«Nimm auf jeden Fall etwas zu lesen mit, sonst wird es echt langweilig.» Das rät eine Mutter einer anderen in einem Schweizer Internetforum – es geht um eine Kindergeburtstagsfeier in ­einer Indoor-Spielhalle: «Es war wirklich klasse. Man kann seinen eigenen Ess- und Trinkkram mitnehmen, die Kinder sind abends total geschlaucht, und Arbeit hat man fast keine.»

Der Forumsbeitrag ist entlarvend, er bringt gleich zwei Phänomene auf den Punkt, die Kindergeburtstage heute häufig begleiten. Erstens: Würstchenschnappen und Schoggispiel reichen nicht mehr aus, um das Geburtstagskind zu beglücken. Eltern wollen ihm etwas Spezielles bieten. Zweitens: Das Fest sollte mit möglichst wenig Aufwand über die Bühne gehen – keine Reklamationen von Nachbarn, keine Sauerei auf dem Eichenparkett.

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Die beiden Anliegen entsprechen offensichtlich einem breiten Bedürfnis. Wohin man schaut, überall lassen sich inzwischen Kindergeburtstage buchen: beim Gross­verteiler, im Fast-Food-Restaurant, in der Bäckerei, beim Coiffeur, im Seifenladen, im Zoo, im Museum, auf dem Flughafen. Für manche Anbieter geht es dabei vor allem um Marketing und Kundenbindung, für andere ist es ein flottes Nebengeschäft. Und es läuft gut. Der Basler Zolli etwa ist auf drei Monate hinaus ausgebucht. Beim Flughafen Kloten nimmt man jetzt Buchungen für 2015 entgegen. Der Detailhändler Coop führt jährlich bis zu 1000 «Dschungelgeburtstagspartys» durch. Bei der Migros sind es gegen 700; die Nach­frage hat sich im letzten Jahr verdoppelt.

Auch Indoor-Spielplätze sind beliebt für Kindergeburtstage. Es gibt immer mehr Spielhallen, und alle bieten in irgendeiner Form Geburtstagsarrangements an – sie sind ein Kerngeschäft der Branche. Meist gehören mindestens ein geschmückter Tisch und ein Thron für das Geburtstagskind dazu. An den schulfreien Mittwoch- und Samstagnachmittagen führen die ­grösseren Häuser bis zu zehn Partys parallel durch, vor allem im Winter. Einzelne Betreiber kommen so auf gegen 700 Partys pro Jahr. Diejenigen, die überhaupt darüber Auskunft geben, beziffern den Umsatzanteil auf 15 bis 30 Prozent.

«Es ist ein richtiger Hype»

Die Betreiber profitieren vor allem vom Werbeeffekt: Viele Geburtstagskinder laden zehn und mehr Kinder oder gleich die ganze Schulklasse ein. Ein Kind bringt damit mindestens ein Dutzend potenzielle Neukunden ins Haus. Und der Branche geht es gut: In der Region Bern/Freiburg etwa haben allein letztes Jahr vier neue Häuser eröffnet.

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Das Geschäft mit der Bespassung der Kinder floriert nicht zuletzt, weil Geburtstagsfeste für viele Eltern zu einer Herausforderung geworden sind. «Manche sind schon Monate vorher nervös, weil sie ihrem Kind etwas Spezielles bieten wollen», sagt Karen Dinger aus Rapperswil. Die gebürtige Deutsche organisiert seit 2007 Kinderanima­tionen für private Feiern und plant Mottopartys von der Einladungskarte bis zum Goodie-Bag – einem Säcklein mit Geschenken für alle Gäste. So ein Rundum-sorglos-Paket kostet für sechs Kinder und zweieinhalb Stunden mindestens 350 Franken. Der Preis ist nicht überrissen, er liegt im Rahmen anderer Anbieter.

Die Kosten scheinen nicht allzu abschreckend zu wirken, über zu wenig Arbeit kann Karen Dinger jedenfalls nicht klagen: «Ich mache derzeit drei oder vier Partys pro Woche. Es ist ein richtiger Hype, und es sind längst nicht nur Gutsituierte, die sich so etwas leisten.»

Nach oben gibt es keine Grenzen, das zeigen Beispiele wie etwa jene Eltern, die für ihre Fünfjährige eine Prinzessinnenparty buchten – inklusive Limousine in Pink, mit der die Partygäste zu einem Schloss gefahren wurden. Meist seien es nicht die Kinder, sondern primär die Eltern, die sich etwas Besonderes wünschten, sagt Karen Dinger.

Ein Fest mit seltenen Hühnern

Auch die Landwirtschaft hat die Geburtstagsfeiern inzwischen entdeckt. Bauer Martin Blum hat seinen Hof in Samstagern ZH sogar teilweise darauf ausgerichtet: «Ich halte extra Pro-Specie-Rara-Hühner, weil sie speziell aussehen. Eier legen sie im Prinzip nicht genug. Aber so lernen die Kinder, dass nicht alle Hühner gleich sind.» Seit drei Jahren ist Blum jeden Mittwoch- und Samstagnachmittag ausgebucht. Mit den Geburtstagsgästen entdeckt er Tiere und Natur, meist gibt es auch noch eine Schnitzeljagd. «Doch ein Programm ist im Grunde gar nicht nötig. Einmal sind wir einen Hügel hinuntergerollt, und die Kinder hatten einen Riesenspass. Manche haben so etwas noch nie vorher gemacht», erzählt er. Konkurrenz fürchtet er nicht, im Gegenteil: Bauer Blum hat die Web­site www.kids-farm.ch eingerichtet, auf der weitere Betriebe mit ähnlichem Angebot zu finden sind.

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Nun kann man sich fragen, weshalb Kinder diese grundlegenden Erfahrungen im Alltag nicht mehr machen und Eltern dann dafür als Partyattraktion sogar Geld bezahlen. «Anderseits ist das wenigstens eine pädagogisch sinnvolle Sache», findet David Schmid, Leiter der kantonalen Erziehungsberatung in Bern. Weniger geeignet seien dagegen Partys, bei denen alles nach einem fest vorgegebenen Programm ablaufe und die Kinder animiert würden: «Das macht sie passiv», sagt er. Eltern, die so etwas buchen würden, meinten es zwar gut und glaubten, ihren Kindern etwas Tolles zu bieten, die Profis können es schliesslich am besten. «Doch das ist ein Trugschluss. Was Kinder wirklich brauchen, ist nicht ein perfektes Programm, sondern stabile Beziehungen. Wichtig ist, dass sie schon in die Planung einbezogen werden und die Feier mitgestalten können.»

Ähnlich sieht es die Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm (siehe Interview). Sie warnt jedoch davor, den Eltern Vorwürfe zu machen. Durchgestylte Kindergeburtstage seien Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung, bei der die Verantwortung der Eltern betont werde. «Die Eltern sind die Schuldigen, wenn ihre Kinder nicht gut herauskommen», sagt sie. «Deshalb wollten sie alles perfekt machen, und gerade am Geburtstag ist nur das Beste gut genug. Die Bedürfnisse der Kinder ge­raten dabei manchmal aus dem Blickfeld.»

Was für die Kleinen alles gebucht wird, wundert die Branche manchmal selber. «Manche Eltern haben teilweise gar kein Gefühl mehr dafür, was sie ihren Kindern zumuten können. Sie planen Feste für Zweijährige, die zwei oder drei Stunden dauern sollen, oder fahren mit den Kindern in einen Freizeitpark, wo es tausend Attraktionen gibt, und wollen dann noch eine Animation dazu», sagt Evelin Stefano von der Kinder-Eventagentur Bim Bam Bino in Effretikon ZH. «Da muss man manchmal auch bremsen.»

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«Heute ist ja nichts mehr erlaubt»

Sie hat aber kein schlechtes Gewissen dabei, diese Entwicklung als Anbieter im Grunde zu unterstützen: «Wir gestalten unser Programm altersgerecht, und die Kinder haben immer sehr viel Spass. Letztlich verkaufen wir positive Gefühle. Daran sehe ich nichts Schlechtes.»

«Auch das Umfeld trägt einen Teil dazu bei, dass viele Eltern Kindergeburts­tage lieber im professionell organisierten Rahmen feiern als auf eigene Faust», meint Gerhard Mack, Inhaber der Indoor-Spielhalle Trampolino in Dietikon ZH. «Heute ist ja nichts mehr erlaubt. Es kommt schon fast die Polizei, wenn Sie nur im Wald einen Ast abschneiden.»