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Rollenbilder: Ein behindertes Kind wirft viele Väter aus der Bahn

Väter behinderter Kinder habens doppelt schwer: Sie sind oft kräftemässig überfordert und zudem in ihrer Rolle verunsichert.

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Väter scheinen mit der Diagnose «behindertes Kind» häufig viel schneller klarzukommen als ihre Partnerinnen. Während die Mütter vor lauter Sorgen über die Zukunft ihres Kindes oft an die Grenze der Belastbarkeit stossen, behalten die Väter fast immer die Nerven und kehren schon bald wieder zum Alltag zurück. Nur: Der Eindruck täuscht.

«Väter behinderter Kinder haben es bei weitem schwerer, als gemeinhin angenommen wird», weiss der deutsche Psychologe Dieter F. Hinze, der sich in einer Untersuchung mit dem Thema auseinander gesetzt hat. «Väter leiden mehr, als es ihre Sachlichkeit vermuten liesse», so Hinze. «Und sie sind hilfsbedürftiger, als sie sich eingestehen.»

Widerspruch zum Ideal der Stärke
Gemäss Hinze trifft die Behinderung ihres Kindes Väter emotional genauso hart wie Mütter. Mit dem wichtigen Unterschied jedoch, dass die Männer den Schicksalsschlag schlechter verarbeiten. Durch ihre traditionelle Rolle des Brötchenverdieners und die damit verbundene räumliche Distanz und berufliche Ablenkung haben sie mehr Gelegenheit, anderswo aufzutanken. Aber auch mehr Möglichkeiten, der Auseinandersetzung zu entfliehen.

Diese Flucht ist umso tragischer, als «das starke Geschlecht besonders stark von diesem Schicksalsschlag getroffen wird», wie Andreas Borter, Erwachsenenbildner und selber Vater eines behinderten Sohns, sagt. Als Männer seien sie in der Vergangenheit in erster Linie auf Erfolg und Leistung gedrillt worden. «Zum Ideal der Stärke passen Grenzen und Behinderungen natürlich nicht, ja sind eigentlich sogar eine Schande.» Ein Kind gezeugt zu haben, das so gar nicht in die eigenen Wertmassstäbe passe, ein solches Kind verunsichere deshalb den Vater zutiefst in seinem Selbstwertgefühl. Und dieses werde weiter gemindert durch die Tatsache, dass man sich rein kräftemässig überfordert fühle.

Die Scheidungsrate von Paaren mit einem behinderten Kind ist klar höher als bei anderen. «Eine Krise, die die Partner unter normalen Umständen überwunden hätten, lässt eine ‹behinderte› Familie auseinander brechen, weil sich in ihr alle Konflikte in extremer Schärfe stellen», schreibt Barbara Beuys im Buch «Eltern behinderter Kinder lernen neu leben» (vergriffen).

Der einzige Ausweg wäre gemäss Andreas Borter, aus dem Rollenmuster auszubrechen. Gerade dies ist aber bei Eltern behinderter Eltern eher selten der Fall. Borter ist sich bewusst, «dass es schwierig ist, in einer Notsituation auch noch Energie aufzuwenden für Experimente». Er glaubt aber, dass der Schritt notwendig ist, «weil die traditionelle Rollenverteilung gerade für Paare mit einem behinderten Kind absolut ungesund ist».

In der traditionellen Familie kommt der Vater nicht dazu, die Behinderung seines Kindes auch emotional zu verarbeiten. Das Problem schwelt deshalb in seinem Unterbewusstsein und raubt ihm so langfristig viel Energie und Lebensfreude. Die Mutter anderseits fühlt sich überfordert und mit der Betreuung allein gelassen.

Aber nicht nur für die Eltern, sondern auch für das behinderte Kind wäre gemäss Borter eine Aufteilung der Betreuungsrolle von Vorteil: «Frauen können in familiären Belangen eh schon schlecht loslassen, und bei einem behinderten Kind fällt ihnen das noch viel schwerer.» Dies von Anfang an zu lernen sei deshalb «eine grosse Chance für ein besseres Gelingen der später notwendigen Ablösung».

Für Borter war damals klar, dass er seine Frau nicht allein lassen durfte mit der Betreuung des geistig schwer behinderten Sohns. Er gab deshalb sein Amt als Gemeindepfarrer auf und nahm eine Teilzeitstelle in der Erwachsenenbildung an. Die optimale Lösung für alle Beteiligten, für den modernen Mann eine Selbstverständlichkeit – dachte Borter wenigstens. Und war selber am meisten erstaunt, in welches Loch er kurz darauf fiel: «Ich hatte eine richtige Identitätskrise. Ich fragte mich, wozu ich so lange studiert hatte, wenn ich nun einfach daheim herumsass. Mit einem Kind, aus dem eh nie etwas ‹Richtiges› werden konnte. Ich fühlte mich immer unzufriedener und leerer.»

Identitätskrise als Chance
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Borter, dass es Probleme gab, die er mit einem anderen Mann besprechen musste. Seine Frau konnte nämlich überhaupt nicht verstehen, was in ihm vorging. «Wie sollte sie auch?», sagt Borter heute. «Frauen und Männer haben nun mal traditionell ganz andere Werthaltungen vermittelt bekommen.» Einer Mutter gelinge es deshalb eher, sich selber einen Sinn zu geben, wenn sie spüre, dass sie von einem Kind gebraucht werde. «Der Mann hingegen ist viel mehr auf den äusseren Erfolg fixiert. Das Gebrauchtwerden allein genügt ihm nicht als persönliche Anerkennung.»

Borter trat einer Selbsthilfegruppe für Hausmänner und Väter bei. Weil er selber erfuhr, wie wichtig eine Auseinandersetzung in diesem Bereich war, spezialisierte sich der Erwachsenenbildner nun auch beruflich immer mehr auf Familien- und Gleichstellungsthemen. Seit ein paar Jahren veranstaltet er auch spezielle Kurse für Väter behinderter Kinder.

Eines der Hauptziele dieser Kurse ist es, den Vätern bewusst zu machen, dass die Behinderung ihres Kindes nicht nur eine Bürde, sondern auch eine Chance ist – sowohl persönlich als auch beruflich. Borter: «Ich erlebe es immer wieder, dass Männer glauben, sich im Geschäft dafür entschuldigen zu müssen, dass sie wegen ihres behinderten Kindes weniger leistungsfähig sind. Dabei ist ihnen viel zu wenig bewusst, dass sie sich durch diese Aufgabe auch enorme soziale Kompetenzen angeeignet haben – und die werden im Berufsleben ja bekanntlich immer wichtiger.»

Wenn solche Gedanken besser im Bewusstsein der Väter verankert sind, dann getrauen sie sich im Geschäft auch eher, die dringend notwendigen Freiräume zu fordern. Eine Teilzeitstelle etwa. Oder eine Notfallklausel für all die Fälle, wo es ihnen nicht möglich ist, am Morgen pünktlich im Büro zu erscheinen, weil das Kind wieder mal einen Anfall hatte und man notfallmässig ins Spital fahren musste.

Eine Änderung der Vaterrolle aber ist nur möglich, wenn sich gleichzeitig auch das Umfeld ändert. «Die Mutter muss bereit sein, ihren elterlichen Alleinvertretungsanspruch aufzugeben», sagt Psychologe Dieter F. Hinze.

Last, but not least muss natürlich das betreuerische Umfeld bereit sein, von den tradierten Rollenbildern wegzukommen. Gemäss Stefan Hugentobler, Lehrer für geistig Behinderte, fühlen sich nämlich sehr viele Väter von Therapeuten, Ärztinnen und Lehrern nicht ernst genommen: «Die meisten Fachleute gehen offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass die Kinderbetreuung und die Schulkontakte zu den Aufgaben der Mutter gehören.»

Veröffentlicht am 18. Dezember 2001