Nach heutigem Wissensstand steht die sogenannte Händigkeit eines Kinds schon vor seiner Geburt fest. «Doch warum wir eine dominante Hand haben und nicht einfach beidhändig sind, ist ungeklärt», sagt Martin Meyer, Neuropsychologe an der Universität Zürich. «Man kann nur spekulieren, dass es schon immer so gewesen sein muss, dass eine Hand bevorzugt eingesetzt wurde. Wenn wir jedes Mal zuerst überlegen müssten, welche Hand wir gebrauchen sollen, wäre das sehr ineffizient.» Welche Hand die Haupthand ist, spielt aber keine Rolle.

Ein bisschen Statistik

  • Linkshänder rauchen häufiger als Rechtshänder.

  • Linkshänder heiraten seltener.

  • Für die Behauptung, Linkshänder seien intelligenter als Rechtshänder, gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis.

  • Allerdings gibt es unter Hochbegabten mehr Linkshänder als im Durchschnitt.

  • Andererseits haben auch viele Linkshänder Lernschwierigkeiten. Eine mögliche Erklärung: Sie müssen besonders viele Hürden in der Rechtshänder-Welt bewältigen.

  • Linkshändigkeit wird vererbt. Rechtshändige Eltern bekommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 9,5 Prozent ein linkshändiges Kind. Ist ein Elternteil linkshändig, beträgt die Wahrscheinlichkeit bereits 19,5 Prozent. Sind es beide, bekommen sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 26,1 Prozent ein linkshändiges Kind.

Den Rechtshändern gehört die Welt

Das Vorherrschen der Rechtshändigkeit hat vermutlich seine Gründe. Aber: «Niemand kennt sie», so Meyer. Theorien darüber kursieren viele. Das Phänomen wissenschaftlich zu ergründen sei heute jedoch kein grosses Thema mehr.

Jedenfalls unterscheiden sich die Gehirne von Linkshändern nicht fundamental von jenen der Rechtshänder. «Linkshändigkeit hat nichts mit Intelligenz oder motorischen Fähigkeiten zu tun», so Meyer. Es gibt aber Hinweise darauf, dass bei Linkshändern Teile der rechten Hirnhälfte stärker ausgeprägt sind, bei Rechtshändern ist es umgekehrt. Musikalische oder künstlerische Fähigkeiten sollen eher von der rechten Hälfte dominiert sein, logisches und mathematisches Denken findet dagegen wohl eher links statt.

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 «Linkshändigkeit hat nichts mit Intelligenz oder motorischen Fähigkeiten zu tun».

Martin Meyer, Neuropsychologe

Wenn Linkshänder oft als ungeschickt erscheinen, dann deshalb, weil sie in einer auf Rechtshänder ausgerichteten Welt aufwachsen: Das neue iPhone hat kaum mehr Empfang, wenn man es in der linken Hand hält. Die Computermaus liegt rechts von der Tastatur und ist für rechtshändige Benutzer eingestellt. Der Tisch wird oft gewohnheitsmässig für Rechtshänder gedeckt. Und auch in der Schule ist Linkshändigkeit nach wie vor ein Nachteil.

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Zwar wird Linkshändern heute erlaubt, mit der «falschen» Hand zu schreiben, «kaum jemand zeigt ihnen aber, wie sie es am besten tun können», sagt Johanna Barbara Sattler, Psychotherapeutin und Leiterin der ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder in München. Sattler kritisiert, dass Lehrpersonen in ihrer Ausbildung keine oder unzureichende Informationen vermittelt bekommen, wie sie Linkshänder am besten unterrichten. Als Folge wird im Klassenzimmer nicht darauf geachtet, dass ein linkshändiges Kind nicht rechts von einem Rechtshänder sitzen sollte, weil sich sonst die Ellbogen in die Quere kommen. Oder die Lehrperson erklärt, dass man für den richtigen Schreibabstand zwischen den Wörtern einen Finger dazwischenlegen sollte – was bei Linkshändern nicht funktioniert, da sie sonst mit den Armen übers Kreuz arbeiten müssten.

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Vom Dosenöffner bis zum Korkenzieher

Auch die meisten Lehrmittel sind auf rechtshändige Kinder ausgerichtet. Sie zeigen nur auf, nach welchem Schema diese die Buchstaben schreiben sollen. Oder es sind Fragen auf der linken Blattseite platziert, so dass Linkshänder diese beim schriftlichen Beantworten mit Hand und Arm verdecken. Immerhin sind spezielle Füllfederhalter und Scheren heute an den meisten Schulen vorhanden. «Doch auch Linkshänderspitzer, -lineale und -schreibunterlagen würden den Kindern das Leben erleichtern», so Sattler.

Neuropsychologe Martin Meyer schätzt die Zahl der Linkshänder auf 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ein. Johanna Barbara Sattler hält gar 20 bis 30 Prozent für realistisch. Da ist es erstaunlich, dass Linkshändigkeit in der Schule und im Alltag nicht selbstverständlicher ist. Schreibzeug, aber auch Haushaltsartikel wie Dosenöffner oder Korkenzieher für Linkshänder sind nicht in jedem grösseren Laden erhältlich. Offenbar passen die Linkshänder sich ständig an die Welt der Rechtshänder an und benutzen rechtshändige Werkzeuge so, dass diese für sie auch funktionieren. Das bestätigt Migros-Sprecherin Olivia Luginbühl: «Bis vor kurzem hatten wir auch eine Haushaltschere für Linkshänder im Sortiment. Mangels Nachfrage haben wir diese aus dem Sortiment genommen.»

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Dabei stellen Linkshänder gemäss Sattler oft erstaunt fest, wie bequem Geräte funktionieren, die auf sie zugeschnitten sind. Für den Neuropsychologen Meyer wäre das Ziel, dass man die Welt so gestaltet, dass Linkshänder problemlos durchkommen. «Das Klavier, das per Knopfdruck auf einen linkshändigen Spieler umstellt, ist die Richtung, in die es gehen sollte.»

Das Einmaleins für Eltern

  • Beim Zeichnen und Schreiben auf die richtige Stifthaltung achten, dies möglichst früh und spielerisch.

  • Das Schreibblatt schräg nach rechts unten neigen, rechte Hand am Blattrand.

  • Der Tischnachbar sollte rechts sitzen, die Pultschublade wenn möglich links sein.

  • Das Licht sollte von rechts auf die Unterlage gerichtet sein.

  • Auf jeden Fall anzuschaffen: Füllfederhalter und Schere für Linkshänder.

  • Schnürsenkel schnüren: immer auf die gleiche Art zeigen. Am besten setzen sich rechtshändige Eltern Ihrem Kind gegenüber. Es kann dann spiegelbildlich die Handgriffe nachmachen.

  • Computermaus umstellen oder Touchpads benutzen.

  • Geben Sie Ihrem linkshändigen Kind nie das Gefühl, dass links nicht normal sei. Gehen Sie ganz ungezwungen mit der Linkshändigkeit um.

  • Begrüssungsritual: Linkshänder geben oftmals die linke, für sie «normale» Hand. Lassen Sie es so gut sein.

  • Solange die Händigkeit nicht feststeht, sollte man dem Kind die Wahl lassen, also etwa das Besteck in die Mitte des Tellers legen.

Weitere Informationen für Linkshänder

Beratungsstellen und Shops:

  • Urs Fankhauser, Luzern
    Telefon 041 410 21 59

  • Brigitte Eichkorn, Basel
    Telefon 061 301 63 90
    www.linkerhand.ch

  • Zauberkiste, Wiebke Kaas, Überlingen
    Telefon +49 75 51 947 27 22

  • Johanna Barbara Sattler, München
    Telefon +49 89 26 86 14
    www.lefthander-consulting.org


Buchtipps

  • Johanna Barbara Sattler: «Das linkshändige Kind in der Grundschule»; Auer-Verlag, 2007, 144 Seiten, CHF 25.90

  • Johanna Barbara Sattler: «Linkshändige Kinder im Krippen- und Kindergartenalter. Eine illustrierte Praxishilfe für Eltern und Erzieherinnen»; Auer-Verlag, 2007, 156 Seiten, CHF 34.90

  • Sylvia Weber: «Linkshändige Kinder richtig för­dern»; Verlag Ernst Reinhardt, 2008, 128 Seiten, CHF 24.90

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