Nach drei Stunden macht es Yannic Gessl zunehmend Mühe, die Erdbeeren vor den Mund zu führen und dabei freundlich zu lächeln. In einem Fotostudio in Zürich stellt sich der Sechsjährige für eine Kampagne der Migros vor die Linse des Fotografen Federico Naef und mimt gekonnt die verlangten Jahreszeitengefühle. Passend zum Hintergrund: Frühling mit hellblauem Himmel und Teddybärchen; Sommer mit Wiesenstimmung und Erdbeeren; Herbst mit Blätterwald und grossen blauen Trauben.

Mutter Priska Gessl ist mit ihrem Sohn aus Lohn SH per Bahn hergefahren. Nun versucht sie, den Kleinen mit ein paar tröstenden Worten aufzumuntern. «So, jetzt noch die letzte Runde; nachher darfst du Erdbeerli essen!» Yannic schmunzelt, richtet sich im Stuhl auf und konzentriert sich wieder auf die Anweisungen des Fotografen. «Yannic, die Beeren in beide Hände!» - Blitz. - «Noch etwas höher halten!» - Blitz. - «Jetzt in die Kamera schauen!» - Blitz.
Yannic ist eines von zahllosen Kindern, die in der Schweiz legale Kinderarbeit leisten. Welche Tätigkeiten erlaubt sind und welche nicht, regeln seit Anfang 2008 die neuen Jugendschutzverordnungen im Arbeitsgesetz. Grundsätzlich ist Kinderarbeit verboten, Minderjährige dürfen erst ab 15 erwerbstätig sein. Leichte Jobs oder Botengänge sind schon ab 13 möglich. In Kultur, Sport und Werbung dürfen aber auch Kids unter 15 arbeiten - falls der Arbeitgeber den Einsatz vorgängig bei den kantonalen Behörden meldet und die Arbeit zumutbar ist. Wie oft solche Kinderarbeit stattfindet, ist nicht bekannt: «Die Meldepflicht für die Arbeit der unter 15-Jährigen ist erst seit Anfang 2008 in Kraft, so dass noch keine Statistiken existieren», informiert Rita Baldegger, Sprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft.

Wenn es für die Jobs auch keine Bewilligung, sondern nur eine Meldung braucht: Den jungen Models, Schauspielern und Sportlern darf dennoch nicht alles zugemutet werden. Insbesondere darf der Job die Schule nicht konkurrieren und das Wohl der Kinder nicht beeinträchtigen. Bis zum 13. Geburtstag sind maximal drei Stunden Arbeit pro Tag oder neun Stunden pro Woche zulässig, bis 16 gilt diese Einschränkung nur während der Schulzeit, also nicht in den Ferien. Auch dürfen Minderjährige Berufswahlpraktika machen, selbst wenn sie noch nicht 15-jährig sind. Und sogar Sonntags- und Nachtarbeit bis 23 Uhr ist möglich: Bei «kulturellen, künstlerischen und sportlichen Anlässen, die nur abends oder am Sonntag stattfinden», dürfen Kinder «ausnahmsweise beschäftigt werden», heisst es im Gesetz.

Mit Fotoshootings hat Yannic schon viele Erfahrungen gesammelt. Mutter Priska Gessl erzählt stolz, sie habe «früher selbst als Model gearbeitet» und sei heute «Hausfrau und Managerin für meine zwei Söhne». Im Alter von drei Jahren habe Yannic den Einstieg in die Werbung gefunden, seither folgten Aufträge für «Migros, Vögele, Novartis, Schindler, Quelle, Basler Zoo, Swica», zählt die Mutter wie aus der Pistole geschossen auf.

Die Ambitionen der «Eiskunstlaufmütter»

Yannic habe auch schon bis zu achtstündige Shootings gehabt, sagt die Mutter. Einmal waren sie ein ganzes Wochenende lang in einem Hotel, dann sei der Kleine abends schon «nudelfertig» gewesen. Trotzdem habe es allen Spass gemacht. Meistens aber fänden die Aufträge an den freien Nachmittagen statt, was mit dem Kindergarten am Morgen gut vereinbar sei. Und wenn sich ein Job mit der Schule überschneidet, stehen der Familie Jokertage zur Verfügung: Zehn ganze oder zwanzig halbe Tage Auszeit dürfen Gessls beziehen, weil sie im Kanton Schaffhausen wohnen; andere Kantone wie etwa Zürich bewilligen nur zwei solche Tage.

«Die Hauptsache ist, dass es den Kindern Freude macht», sagt Priska Gessl, «Geld und Erfolg sind nicht so wichtig.» Das sagen alle. Egal, ob man Eltern, Modelagenturen, Werbeleute oder die Kinder selbst befragt: Immer machen die Jobs viel Spass und sollen bloss nicht an harte Arbeit erinnern.

Doch die Realität sieht anders aus: Manche Eltern entwickeln einen krankhaften Ehrgeiz und wollen ihren Nachwuchs so jung und so oft wie möglich im Rampenlicht sehen. Neben der Schule gibt es Hobbys wie Klavier, Fussball, Fremdsprachen - dazu kommen Jobeinsätze in Werbung, Sport, Film, Theater. «Wir sprechen in der Branche von ‹Eiskunstlaufmüttern›, weil vor allem Mütter gegenüber den Kindern so hohe Ambitionen entwickeln wie im Spitzensport», sagt Rudolf Rath, der beim Schauspielhaus Zürich seit 30 Jahren Statisten einstellt, regelmässig auch Minderjährige. «Es ist nicht gut, wenn Eltern den Nachwuchs unter Druck setzen; die Kinder müssen den Job von sich aus wollen.» Sobald er merke, dass etwas nicht stimmt, lehnt Rath es ab, ein Kind als Statist zu engagieren. Umgekehrt hat der Theaterschaffende auch schon viele positive Erfahrungen gemacht: «Wir hatten schon Kinder da, die in einer schwierigen Phase steckten und dank der Schauspielerei wieder richtig aufgeblüht sind.»

Ähnliche Erfahrungen macht Sandra Weber von der Agentur Kids-Models in Zürich, die sich auf die Vermittlung von Kindern spezialisiert hat. «Wir merken sofort, ob es die Eltern sind, die den Job wollen, oder ob die Kinder von sich aus diesen Wunsch haben», sagt Weber. Täglich erhält sie bis zu zehn Anfragen von Familien, die ihre Sprösslinge unbedingt ins Studio schicken wollen; den Grossteil lehnt sie ab. Manche Abgewiesene reagieren mit erzürnten Anrufen oder E-Mails. Und neben Lob und Ehre geht es, selbst wenn das kaum jemand zugeben will, auch um Franken und Rappen. 80 Franken verdient ein Kindermodel in der Regel pro erste Stunde, 50 Franken für die folgenden, 350 Franken für einen ganzen Tag. «Das Geld wird meistens direkt am Set bar ausbezahlt», sagt Weber.

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Werbung für bekannte Marken: Yannic Gessl macht regelmässig Fotoshootings. Dann sitzt der Sechsjährige schon mal einen Nachmittag lang im Studio.



1000 Franken für einen Fünftklässler

Weber hat auch Yannic Gessl vermittelt - ans Zürcher Werbebüro von Thomas Harbeke, der für die Migros-Kampagne ein Kind «mit grossen, offenen Augen und frechem Ausdruck» suchte. Yannic entspricht diesen Anforderungen genau und ist deshalb in der Branche begehrt. Gekonnt wickelt er den letzten Auftrag dieses Shootings ab - Herbststimmung mit Trauben -, dann zückt Fotograf Naef Quittungsblock und Portemonnaie, Mutter Gessl unterschreibt und verlässt mit 220 Franken in der Tasche und einem munter pfeifenden Yannic an der Hand das Studio. «Das Geld kommt aufs Konto», sagt sie, «obwohl sich Yannic am liebsten sofort etwas kaufen möchte: ein Pocketbike, eines dieser Motorräder für Kinder.»

Wer entscheidet, was mit dem Geld passiert, das die Kinder verdienen? Grundsätzlich können sie frei darüber verfügen, heisst es in Artikel 323 des Zivilgesetzbuchs (ZGB): «Was das Kind durch eigene Arbeit erwirbt, steht unter seiner Verwaltung und Nutzung.» Doch gibt es Einschränkungen: Erstens können Eltern verlangen, dass der Nachwuchs von seinem Salär einen «angemessenen Beitrag» an Kost und Logis leistet; das kann die Hälfte der Einnahmen ausmachen oder mehr. Zweitens kann ein Minderjähriger nicht einfach alles kaufen, was er sich wünscht, da er für grössere Vertragsabschlüsse laut Gesetz «nicht urteilsfähig» ist. Will sich ein Sechsjähriger also ein Kindermotorrad leisten, dürfen Eltern ihr Veto einlegen und das Geld vorerst auf ein Konto einzahlen.

Diskussionen um das selbst verdiente Geld der Kinder gibt es manchmal auch bei der Familie Senn in Zürich. Der elfjährige Johannes und die 14-jährige Sophia haben dank der guten Beziehung zu Rudolf Rath vom Schauspielhaus schon öfter bei Theaterstücken mitgewirkt - und dabei auch einen schönen Batzen verdient. Johannes rechnet vor: Für das aktuelle Stück «Macbeth» erhält er 300 Franken für die Proben und 70 Franken je Aufführung. So kommen insgesamt rasch über 1000 Franken zusammen − nicht wenig für einen Fünftklässler.

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Schottische Adelige, schwedische Stürmer

Johannes bewegt sich gekonnt in der Welt des Theaters, schwatzt hier mit einem Schauspieler, dort mit der Maskenbildnerin. Der Elfjährige profitiert nicht nur finanziell vom Theater: Er hat gelernt, den schwierigen Text in klarem Hochdeutsch flüssig zu sprechen, was ihm in der Schule nützlich ist. Dafür darf Johannes, wenn er nach einer Vorstellung abends erst kurz vor elf Uhr ins Bett kommt, am nächsten Tag eine Stunde später in den Unterricht; so hat er es mit der Lehrerin abgemacht.

Mutter Prisca Senn setzt sich ins Wohnzimmer mit der imposanten Bücherwand und erzählt, sie freue sich, dass die Kinder dank dem guten Kontakt zum Schauspielhaus eine schöne Nebenbeschäftigung gefunden hätten. Gelegentlich aber gebe es Unstimmigkeiten, was mit dem verdienten Geld passieren solle. Ihr Sohn wünsche sich zum Beispiel eine Spielkonsole, sie aber zahle das Geld lieber auf ein Konto ein. «Unsere Kinder können in die Welt der Kultur eintauchen, der finanzielle Aspekt soll eine Nebensache sein.»

«Mir macht Theater spielen mega Spass», sagt Johannes, «und wenn ich damit auch noch Geld verdienen kann, ist das doppelt lässig.» Er und ein Schulfreund spielen bei «Macbeth» die Söhne von Lady Macduff, die Halbwüchsigen tragen wie alle Schauspieler Hemd und Krawatte im Stil der Börsenhändler. Während der Vorstellung spritzt reichlich Theaterblut und fliesst viel Schweiss, mehrere der Figuren verlieren bis zum bitteren Ende ihr Leben.

Kein leichter Stoff für einen Elfjährigen, und doch bringt Johannes seinen Text ohne Fehler auf die Bühne. «Mein Vater ist nicht tot, was du auch sagst. (...) Wenn er tot wäre, so würdest du um ihn weinen, und tätest du das nicht, so wäre es ein gutes Zeichen, dass ich bald einen neuen Vater bekomme.» Hinter der Kulisse darf Johannes dann wieder ganz Kind sein; dort geht es nicht um schottische Adelige, sondern um schwedische Stürmer und französische Verteidiger: In der Kantine kauft und tauscht der Fünftklässler eifrig Panini-Bildchen mit den Stars der Fussballeuropameisterschaft.

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