Ihre Angst kann berechtigt sein. Es kommt tatsächlich vor, dass die notwendige Abgrenzung zwischen Eltern und Heranwachsenden misslingt. Dies kann zu Spannungen und seelischen Problemen führen. Von den Wohnverhältnissen allein auf eine ungesunde Konstellation zu schliessen wäre allerdings falsch. Man kann auch zusammen wohnen und durchaus selbstständig sein.

Seit den siebziger Jahren ist diesbezüglich einiges anders geworden. Damals war der «Generationenkonflikt» in aller Munde: Die Jungen kritisierten das «Establishment» und wollten möglichst bald auf eigenen Füssen stehen, um ihre Eigenständigkeit und Andersartigkeit zu beweisen. Es ging um Abgrenzung von den Alten, um Selbstentfaltung, Freiheit und Emanzipation. Hinzu kam: Ein florierender Arbeitsmarkt und vernünftige Wohnkosten machten ein frühes Alleinleben ohne grosse finanzielle Probleme möglich.

Die Generationen sind sich heute ähnlicher als früher
Ein weiterer Grund für den damaligen Trend zur Nestflucht lag wohl auch im Auseinanderklaffen der Erfahrungen und damit der Lebenseinstellungen von Eltern und Kindern. Die ältere Generation hatte noch den Krieg erlebt - die Kinder wurden in die Hochkonjunktur und die Konsumgesellschaft hineingeboren. Heute ist das anders: Das Umfeld der verschiedenen Generationen hat sich nicht mehr grundsätzlich verändert, so dass sich Eltern und junge Erwachsene heute sehr viel ähnlicher sind. Tatsache ist, dass sich die Zahl der 18- bis 34-Jährigen, die noch immer zu Hause wohnen, seit 1970 um 34 Prozent erhöht hat. Es ist keine Schande mehr, als junger Erwachsener oder als junge Erwachsene zu Hause bei den einst so verpönten Eltern zu wohnen.

Weil der Erziehungsstil der alten 68er eher antiautoritär war, gibt es in den heutigen Familien auch wenig, wogegen man sich auflehnen müsste. Und im Hotel Mama ist es erst noch bequem: Oft wohnen die Jungen zu Hause schöner, als sie es sich selber leisten könnten; gelegentlich macht die Mutter mindestens den Söhnen sogar noch die Wäsche. Wenn die jungen Erwachsenen ihrerseits einen Beitrag an die Familienausgaben leisten oder gewisse Aufgaben übernehmen, sind auch die Eltern zufrieden: Sie können die Nähe der erwachsenen Kinder und deren Freunde als Bereicherung erleben.

Historisch gesehen ist diese neue Entwicklung übrigens gar nicht erstaunlich. Soziologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass es vor 100 Jahren nicht ungewöhnlich war, bis über 30 daheim zu wohnen; Unverheiratete blieben in der Regel gar bis zum Tod der Eltern. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Blütezeit der Kleinfamilie, galt die Norm, dass die Jungen früh ausziehen. Zu diesem Zeitpunkt wurden Nesthocker als lebensuntüchtig verdächtigt und belächelt. Dieses Vorurteil verschwindet heute offensichtlich wieder.

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