altersmässig vorne waren. Als Beispiele dafür wurden etwa der frühere US-Präsident Franklin D. Roosevelt oder Albert Einstein angeführt. Jüngste Kinder dagegen erlebten sich als die süssen Kleinen und entwickelten daher besonderen Charme und grosse Liebenswürdigkeit im Umgang mit andern. Kinder in der Mitte – eben die «Sandwichkinder» – hätten es in diesem Modell dann tatsächlich schwerer, weil sie neben dem grossen, bereits zuverlässigen Kind und dem kleinen, herzigen oft übersehen würden.

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Je nach Potential des Kindes kann aber aus dem Vorteil auch ein Nachteil oder aus dem Nachteil ein Vorteil werden. Vielleicht verarbeitet das älteste Kind seine Entthronung durch das zweite schlecht oder ist damit überfordert, dass es bereits Verantwortung tragen muss. Das mittlere kann vielleicht davon profitieren, dass das ältere den Weg gebahnt hat, und sich schützend dem kleinen zuwenden und so ein stabiles Selbstbewusstsein gewinnen. Das jüngste wiederum leidet vielleicht darunter, stets den andern hinterher zu sein, und verliert den Mut, selber Grosses anzupacken.

…aber so einfach ist es nicht

Neuere Forschungen haben aber gezeigt, dass dieses Modell zu simpel ist: Allein die Position in der Geschwisterreihe genügt nicht, um die Persönlichkeit zu erklären. Zu gross sind die Einflüsse anderer Elemente in der Familie und später im Leben. Trotzdem lohnt es sich, die Beziehung, die man heute zu seinen Geschwistern hat, einmal genau anzuschauen und sich zu fragen, was davon seit der Kindheit gleich geblieben ist. Wenn einem nicht gefällt, was man sieht, lohnt es sich, daran zu arbeiten. Wenn man Ungünstiges gelernt hat, kann man dieses auch wieder «verlernen».

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Geschwisterbeziehungen können in Zeiten grosser Belastungen eine wichtige Ressource werden. Sie sind es wert, dass man sorgfältig mit ihnen umgeht.

Buchtipp

Jürg Frick: «Ich mag dich – du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben»; Verlag Hans Huber, 2009, 352 Seiten, CHF 45.90