Neugeborene riechen, wo die Milch fliesst. Ihr ausgeprägter Geruchssinn lotst sie zielgenau zur Brustwarze. Das ist von Mutter Natur so angelegt – und gut so, denn gestillte Kinder sind nicht nur besser vor Infektionen geschützt, sie profitieren auch von positiven Langzeiteffekten. Deshalb geben fast alle Mütter ihrem Kind nach der Geburt die Brust. Doch bald danach sinkt die Zahl der gestillten Säuglinge rapide. Das belegt eine Studie zur Säuglingsernährung des Instituts für Präventivmedizin Basel. Bei der Geburt werden 94 Prozent der Babys gestillt, sechs Monate später kriegen nur noch 14 Prozent ausschliesslich Muttermilch.

«Eltern nicht zum Kauf verführen»

Statt Eltern beratend zu unterstützen, damit sie selbst entscheiden können, greift der Staat zur härtesten Massnahme überhaupt – dem Verbot – und bevormundet sie. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat, von der Öffentlichkeit unbemerkt, die Abgabe von Gratismustern von künstlicher Anfangsmilch untersagt – und zwar bereits vor zwei Jahren. «Zweck dieses Verbots ist es, zu verhindern, dass Eltern zum Kauf der Produkte verführt werden», sagt eine Sprecherin des BAG. Wie so oft hat die Schweiz ein Gesetz der Europäischen Union nachvollzogen. Die EU wiederum beruft sich auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese empfiehlt, Säuglinge bis zum sechsten Monat ausschliesslich zu stillen.

Das Verbot für Gratismuster ist selbst unter Fachfrauen heftig umstritten. Verführen diese tatsächlich Mütter dazu, das Stillen aufzugeben und auf Babymilch umzusteigen? Claude Zangger, langjährige Mütterberaterin der Stadt Zürich, glaubt nicht daran: «Mit dem Verbot verknüpft ist die Botschaft, dass es mit dem Stillen sowieso klappt und dass es keine Rückversicherung in Form von Gratismustern braucht.» Doch damit werde der Trend zum Stillzwang verstärkt. Denn oft sei es fast ein Tabubruch, wenn eine Mutter nicht stille. Viele dieser Mütter litten unter Schuldgefühlen, weil sie meinen, sie hätten ihrem Kind nicht den optimalen Start ins Leben geboten.

Anzeige

Eine Einschätzung, die verschiedene vom Beobachter angefragte Mütterberaterinnen teilen: Wenn Mütter ihrem Säugling auch mal einen Schoppen geben könnten, nehme das viel Erwartungsdruck weg. Dafür seien Gratismuster geradezu ideal.

Schoppen schafft Freiraum

Für Mütterberaterin Edith Bührer aus Reinach BL ist das Verbot sogar kontraproduktiv. Während stillende Mütter früher dank Gratismustern mal einen Schoppen anrühren und sich eine kurze Auszeit gönnen konnten, müssten sie heute eine ganze Packung kaufen. Da sei die Versuchung gross, bei Stress alles aufzubrauchen. Bührer plädiert für eine ganzheitliche Betrachtung: Wer das Kind ausschliesslich stille, bleibe mehr zu Hause, fühle sich häufig abhängig und eingeschränkt. «Ich habe sehr oft erlebt, dass sich Eltern auseinanderlebten, ihre Beziehung sich aufs Funktionieren reduzierte», sagt sie. Deshalb empfehle sie jungen Eltern, sich «Inseln» für ihre Beziehung zu schaffen und dem Kind ab und zu einen Schoppen zu geben.

Anzeige

Selbst bei La Leche League, der Organisation, die sich am radikalsten fürs Stillen starkmacht, hegt man Zweifel. Geschäftsführerin Marianne Rüttimann begrüsst zwar das Verbot. Sie ist jedoch überzeugt, dass viele Mütter aufhören zu stillen, weil sie zu wenig informiert und unterstützt würden. Zum selben Schluss kommt die nationale Studie zur Säuglingsernährung: Wer von Stillberaterinnen begleitet wird, stillt länger. Deutlich unterdurchschnittlich geben jüngere Mütter, schlecht Gebildete, Immigrantinnen, Übergewichtige, aber auch Mütter, die per Kaiserschnitt gebären, ihrem Kind die Brust. Doch dies zu ändern ist wesentlich komplizierter und auch kostspieliger, als ein Verbot auszusprechen.