Jonas ist im Tanzkurs. Am liebsten tanzt der 14-Jährige Jive: Rück, Platz, Wechselschritt – Rück, Platz, Wechselschritt. Und die Mama wartet draussen auf ihn, hinter dem grossen Wohnblock auf der anderen Seite der Strasse. Denn wehe, die anderen könnten erfahren, dass sie ihn abholt – das wäre ihm oberpeinlich.

Immerhin: Zu Hause zu zweit die Tanzschritte einüben, dafür ist ihm die Mama gut genug.

Jugendliche suchen ihren Lebensentwurf

Helen war gerade noch Papas Liebling, anhänglich und ausgeglichen. Plötzlich aber will die 13-Jährige nur noch shoppen, telefonieren und chillen – ohne Papa, versteht sich. Der Vater darf zwar weiter für sie aufkommen. Aber wehe, er erzählt der Nachbarin in ihrem Beisein, sie habe zwar in Mathe eine Fünf, aber ihr Zimmer sehe aus wie nach einem Erdbeben. Das findet sie voll fies und peinlich. Sie droht dem Vater, nie mehr mit ihm irgendwohin zu gehen.

Das Miteinander mit den Sprösslingen kann sich schlagartig ändern, wenn die Pubertät einsetzt. Die Eltern sind nicht mehr nur Vorbilder, sondern entwickeln sich mehr und mehr zu Gegenspielern. Das macht Sinn, denn Jugendliche begeben sich tastend auf die Suche nach ihrem Lebensentwurf. Dazu müssen sie sich erst einmal von den Eltern abgrenzen. Also beurteilen sie deren Verhalten als peinlich. Eltern sollen zwar bitte nicht von gestern sein, aber sich möglichst auch nicht benehmen wie die Jugend von heute.

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Das mit der Peinlichkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Manche Mutter und mancher Vater genieren sich dafür, wie sich ihre Kinder aufführen. Und den Pubertierenden gehen die Eltern «auf den Sack».

Aber leider ist die damit verbundene Konfrontation nicht so einfach zu entschärfen, weil die Jungs und Mädchen häufig selber nicht wissen, was sie wollen, was richtig oder falsch ist. Sie sind weder Fisch noch Vogel, sie sind keine Kinder mehr, aber erwachsen sind sie auch noch nicht. Also projizieren sie ihre Unsicherheit, ihre Unzufriedenheit und ihre Frustrationen auf die Eltern, schieben ihnen die ganze Schuld in die Schuhe.

Dass Kinder sich für ihre Eltern genieren, wurzelt auf der sogenannten Fremd­scham: Man fühlt sich selbst blossgestellt durch die gefühlte Peinlichkeit des Auf­tretens der anderen. Man schämt sich für ihr Aussehen oder Verhalten – besonders bei nahestehenden Menschen wie eben ­Eltern, aber auch bei Freunden und Verwandten. So befürchten Jugendliche, dass fremde Menschen sie mit den Eltern vergleichen – das fühlt sich scheusslich an.

Peinlich empfinden Kinder ihre Eltern immer dann, wenn sie sich selber bedrängt fühlen. Das ist der Fall, wenn Eltern unangekündigt ins Zimmer kommen oder die Party mit Freunden stören oder eben in der Öffentlichkeit in ihrem Beisein über sie reden. Natürlich fällt es Eltern nicht leicht, gewohnte Verhaltensweisen zu verändern und nicht mehr immer von den Kindern miteinbezogen zu werden. Es ist aber wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln, was die Kinder nervt. Und vor allem gelassen zu reagieren.

Manches muss man einfach aushalten

Zugegeben, manchmal ärgert es Heranwachsende nur schon, wie man sie anguckt. Das kann man nicht ändern, das müssen sie aushalten. Für andere Peinlichkeiten aber könnten Eltern mit den Jugend­lichen eine Zeichensprache vereinbaren, sei es ein Räuspern, ein kleiner Knuff oder ein bestimmtes Wort.

Selbstverständlich kann auch das auf Gegenseitigkeit beruhen. Effekt der ganzen Übung: Beide Seiten werden sensibler für die Befindlichkeiten der anderen. Und vielleicht gelingt es auch, über diese Wahrnehmungen ins Gespräch zu kommen.

Was Pubertierende an ihren Eltern am meisten stört

  • Befehlt nicht, wann wir ins Bett gehen sollen, wenn Freunde zu Besuch sind.

  • Erzählt nicht immer Witze, die wir schon kennen.

  • Fragt nicht, wie mein Freund bei der letzten Prüfung abgeschnitten hat, wohin er in die Ferien fährt oder welche Musik er bevorzugt. Am besten fragt ihr gar nichts.

  • Schreibt mir nicht vor, was ich anziehen soll, schon gar nicht vor Freunden.

  • Wenn wir zusammen shoppen, sprecht nicht mit der Verkäuferin über meine Figur oder was mir steht.

  • Fummelt nicht vor anderen an mir herum, zum Beispiel an meinen Haaren oder an meinem Hemd, das ich in den Hosen tragen soll.

  • Sprecht mich nicht mit dem Spitznamen an und benutzt euren eigenen auch nicht, schon gar nicht in Gesellschaft.

  • Tragt mir nichts in die Schule nach, das ich zu Hause vergessen habe.

  • Singt nicht laut mit, wenn das Radio Oldies spielt.

  • Kleidet euch nicht genau so wie wir.

  • Verzichtet auf sportliche Wettkämpfe mit uns, wenn ihr am Ziel fast ein Sauerstoffzelt benötigt.

  • Verkneift es euch, unsere Freunde sein zu wollen. Die suchen wir uns schon selber aus.

  • Erzählt nicht dauernd, wie gut ihr in der Schule wart.

  • Fragt im Restaurant nie wieder, ob ich den Kinderteller möchte.

  • Fasst mich nicht an der Hand, wenn wir über die Strasse gehen.

  • Gebt mir in der Öffentlichkeit keinen Begrüssungskuss.

  • Lästert nicht herum, wenn ich meine Lieblingsserien im Fernsehen gucke.