Wäre ich bloss nie Mutter geworden – mit einer Studie zu diesem Thema hat die israelische Soziologin Orna Donath, 40, eine heftige Debatte in diversen europäischen Ländern ausgelöst. Donath hat über fünf Jahre hinweg 23 israelische Frauen dazu befragt, wie sie ihre Mutterrolle wahrnehmen. Diese Frauen unterschiedlichsten Alters und verschiedener sozialer Schichten waren sich in einem einig: Es war ein Fehler, Kinder bekommen zu haben. Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood wurde in den Medien, aber auch in sozialen Medien (Facebook, Twitter) wochenlang emotional über das Thema diskutiert.

In diesen Tagen erscheint Orna Donaths Buch zur Studie «Wenn Mütter bereuen».

Beobachter: Kritiker werfen Ihnen vor, gegen Mutterschaft zu sein, gegen Frauen, die Mütter sein wollen, ja sogar gegen Kinder. Sind Sie das?
Orna Donath: Nein, das ist absoluter Blödsinn. Wenn eine Frau Mutter werden möchte, finde ich das wunderschön. Ich wehre mich lediglich gegen die gesellschaftliche Haltung, die Frausein zwangsläufig mit Muttersein gleichstellt. Nur weil wir dieselben Fortpflanzungsorgane haben, müssen wir doch nicht zwangsläufig dasselbe vom Leben wollen.

Beobachter: Sollte das nicht allen klar sein?
Donath: Sollte es, ist es aber nicht. Noch bevor ich eine Studie zu Frauen gemacht habe, die ihre Mutterschaft bereuen, befasste ich mich mit Frauen, die nicht Mutter werden wollten. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Mutterschaft noch immer als Hauptidentität einer Frau verstanden wird. Sie ist der Beweis dafür, dass man eine gute, funk­tionale Frau ist. Mutterschaft zu bereuen ist aber auch so etwas wie eine Glaubensfrage. Jene Leute, die nicht daran glauben, dass es so etwas wie Reue in Bezug auf das eigene Kind gibt, müssen Gründe finden, die Studie zu diskreditieren.

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Beobachter: Die geringe Anzahl befragter Mütter war ein Punkt an Ihrer Studie, der regelmässig kritisiert wurde.
Donath: Natürlich kann man den wissenschaftlichen Wert einer Studie hinterfragen, die auf Darstellungen von 23 Müttern basiert. Doch für mich ist nicht die Zahl entscheidend. Ich behaupte nicht, dass die meisten Frauen es bereuen, Mutter geworden zu sein. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass es viele sind. Aber es gibt diese Frauen. Und sie verdienen es, gehört zu werden.

Quelle: Daniel Tchetchik
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Beobachter: 
Die meisten Mütter erleben Momente, in denen sie ihre Lebensentscheidungen hinterfragen. Was unterscheidet sie von jenen Frauen, die Sie befragt haben?
Donath: Es geht nicht um Frauen, die sich zwischendurch über ihren hektischen Alltag beschweren oder gern mal ein Wochen­ende für sich allein hätten. Ich habe mit Müttern gesprochen, die mit einem klaren Nein geantwortet haben auf die Frage: «Wenn Sie heute, mit Ihrem heutigen Wissen und Ihren Erfahrungen, die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?» Es geht dabei nicht darum, dass sie ihre Kinder nicht lieben, sondern um den Druck, sie lieben zu müssen. Diese Frauen empfinden eine tiefe Reue und bezeichnen die Mutterschaft als Fehler.

Beobachter: Und doch haben manche Mütter in Ihrer Studie fünf Kinder. Ist das nicht ein Widerspruch?
Donath: Es war teils sogar noch extremer. Eine Frau war hochschwanger, als ich sie für das Interview besucht habe.

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Beobachter: Wie passt das zusammen?
Donath: Diese Frauen sind keine schlechten Mütter. Auch diese Mutter wollte ihrem Kind das bestmögliche Umfeld bieten. In Israel bedeutet das, dass man kein Einzelkind in die Welt stellt. Man will, dass ein Kind möglichst viele Geschwister bekommt, damit es nicht allein zurückbleibt, wenn die Eltern sterben. Also muss die Frau weitere Kinder kriegen.

Beobachter: Zeitgleich mit Ihrem Buch «Wenn Mütter bereuen» kommen Bücher anderer Autorinnen auf den Markt, die über ähnliche Erfahrungen sprechen. Sind Sie von der Reuewelle überrascht?
Donath: Es hat mich nicht überrascht, dass es mehr als diese 23 Frauen gibt, die so fühlen, nein. Was ich aber nicht erwartet hätte: dass sich auch im vermeintlich li­beralen und offenen Westeuropa so viele Frauen unter Druck gesetzt fühlen, Mutter zu werden. In Israel ist Kinderhaben ein nationaler Imperativ. Eine Frau hat durchschnittlich drei Kinder, während es in den OECD-Ländern 1,7 sind. Doch selbst hier werden Frauen von ihrem Bekanntenkreis, der Familie oder dem Partner direkt oder indirekt unter Druck gesetzt, sich fortzupflanzen.

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Quelle: Daniel Tchetchik


Beobachter: 
Es gibt doch aber mittlerweile genügend Gegenbeispiele: Frauen, die Karriere machen, statt Kinder grosszuziehen.
Donath: Das nervt mich genauso. Wenn eine Frau sagt, dass sie keine Kinder möchte, geht man automatisch davon aus, dass sie Karriere machen will. Entweder ist Frau also eine perfekte Mutter, oder sie strebt in den Augen der Gesellschaft eine männliche Rolle an – sprich eine Karriere. Weder in meiner Studie über Kinderlosigkeit noch in jener über bereuende Mütter war die berufliche Selbstverwirklichung ein gros­ses Thema. Die Gesellschaft vergisst, dass es noch ganz andere weibliche Identitäten gibt.

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Beobachter: Auf Sie trifft das Muster hingegen zu. Sie sind eine kinderlose Karrierefrau.
Donath: Die Leute schauen mich tatsächlich oft an und finden: «Sie hat zwar keine Kinder, aber immerhin einen Doktortitel.» Ich wünsche mir, dass Frauen eines Tages die Freiheit haben, nichts beweisen zu müssen, sondern einfach zu sein, wer sie sein wollen.

Beobachter: Verschiedene Leute unterstellten Ihnen, dass Sie mit dieser Studie Ihren eigenen Lebensentwurf legitimieren wollen.
Donath: Das hat mich sehr irritiert. Für mich war es einfach immer logisch, dass es Frauen gibt, die Mütter sein wollen, und solche, die das nicht möchten. Ich hatte nie das Gefühl, dass das ein Problem ist, das es zu lösen gilt. Selbst wenn ein Goldfisch käme…

Beobachter: Ein Goldfisch?
Donath: Ja, einer, der Wünsche erfüllt. Sagt man das in der Schweiz nicht?

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Beobachter: Wir sprechen von der guten Fee.
Donath: Selbst wenn eine gute Fee käme, würde ich bei meiner Entscheidung bleiben und keine Kinder bekommen wollen.

Beobachter: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Entscheidung akzeptiert wird?
Donath: Wenn eine Frau keine Kinder möchte, wird sie irgendwann zu hören bekommen, dass sie diesen Entscheid ganz bestimmt irgendwann bereuen wird. Diese Reue wird wie eine Waffe eingesetzt. Hinzu kommt, dass Frauen, die keine Kinder wollen, häufig wie Unmündige behandelt werden.

Beobachter: Inwiefern?
Donath: Man spricht ihnen die Fähigkeit zur Selbstreflexion ab. Die will keine Kinder, also ist sie noch nicht reif genug. Sobald ich sage, dass ich Kinder möchte, bin ich auf einen Schlag nicht nur reif genug, Entscheidungen für mich zu treffen, sondern auch dafür, die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.

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Beobachter: Das ist ziemlich vermessen.
Donath: Natürlich ist es das. Doch sobald sich eine Frau gegen die ureigenste Rolle stellt, darf sie jeder kritisieren und so tun, als wüsste er oder sie besser, was für einen gut ist. Die Wahrheit ist doch: Es gibt Frauen, die kinderlos bleiben und glücklich sind, und solche, die es bereuen. So wie es Mütter gibt, die in dieser Rolle ihre Erfüllung finden, und andere, die diesen Schritt lieber rückgängig machen würden.

Quelle: Daniel Tchetchik
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Beobachter: 
Woher kommt also diese ablehnende Haltung gegenüber dem Gefühl der Reue?
Donath: Das hat wohl damit zu tun, dass man davon ausgeht, dass jede Frau sich frei entscheiden kann, Mutter zu werden oder eben nicht. Wenn sie sich dann dazu entschieden hat, soll sie gefälligst aufhören rumzujammern und damit fertigwerden. Solche Reaktionen haben einige der interviewten Frauen gehört, wenn sie versucht haben, ihre Probleme zu artikulieren.

Beobachter: Sie stellen in Ihrem Buch die Frage, welche Folgen es hat, wenn das Bereuen der Mutterschaft zum Schweigen gebracht wird. Welche Folgen hat das?
Donath: Leid. Die Frauen leiden, weil sie ihre Sorgen mit niemandem teilen können. Ich versuche nicht, Reue zu glorifizieren. Mein Buch ist kein Weckruf, damit alle Frauen auf die Strassen gehen und sagen, sie bereuen es, Mutter geworden zu sein. Aber ich möchte, dass anerkannt wird, was bereits Realität ist – und dass Mutterschaft keine Rolle, sondern eine Beziehung zwischen zwei Individuen ist. Sobald man das versteht, wird auch klar, dass diese Beziehung jede Art mensch­licher Emotionen einschliessen kann – auch Reue.

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