Zur Person

Pasqualina Perrig-Chiello ist Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Sie forscht seit längerem zum Phänomen des Empty-Nest-Syndroms.

Quelle: Luxwerk &nbsp

 

 

Beobachter: Wenn die Kinder ausziehen, leiden vor allem die Mütter. Stimmt das?

Pasqualina Perrig-Chiello: Nein, so einfach ist es nicht. In einer grossen Studie, die wir an der Uni Bern gemacht haben, zeigte sich das Gegenteil: Es sind eher die Männer, die leiden.

Beobachter: Warum?

Perrig-Chiello: Die Frauen haben schon im Vorfeld damit gerechnet, dass das Ausziehen der Kinder sie belasten könnte. Entsprechend haben sie sich vorbereitet. Die Männer hingegen sind von den Gefühlen, die es bei ihnen ausgelöst hat, recht unvorbereitet getroffen worden. Verstärkend kommt hinzu, dass die sozialen Kontakte in den Familien noch immer häufig über die Mütter laufen. Sie haben nach dem Auszug mehr Kontakt mit den Kindern. Die Männer stehen dann im Abseits – dabei müssten sie das gar nicht.

Beobachter: Die Mütter nehmens locker?

Perrig-Chiello: Vor allem für Frauen, die berufsorientiert sind, ist der Schritt der Trennung tatsächlich leichter. Natürlich vermissen sie die Kinder ebenso, aber bestenfalls können sie auch die neu gewonnen Freiheiten geniessen.

Beobachter: Aber man kann sich ja nicht einfach zum Geniessen zwingen…

Perrig-Chiello: Das soll auch kein Zwang sein. Es kommt immer auch darauf an, wohin die Kinder gehen. Wenn es ein Auszug in Raten ist – das Kind zum Beispiel häufig am Wochenende noch nach Hause kommt –, ist das anders, als wenn es ins Ausland zieht. Viele junge Erwachsene sind am Anfang noch eng verbunden mit dem Zuhause, emotional wie finanziell.

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Beobachter: Wie alt sind die Kinder eigentlich, wenn sie ausziehen?

Perrig-Chiello: In der Schweiz im Schnitt 23 Jahre. Frauen ziehen meist früher aus als Männer – weil Frauen früher autonom sind oder bereits einen Partner haben, mit dem sie zusammenziehen möchten. Generell ist das Auszugsverhalten heute allerdings zögerlich. Und gerade Männer ziehen bei finanziellen Pro­blemen oder Schwierigkeiten in ihrer Beziehung auch gern wieder zurück zu Mama. Kinder aus Ein-Elternfamilien hingegen ziehen häufig früher aus.

Beobachter: Warum?

Perrig-Chiello: Einerseits hat es praktische Gründe: Alleinerziehende haben häufig weniger finanzielle Mittel, der Wohnraum ist begrenzt und bietet weniger Möglichkeiten für Autonomie. Und wenn Mutter und Vater eine schwierige Trennung hatten oder das Verhältnis der Eltern untereinander belastet ist, gehen die Kinder auch Solidaritätskonflikten aus dem Weg, indem sie ihren eigenen Haushalt gründen.

«Kinder sind nicht unser Eigentum. Sie sind ein Geschenk.»

Pasqualina Perrig-Chiello

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Beobachter: Es gibt Eltern, die sich beinahe dafür schämen, dass sie Mühe haben mit der Trennung von den Kindern.

Perrig-Chiello: Das sollten sie nicht. Der Ablöseprozess der Kinder ist normal, und man sollte ihn fördern. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn man auch mal traurig ist. Es ist eine Veränderung, an die man sich zuerst gewöhnen muss.

Beobachter: Und wenn das nicht gelingt?

Perrig-Chiello: Dann haben die Eltern vergessen, sich selbst zu entwickeln und auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Solange die Kinder klein sind, ist klar, dass man zurücksteckt. Aber schon wenn sie Teenager sind, wäre eigentlich Raum genug, sich auch wieder mehr um eigene Inte­ressen zu kümmern. Man sollte auch die Beziehung zum Partner, zur Partnerin pflegen, Freundschaften ebenso. Solche sozialen Kontakte sind dann gerade in der Zeit sehr wertvoll, wenn die Kinder ausziehen. Daran sollte man früh denken, auch wenn der Auszug des Nachwuchses noch Jahre entfernt ist.

Beobachter: Wen trifft das «leere Nest» am härtesten?

Perrig-Chiello: Generell jene, die sehr wenig Aussenkontakte haben. Meist sind das Frauen, die sich vor allem über die Mutterrolle definieren. Wenn vielleicht auch noch die eigene Partnerschaft in der Krise steckt, kommt das erschwerend hinzu.

Beobachter: Was raten Sie diesen Eltern?

Perrig-Chiello: Sie sollen ihren Schmerz zulassen, aber auch versuchen, wieder nach vorn zu schauen. Es tut am Anfang weh, aber die Beziehung zu den Kindern bricht ja nicht ab, sondern geht auf einer anderen Ebene weiter.

Beobachter: Wie lange darf man traurig sein?

Perrig-Chiello: Die meisten Eltern haben sich rund ein Jahr nach solchen biografischen Wendepunkten wieder neu definiert. Man soll sich diese Zeit auch geben, um sich neu zu organisieren. Vielleicht gibt es ja Dinge, die man schon so lange einmal tun wollte, dann ist die Zeit dafür gekommen. Und vielleicht hilft auch der Gedanke, dass es vielen anderen Eltern genau gleich geht.

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Beobachter: Und wenn es nicht besser wird?

Perrig-Chiello: Wenn der Leidensdruck nach einem Jahr unvermindert da ist, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Eines darf man dabei nie vergessen: Kinder sind nicht unser Eigentum. Sie sind ein Geschenk. Die Aufgabe als Eltern ist es, sie zu starken Erwachsenen zu machen, die auf eigenen Beinen stehen. Und wenn die Beziehung gut ist, kehren die Kinder auch immer wieder nach Hause zurück.

Beobachter: Wohnen Ihre Kinder noch zu Hause?

Perrig-Chiello: Nein, meine beiden Söhne sind erwachsen und ausgezogen. Aber sie sind spät gegangen. Ich habe die neue Freiheit ­genossen, als es so weit war.

Drei Grundregeln gegen die Leere

Der Auszug der Kinder kann für Paare eine Herausforderung sein – aber auch eine Chance, wenn Sie sich an drei Grundregeln halten:

  1. In die Partnerschaft investieren

    Wenn es gelingt, die neu gewonnene Freiheit gemeinsam zu geniessen und Neues miteinander zu unternehmen, kann sich das positiv auf die Beziehung auswirken. Fachleute sprechen dann sogar von einem «zweiten Honeymoon». Doch das klappt nicht immer. Meist sind es Paare, die sich ohnehin auseinandergelebt haben, die sich in dieser neuen Situation schwertun. Deshalb der Rat: früh und ständig in die Beziehung zum Partner investieren – das hilft, sich leichter an die neue Situation nach dem Auszug der Kinder zu gewöhnen.

  2. Aufgeschobenes anpacken

    Niemand muss sich schämen, falls er oder sie traurig ist, wenn die Kinder plötzlich weg sind. Fachleute raten, diese Gefühle zuzulassen, aber möglichst nicht völlig in ihnen zu versinken. Wer die Energie hat, sollte immer auch nach neuen Aktivitäten schielen, mit denen sich die Leere füllen lässt. Etwa eine Reise planen, eine Sprache lernen, einen Kurs besuchen, sich neue Aufgaben suchen, Freundschaften beleben, eine Ausbildung beginnen – also irgendetwas, was man vielleicht schon lange machen wollte, aber nie richtig angepackt hat.

  3. Den Kindern Freiheit geben

    Es hilft, den flügge gewordenen Töchtern und Söhnen zuzutrauen, dass sie ihr Leben auch allein meistern. Sie also nicht mit Anrufen oder Nachrichten bombardieren, sondern immer zweimal überlegen, ob man nicht noch ein bisschen zuwarten möchte, bis sich das Kind vielleicht selbst meldet.