Beobachter: Urs Eiholzer, manche Kinder sind viel kleiner als Gleichaltrige. Woran liegt das?
Urs Eiholzer: Häufig daran, dass sie verzögert in die Pubertät eintreten. Dadurch beginnt auch der Pubertätswachstumsspurt später, der bei Mädchen normalerweise mit 12 und bei Knaben mit etwa 14 Jahren eintritt. Man spricht dann von Spätentwicklern.

Beobachter: Kann man da helfen?
Eiholzer: Ja, mit einer Hormonbehandlung. Knaben erhalten dabei sechs Spritzen sehr niedrig dosierten Testosterons, Mädchen niedrig ­dosiertes Östradiol – natürliche Hormone, die die Pubertät früher auslösen und die ­eigene Hormonproduktion anregen.

Beobachter: Die Kinder werden nicht grösser, als wenn man sie nicht behandeln würde?
Eiholzer: Nein. Diese Hormonbehandlung ist bloss eine Anschubhilfe.

Beobachter: Wozu dann eine Behandlung? Man könnte ja ganz einfach warten, bis der Pubertätswachstumsspurt von alleine beginnt.
Eiholzer: Für Kinder kann es ein grosser Nachteil sein, wenn sich die Pubertät und das Wachstum verzögern. Welcher Lehrmeister will einen Lehrling einstellen, dem noch nicht die geringsten Anzeichen von Erwachsenheit anzusehen sind? Oder welcher Trainer will ­einen Spieler in seiner Mannschaft behalten, wenn dieser mit Gleichaltrigen körperlich nicht mehr mithalten kann? Zudem verpassen diese Kinder den Anschluss an Gleich­altrige: Sie sind vom Alter her zwar Teenager, können aber an der Gefühlswelt von Teen­agern noch nicht teilnehmen. Das alles schlägt sich auf das Selbstwertgefühl eines Kindes nieder.

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Beobachter: Es gibt umgekehrt Kinder, bei denen Eltern das Gefühl haben: Das hört ja nicht mehr auf zu wachsen.
Eiholzer: Auch dafür gibt es eine Hormonbehandlung. Kinder erhalten so viel Testosteron oder Östrogene, dass die Pubertät beschleunigt wird und früher abgeschlossen ist. Doch diese Therapie ist umstritten.

Beobachter: Warum?
Eiholzer: Weil sie einen Eingriff ins natürliche Programm eines Körpers darstellt. Zudem: Die Therapie kann die Endgrösse um etwa fünf Zentimeter nach unten korrigieren, doch das ist ein kümmerlicher Effekt, gemessen am Aufwand. Fünf Zentimeter für eine Behandlung, die zwei Jahre dauern kann und die bei Knaben jeden Monat 100 und bei Mädchen 25 Franken kostet.

Beobachter: Macht es überhaupt Sinn, das Wachstum von Kindern zu stoppen?
Eiholzer: Ab einer gewissen Grösse donnern Leute mit dem Kopf an Türrahmen und können sich kaum mehr in die Sitze der Busse zwängen. Es kann deshalb sinnvoll sein, das Wachstum von Knaben zu stoppen. Bei Mädchen hingegen macht das von aussen gesehen weniger Sinn – sie werden ohnehin nie so gross, dass sie dauernd den Kopf einziehen müssen.

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Beobachter: Wann müssen sich Eltern eigentlich um das Wachstum ihres Kindes Sorgen machen?
Eiholzer: Wenn ihr Kind verglichen mit Gleichaltrigen viel kleiner oder grösser ist. In 95 Prozent der Fälle, die ich mir ansehe, liegen zwar keine krankhaften Störungen vor. Dennoch macht eine Untersuchung Sinn: Man kann damit Klarheit schaffen. Oder in bestimmten Fällen mit einer Hormontherapie nachhelfen – und einen Teenager vor Minderwertigkeitsgefühlen bewahren, die er sonst ein ganzes Leben mit sich herumschleppen würde.

Urs Eiholzer, 57, ist Facharzt für Kinder- und ­Jugendmedizin und unter anderem spezialisiert auf Wachstumsfragen und Hormonstörungen. Er führt das Pädiatrisch-Endokrinologische Zentrum Zürich (www.pezz.ch).

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