Die dreijährige Monika ist mit ihren Eltern wegen Durchfalls beim Kinderarzt. Als dieser etliche blaue Flecken auf ihren Händchen und Oberarmen bemerkt, schaut er die Eltern fragend an. Diese zucken mit den Schultern. Die Kleine sei wohl beim Spielen gestürzt, antwortet die Mutter. Da Monikas Stuhl im Kinderspital Zürich genauer untersucht werden soll, orientiert der Arzt vorsichtshalber zugleich dessen Kinderschutzgruppe über die Blutergüsse. Zu Recht.

«Blaue Flecken sind bei Kindern dieses Alters zwar an der Tagesordnung», sagt Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe, «aber kaum an diesen Körperstellen.» Der Arzt sitzt mit seinem interdisziplinären Team zusammen, um über diese Verfärbungen zu beraten: Könnten sie mit der Diarrhöe zusammenhängen? Leidet die Kleine vielleicht an einer erhöhten Neigung zu Blutergüssen? Oder handelt es sich um die Folgen körperlicher Misshandlung?

Siebenmal mehr Fälle
Erst nachdem der Zusammenhang mit einer Krankheit auszuschliessen ist, werden Monikas Eltern vorgeladen: «Wir können uns nicht erklären, woher diese Flecken stammen. Haben Sie vielleicht etwas dazu zu sagen?» In diesem Moment bricht Monikas Mutter schluchzend zusammen. Unter dem fassungslosen Blick ihres Mannes gesteht sie, das Kind manchmal einfach nicht zu ertragen. Eine richtige Tyrannin könne ihre Monika sein, wenn sie wutentbrannt kreische, wild um sich schlage und alles durch die Wohnung schleudere, was ihr in die Hände gerate. «In solchen Momenten kann ich die Nerven verlieren und schlage die Kleine mit dem erstbesten Gegenstand auf die Hände, damit sie endlich aufhört, mich zu plagen.»

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Im Jahr 2001 hat das Kinderspital mehr bewiesene oder Verdachtsfälle von Kindsmisshandlung registriert als je zuvor. 1991 waren es noch 55 Fälle gewesen, bis 2001 stieg die Zahl auf 388. Bei der Einlieferung geben die Angehörigen indes nur selten eine Misshandlung zu. «Sturz vom Sofa» lautete die Erklärung bei einem Zweijährigen mit mehrfachem Schädelbruch. Die Kleine habe die Pfanne vom Herd gezogen, hiess es bei einer Vierjährigen mit Verbrühungen am ganzen Körper.

Kaum jemand getraut sich, einen Gewaltakt an seinem Kind freiwillig offen zu legen. Und trotzdem hat Ulrich Lips die Erfahrung gemacht, «dass die meisten Mütter und Väter froh sind, wenn ihr Fehlverhalten ans Tageslicht kommt». Denn sie leiden in der Regel selber auch, wenn sie dem Töchterchen oder Söhnchen Schaden zufügen. Von Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei den Tätern keineswegs um Rabeneltern, sondern um ganz durchschnittliche Mütter und Väter, die überfordert sind.

«Es gibt wohl keine Eltern», so Lips, «die nicht schon gedacht haben: ‹Das halten wir nicht mehr aus, diesen Schreihals werfen wir nächstens an die Wand, damit er endlich Ruhe gibt.›» Ob der Wut die Tat folgt, ist oft eine Frage der persönlichen Reserven.

Kindsmisshandlungen ereignen sich fast immer dann, wenn sich Mütter oder Väter durch andere Probleme zusätzlich stark belastet fühlen: etwa durch Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten, Paarprobleme oder Alkoholismus. Ebenfalls eine grosse Rolle spielt natürlich auch die Frage, wie gut jemand seine Impulse unter Kontrolle hat.

Der Bergsteiger Erhard Loretan hat oftmals ruhig Blut bewahrt und sich in Extremsituationen bewiesen. Das hat ihn als Vater aber nicht davor geschützt, von seinem quengelnden Baby überfordert zu werden. Im Stress verlor Loretan im letzten Dezember die Nerven und schüttelte verzweifelt den kleinen Schreihals. Nur kurz und nicht allzu heftig, wie er glaubte, aber doch mit tragischen Folgen. Weil ein Baby sein Köpfchen noch nicht selber halten kann, schlägt dieses beim Schütteln ungebremst vor und zurück. Durch die abrupten Bewegungen werden die Gewebeschichten im Hirn gegeneinander verschoben und verletzt. Loretans Söhnchen Ewan starb an den Folgen des so genannten Schütteltraumas.

Tödliches Babyschütteln
Die Fachleute sind sich einig, dass die Überforderung von Vätern und Müttern unter anderem mit übertriebenen Vorstellungen vom Familienglück zusammenhängt. Sie machen es schwer zuzugeben, dass man sein Kind ab und zu auch als Plage empfindet und sich selbst müde, abgekämpft oder unzufrieden fühlt.

Sehr oft getrauen sich Betroffene nicht einmal dem Partner gegenüber, negative Gefühle preiszugeben. Sie glauben, nicht normal zu sein, und versuchen verzweifelt, die Fassade vom glücklichen Papi oder Mami aufrechtzuerhalten. Das kann sich rächen. Ulrich Lips: «Nicht herausgelassene Emotionen stauen sich an, bis sie irgendwann unkontrolliert ausbrechen.»

Um Tragödien zu vermeiden, wäre es wichtig, junge Eltern besser auf ihre Aufgabe vorzubereiten. «Sie haben meist keine Ahnung, was auf sie zukommt. Und auch nicht, wo sie Hilfe holen können», weiss der Leiter der Kinderschutzgruppe aus Erfahrung. Der Staat verlangt zwar einen Führerausweis, um ein Auto zu lenken, «aber niemand kümmert sich darum, ob Eltern darauf vorbereitet sind, ein Kind aufzuziehen», kritisiert Lips.

Das Märchen vom Supermami
Kurse für Eltern gibt es heute zwar vermehrt. Aber die Organisatoren kämpfen gegen das Klischee, dass einem das Vater- und Muttersein quasi im Blut liegen müsse. Die Lehrerin Sandra Moreschi weiss aus Erfahrung, dass das Kindererziehen gelernt sein will. Sie besuchte einen Elternkurs, weil ihre zwei kleinen Buben sie immer wieder zur Weissglut trieben.

Seither fühlt sie sich ihren Sprösslingen viel besser gewachsen, «weil ich meine beiden Kleinen nun eher verstehe und darauf reagieren kann». Ausserdem habe es gut getan zu sehen, dass sie mit ihrem Stress nicht allein ist. «Denn sonst begegnest du ja fast ausschliesslich all den Supermamis und Superpapis, die dich vorwurfsvoll anschauen, wenn du dein Kind mal nicht unter Kontrolle hast.»

Mehr Wissen hilft. Es ist jedoch auch wichtig, dass die Kinder nicht der einzige Lebensinhalt sind und dass ihre Betreuung nicht zum 24-Stunden-Job wird. Entlastungsangebote sind aber nicht nur teuer, sondern immer noch viel zu rar.

Erika Hintermüller kann davon ein Lied singen. Vor ein paar Jahren starb ihr Mann. Da sich das Paar einen Job geteilt hatte und sie diesen nicht aufgeben wollte, musste sie nun 100 Prozent arbeiten. «Meine Buben waren plötzlich ‹Schlüsselkinder›», sagt sie. Diese Situation habe sie völlig überfordert. «Wo sind sie wohl?», habe sie sich bei der Arbeit dauernd gefragt. Und: «Wenn sie bloss keinen Blödsinn anstellen.» Alles habe sich den Tag über angestaut. «Du kommst heim, bist müde und müsstest noch mit den Kindern Hausaufgaben machen und kochen.»

Die Kinder waren natürlich ebenfalls müde und hungrig und hatten keine Lust, sich hinter die Schulbücher zu klemmen. Das abendliche Drama war programmiert, und Erika Hintermüller merkte bald, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie gründete einen Kinderhort, dessen Leitung sie schrittweise selbst übernahm. Im Würenloser Tageshort «Mary Poppins» sowie bei der später gegründeten «Kinderoase» werden aber nicht nur die Kinder betreut. Ebenso können die Eltern dort ihre Probleme mit einer Fachperson besprechen.

Dass die Anzahl der aktenkundigen Kindsmisshandlungen in den letzten Jahren zugenommen hat, liegt sicher auch an einer stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Ulrich Lips rechnet aber nach wie vor mit einer grossen Dunkelziffer. Der Leiter der Kinderschutzgruppe befürwortet deshalb eine mehrjährige Aufklärungsaktion, vergleichbar mit der Stopp-Aids-Kampagne. Breitenwirkung wäre wichtig, betont Lips. «Es genügt nicht, sich an die werdenden Eltern zu richten.» Wirkliche Prävention müsse viel früher beginnen. «Es geht darum, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen beizubringen, wie sie auf Überforderung anders reagieren können als mit Aggression.»

Anlaufstellen

Telefonnummern

  • Elternnotruf: 0848 35 45 55 (ganze Schweiz, rund um die Uhr)
  • 147-Hotline: 147 (für Kinder und Jugendliche, ganze Schweiz, rund um die Uhr)