Liebe Katharina,

Was heisst hier «Kinder»? Auch viele Erwachsene leiden unter Heimweh, sogar Soldaten. Vor mehreren hundert Jahren zum Beispiel verdingten sich junge Schweizer als Soldaten in der Armee des Königs von Frankreich. Beim Klang eines Alphorns, beim kleinsten Fitzelchen der Melodie eines Schweizer Hirtenliedes wurden sie krank vor Heimweh und flüchteten zurück in die Schweiz. Bis der König Alphörner und Schweizer Hirtenlieder im Militär verbot.

Seitdem sprach man in Fachkreisen nicht mehr von Heimweh, sondern nur noch von der «Schweizerkrankheit». Viel später, im 19. Jahrhundert, galten auch andere Völker als stark heimwehgefährdet, besonders Eskimos, Sibirier und Schotten. Wahrscheinlich hatten die Wissenschaftler, die sich damals mit dem Phänomen Heimweh beschäftigten, noch nie einen heimwehkranken Eskimo zu Gesicht bekommen. Sie hatten einfach die fixe Idee, dass das Heimweh nur richtige Naturburschen befällt. Das war damals die allgemeine Vorstellung.

Aber, liebe Katharina, du hast ja eine ganz andere Frage, die weniger mit heimwehkranken Eskimos zu tun hat. Du meinst nämlich ein ganz anderes Heimweh: diese Sehnsucht, die einen befällt, etwa wenn man allein in die Ferien geht - und all die Menschen, die man lieb hat, zu Hause bleiben. Gar nicht so einfach, deine Frage. Wir mussten den Kinder- und Jugendpsychologen Hans-Peter Schmidlin zu Rate ziehen.

Das Thema ist komplex. Entsprechend komplex war die Antwort von Herrn Schmidlin. Aber kurz und knapp zusammengefasst sagte er: Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht gut loslassen können. Die Kinder spüren diese Angst der Eltern und haben fast ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine Zeitlang von zu Hause weggehen. Und darum reagieren sie dann mit Heimweh.

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