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KinderernährungDaran haben Eltern zu kauen

Was ist gut für Kinder, und wie bringt man sie dazu, das Richtige zu essen? Ernährungsexpertin Marianne Botta Diener stand Beobachter-Leserinnen und -Lesern Rede und Antwort.

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Ernährungsexpertin Marianne Botta Diener beantwortete an der Beobachter-Hotline Fragen zur Kinderernährung. Der Frauenanteil unter den Anrufenden betrug über 90 Prozent. Sehr viele Fragen wurden zu vegetarischer Kinderernährung gestellt.

Soll ich mein Kind fleischlos ernähren?
Kinder sollten zwei bis drei kleine Portionen Fleisch pro Woche erhalten, damit der kindliche Körper mit wichtigen Nährstoffen versorgt wird. Zum Beispiel mit Eisen: Denn Eisen aus Pflanzen wird vom Körper schlechter aufgenommen als solches aus Fleisch. Wer auf Fleisch verzichtet, sollte auch darauf achten, den Eiweissbedarf anders zu decken, etwa mit Milchprodukten, Eiern oder Hülsenfrüchten.

Wie beuge ich einem Eisenmangel vor, wenn mein Kind Fleisch absolut verweigert?
Gute Eisenquellen sind Hülsenfrüchte, lange aufgegangenes Vollkornbrot, grünes Blattgemüse, Broccoli, Fenchel, Schwarzwurzeln und Nüsse. Ihr Kind nimmt pflanzliches Eisen besser auf, wenn es dazu ein Glas Orangensaft trinkt. Trotzdem kann es bei Ihrem Kind während eines Wachstumsschubs zu einem Eisenmangel kommen. Ein solcher macht müde, anfällig für Infektionen und mindert die Leistungsfähigkeit. Damit er rasch erkannt und behoben werden kann, sollte Ihr Kinderarzt einmal pro Jahr den Hämoglobingehalt im Blut Ihres Kindes bestimmen.

Wie lange ist ein Milchschoppen nötig?
Milch bleibt auch nach dem ersten Lebensjahr wichtig, denn sie liefert wichtige Nährstoffe wie Eiweiss und Kalzium. Ein ein- bis sechsjähriges Kind braucht rund 3 bis 3,5 Deziliter Milch pro Tag. Um Übergewicht vorzubeugen, ist ein Milchdrink geeigneter als Vollmilch. Sobald ein Kind in der Lage ist, aus einem Becher zu trinken, sollte die Babyflasche ersetzt werden. Sonst besteht die Gefahr des Dauernuckelns, was zu Karies führen kann. Wenn Ihr Kind sehr am Schoppen hängt, sollten Sie ihm diesen jeweils nur so lange überlassen, bis es ausgetrunken hat.

Mein 15 Monate altes Kind nimmt Lebensmittel in den Mund und spuckt sie nach kurzer Zeit wieder aus. Wie soll ich darauf reagieren?
Ein Kind muss ein neues Lebensmittel 10- bis 15-mal probieren, bis es sich an den Geschmack gewöhnt hat. Genau das tut Ihr Kind, es verhält sich also ganz normal. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran, essen Sie mit Ihrem Kind. So merkt es, dass es normal ist, die von ihm verschmähten Lebensmittel zu essen.

Wann sollte ein Baby den ersten Brei erhalten?
Ab einem Alter von vier bis sechs Monaten sollte Ihr Baby mehr als nur Muttermilch oder einen Säuglingsschoppen erhalten. Grundsätzlich gilt: je später, desto besser. Bei einem Allergierisiko warten Sie besser sechs Monate. Meistens zeigen die ersten Zähne und das Verhalten Ihres Babys an, wenn die Zeit für den ersten Brei gekommen ist.

Darf man Plastikschoppen im Mikrowellenofen erhitzen?
Plastikschoppen bestehen fast immer aus Polycarbonat. Wird dieses im Mikrowellenofen erhitzt, kann sich Bisphenol A abspalten, ein hormonähnlicher Stoff. Davon sollten Babys möglichst wenig bekommen. Deshalb ist es ratsam, die Milch nur in Glasflaschen im Mikrowellenofen zu erhitzen.

Kaum hat mein zweijähriger Sohn den ersten Hunger befriedigt, möchte er weg vom Tisch und spielen gehen. Kann ich von ihm verlangen, sitzen zu bleiben?
Still sitzen fällt vielen Kindern schwer, vor allem wenn der erste Hunger gestillt wurde. Denn Spielen ist eindeutig spannender. Ihr Sohn kann sich besser von seinem Spiel trennen, wenn Sie das Essen vorankündigen, anstatt ihn zur Essenszeit abrupt von seiner Tätigkeit wegzureissen. Loben Sie ihn, wenn ihm das Sitzenbleiben gut gelingt. Wenn es gar nicht geht, geben Sie Ihm ein kleines Spielzeug oder ein Büchlein an den Tisch.

Meine Kinder verweigern Gratins und Eintöpfe, vor allem wenn sie Vollkorngetreide enthalten. Wie bringe ich sie dazu, gesund zu essen?
Kinder essen sehr viel stärker mit allen fünf Sinnen als Erwachsene. Sie mögen verschiedene Farben, Formen, Gerüche und Geschmacksrichtungen auf ihrem Teller. Gratins und Eintöpfe stellen hingegen eher einen Mischmasch verschiedener Farben und Geschmacksrichtungen dar. Vollkorngetreide ist zwar gesund, von der Farbe her jedoch nicht attraktiv. Kochen Sie die einzelnen Lebensmittel lieber getrennt und richten Sie alles ansprechend an.

Mein Kind mäkelt ständig am Essen herum. So habe ich überhaupt keine Lust mehr zu kochen. Was kann ich tun?
Vermeiden Sie Machtkämpfe am Esstisch. Sagen Sie ruhig, aber bestimmt, dass Sie das Mäkeln Ihres Kindes frustriert. Lassen Sie jedes Familienmitglied eine Liste der abgewählten Lebensmittel machen: Alle dürfen drei Lebensmittel notieren, die sie nicht mögen. Darauf nehmen Sie Rücksicht. Alles andere wird zumindest probiert. Denn grundsätzlich gilt: Sie bestimmen, was auf den Tisch kommt, Ihr Kind bestimmt, wie viel es davon essen mag.

Ich musste als Kind meinen Teller leer essen. Warum wird das heute nicht mehr empfohlen?
Eigentlich kennen Kinder ihre Körpersignale wie Hunger, Durst oder Sättigung genau. Wenn man sie ständig zwingt, den Teller leer zu essen, gewöhnt man sie daran, ihre Körpersignale zu missachten. Das fördert die Entstehung von Übergewicht. In der Schweiz ist jedes fünfte Mädchen und jeder vierte Junge zu dick.


Veröffentlicht am 21. Juni 2004