Böse Überraschung: Nicht weniger als fünf Löcher hat der Zahnarzt im Gebiss der vierjährigen Olga entdeckt. «Dabei isst meine Tochter nicht gern Schokolade, und zudem trinkt sie meist nur Wasser», sagt Mutter Simone Tremp. Auch auf regelmässiges Zähneputzen lege sie Wert. Negativ wirkte sich aber aus, dass das Kind die Nacht hindurch einen Schoppen mit Milch zum Nuckeln hatte. Denn wie jeder Zucker bildet Milchzucker beim Abbau Säure, die Karies begünstigt.

Olga ist kein Einzelfall. «Zahnärzte aus der ganzen Schweiz stellen eine deutliche Zunahme von Karies bei Kindern im Vorschulalter fest», so Teresa Leisebach, Winterthurer Schulzahnärztin und Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Kinderzahnmedizin.

Selbst die Stadt Basel, die zur Karies-prophylaxe das Trinkwasser mit Fluor anreichert, bleibt nicht verschont. «Von 1997 bis 2000 ist die Zahl der Kinder, deren Zähne wir unter Vollnarkose behandeln mussten, von 200 auf über 300 gestiegen», sagt Peter Wiehl, Direktor der Öffentlichen Zahnkliniken Basel-Stadt. 85 bis 90 Prozent waren Patienten mit Karies. «Und sie werden immer jünger.» Peter Minnig, Abteilungsleiter Zahnerhaltung an der Basler Schulzahnklinik, bestätigt dies: «Ich behandle eben ein zweijähriges Kind, das acht Löcher in seinen Milchzähnchen hat.»

Anlass zur Besorgnis besteht auch für den Leiter des Schulzahnärztlichen Dienstes St. Gallen, Andreas Trummler. «Noch vor acht Jahren hatten 70 Prozent der St. Galler Kindergartenkinder kariesfreie Zähne», erinnert er sich. «Wir glaubten, das Problem fest im Griff zu haben. Im Jahr 2000 ist dieser Anteil jedoch auf knapp 51 Prozent gesunken.» Für Trummler ist es höchste Zeit, dass Karies wieder zum Thema wird. Viele Eltern, die dank früheren Prophylaxekampagnen selber wenig Karies haben, legen bei ihrem Nachwuchs eine zu grosse Nachlässigkeit an den Tag. «Der Erfolg bei den Kindern von einst wird nun quasi zum Stolperstein für die Kinder von heute», sagt Wolfgang Strübig, Leiter des Schulzahnmedizinischen Dienstes der Stadt Bern.

Zu sorgloser Konsum von Süssem
Hauptursache für die Zunahme von Karies, darin sind sich alle Spezialisten einig, ist der sorglose Umgang mit zuckerhaltigen Speisen und Getränken. Mit dem Durchschnittskonsum von über 40 Kilogramm Zucker pro Kopf und Jahr bleiben die Schweizerinnen und Schweizer europäische Spitzenreiter. «Entscheidend für die Entstehung von Karies ist nicht die Menge, sondern die Häufigkeit der Zuckeraufnahme», betont Peter Minnig.

Konkret: Wer dreimal pro Tag zu den Hauptmahlzeiten Süsses isst oder trinkt, braucht wenig zu befürchten. Karies entsteht, wenn sich die Mundflora nicht mehr im Gleichgewicht befindet. Zucker wird von Bakterien in Milchsäure umgewandelt, die den Zahnschmelz angreift. Ein Loch entsteht aber erst dann, wenn der Speichel nicht mehr genügend Zeit hat, die Schäden am Zahn zu reparieren. «Viele Kinder nuckeln oder knabbern nun aber andauernd an gesüssten Getränken oder Speisen», beobachtet Minnig.

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Die Fachliteratur spricht vom Nursing Bottle Syndrome – Schoppenkaries. Folgenschwer ist es, wenn das Kind während der Nacht Zucker zu sich nimmt, zum Beispiel über gesüssten Tee, Milch oder einen Nuggi, der in Honig getaucht wurde. Nachts nämlich ist die Produktion des reparierenden Speichels stark gedrosselt.

Auf der anderen Seite beobachten die Schulzahnärzte eine zunehmende Nachlässigkeit bei der Zahnpflege. Sobald der erste Milchzahn durchbricht, gehört das Putzen zur täglichen Pflicht, von der die Eltern so rasch nicht befreit werden. «Bis das Kind acht Jahre alt ist», so Schulzahnärztin Teresa Leisebach, «sollten die Eltern jeweils am Abend noch selber gründlich nachputzen.» Wichtig ist dabei auch die Prophylaxe mit Fluor, einerseits mit fluorhaltiger Zahnpasta, anderseits durch das Zubereiten der Speisen mit fluorhaltigem Salz. Eindringlich warnen die Schulzahnärzte davor, Schäden an den Milchzähnen zu bagatellisieren – ganz nach dem Motto: «Die fallen ja eh bald aus.» Milchzähne sind wichtige Platzhalter für das bleibende Gebiss. Deshalb ist nach Auffassung der Fachleute eine möglichst frühe Kontrolle nötig.

Auch da tragen die Eltern eine wesentliche Verantwortung. Obligatorische Zahnuntersuchungen finden in der Schweiz nämlich noch immer erst im Kindergarten statt. Ein geschulter Blick auf das Gebiss wäre jedoch schon früher angezeigt. Wie früh, darüber gehen die Meinungen auseinander. Teresa Leisebach rät Eltern, ihr Kind schon mit anderthalb Jahren einmal zum Zahnarzt mitzunehmen. Peter Minnig spricht von zwei bis drei Jahren.

Basel-Stadt hat nun damit begonnen, die Kinderärzte dazu zu bewegen, bei Kleinkindern auch einen Blick auf die Zähne zu werfen und die Eltern zu beraten. Dies stösst auch in anderen Kantonen auf Interesse. Die Basler Kinderärzte sind zudem gehalten, den Eltern einen Gutschein für einen unentgeltlichen Zahnarztbesuch abzugeben. Andere Kantone bieten Gratistermine in den Schulzahnkliniken an. Der Kanton Zürich schliesslich möchte die Kariesprophylaxe zum Pflichtstoff für Kinderkrippen und Spielgruppen erklären.

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Weitere Infos

www.sso.ch Website der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft