Susan ist eine ganz gewöhnliche Schülerin, 16 Jahre alt, niemandem fällt sie auf. Doch Susan leidet Höllenqualen, jeden Tag. «In der Schule rede ich kaum ein Wort – aus Angst vor der Reaktion der anderen», vertraut sie online einem «Kummer­kasten»-Portal an. «Ich bin so verkrampft, dass mir einfach nicht einfällt, was ich sagen könnte. So sitze ich die ganze Pause nur in meiner Ecke und trau mich nicht mal, mich von meinem Platz zu erheben.»

Susan ist schüchtern. Empfindet jede Begegnung mit anderen Menschen als Prüfung, als Erlebnis voller Stress und Versagensängste. «Muss ich einen Vortrag halten, weiss ich kaum, wie ich mich ausdrücken soll, und meine Stimme fängt zu zittern an», schreibt Susan weiter. «Ich mag es nicht, wenn die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet ist.» Die Konsequenz: Susan zieht sich zurück, verstummt. Hört lieber zu, als dass sie selber spricht. «Im Unterricht melde ich mich kaum», schreibt sie. «Und wenn, dann nur bei kurzen Antworten.»

So wie Susan verhalten sich viele ­schüchterne Schülerinnen und Schüler – und können damit heftig unter die Räder geraten. «Schüchterne bringen oft schlechtere Noten nach Hause, obwohl sie meist intelligent sind», sagt Georg Stöckli, Titularprofessor am Pädagogischen Institut der Uni Zürich. Der Grund: «Sie sind schlechte Selbstdarsteller. Sie möchten sich zwar mündlich am Unterricht beteiligen, doch eine innere Stimme sagt ihnen: Bleib still, sag nichts. Du wirst dich nur blamieren.» Das sind schlechte Voraussetzungen, vor allem in sprachlichen Fächern – und weil viele Lehrer die mündliche Beteiligung am Unterricht als Kriterium benutzen, um Noten auf- oder abzurunden. Aber auch, weil scheue Kinder bei Lehrern und Mitschülern kaum Beachtung finden und häufig in der Rolle des Aussenseiters landen, dem niemand viel zutraut.

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Laut Stöckli, der das Phänomen seit über zehn Jahren erforscht, kann das fatal sein. «Schüchterne Kinder trauen sich ohnehin schon wenig zu», sagt er. «Daneben, dass sie ihre Leistungsmöglichkeiten selber untergraben, graben Lehrer und Mitschüler unbewusst häufig mit.»

Fast jedes fünfte Kind ist betroffen

Und das nicht nur in Einzelfällen. Gemäss Stöcklis Untersuchungen ist fast jedes fünfte Kind bei Schuleintritt überdurchschnittlich schüchtern. «Rund zehn Prozent aller Kinder im Primarschulalter bleiben gar über mehrere Jahre schüchtern», sagt er. In ihrem Innern spielen sich wahre Kämpfe ab. «Vergleicht man die Schule mit einem Theater, dann spielen scheue Kinder stets unbedeutende Nebenrollen», so Stöckli. «Sie träumen insgeheim von einer Hauptrolle, doch sie bleiben Gefangene ihrer Schüchternheit.» Davon bekommt ­niemand etwas mit. Schüchterne Kinder ecken nirgends an, sie erhalten deshalb nie so viel Aufmerksamkeit wie etwa die Störenfriede der Klasse. Zu Unrecht, findet Stöckli: «Statt sich mit Gewaltpräventionsprogrammen nur um aggressive Schüler zu kümmern, sollten die Schulen den Fokus verstärkt auch auf die Schüchternen legen.»

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Dass schüchterne Schüler in einer Klasse untergehen können, ist bei Lehrern ein bekanntes Phänomen, wehrt sich Anton Strittmatter, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. «Die meisten Lehrer bemühen sich, schüchterne Kinder nicht zu benachteiligen», sagt er. Allerdings stünden sie vor einem Dilemma: Eine Klasse bestehe aus etwa 20 verschiedenen Persönlichkeiten – manche seien vorlaut, andere kratzten sich bloss am Kopf, wenn sie etwas nicht verstünden. «Lehrer müssen häufig an vier oder fünf Stellen gleichzeitig intervenieren. Da sind Ungerechtigkeiten programmiert.»

Immerhin: Die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen zielt auch darauf ab, schüchternen Kindern gerecht zu werden. «Es gibt pädagogische Methoden, mit denen man das Selbstwertgefühl scheuer Kinder anheben kann», sagt Strittmatter. «Etwa mit Gruppenarbeiten. Viele Kinder legen in kleinen Gruppen ihre Schüchternheit ab.»

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Besonders aktives Angstzentrum im Gehirn

Wichtig sei auch, dass Lehrpersonen nicht dulden, wenn ein Kind ausgelacht und sein Selbstwertgefühl damit weiter angekratzt werde. Ob diese Methoden flächendeckend angewendet werden, sei schwierig festzustellen, sagt Strittmatter. «Wichtig ist eine gute Feedback-Kultur an den Schulen. Sie lässt die chronische Benachteiligung von Kindern rasch erkennen und beheben.»

Doch warum sind einzelne Kinder ­schüchtern, während andere Mumm haben für zehn? Eine gewisse Rolle spielen Erziehung und Sozialisation. Vieles deutet aber auch darauf hin, dass Schüchternheit genetisch bedingt ist. Die Hirnforschung zeigt, dass bei schüchternen Menschen jene Region des Gehirns besonders aktiv ist, in der Angst entsteht. Was dazu führen kann, dass sie überall Gefahren wittern – selbst dort, wo keine sind. «Das lässt sich schon bei ganz kleinen Kindern beobachten», erklärt Uni-Pädagoge Georg Stöckli. «Manche probieren ein neues Spielzeug sofort aus, andere halten ängstlich Abstand.»

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Schüchternheit prägt einen Menschen. Ein schüchternes Kind wendet sich Hobbys zu, bei denen es sich mit Objekten beschäftigen kann statt mit Menschen: Es bastelt oder zeichnet lieber, als mit Gleichaltrigen herumzutollen, treibt tendenziell auch ­weniger Sport. Zugleich entwickelt es eine gute Beobachtungsgabe. «Ein schüchternes Kind ist ständig damit beschäftigt, zu beobachten, wie es auf andere Menschen wirkt», sagt Stöckli. So wird es sensibel in sozialen Belangen, lernt Mechanismen in zwischenmenschlichen Beziehungen zu begreifen.

Bei den meisten schüchternen Menschen nimmt die Scheu mit der Zeit ab, doch zu Draufgängern entwickeln sich die wenigsten. «Erwachsene glauben oft, sie hätten ihre frühere Schüchternheit überwunden», sagt Georg Stöckli. «Dabei haben sie sich ihr Leben ganz einfach so ein­gerichtet, dass sie nicht mehr in kritische Situationen geraten.» Was nicht heisst, dass nicht auch scheue Menschen ein glück­liches Leben führen können – auch wenn unsere Gesellschaft in erster Linie jene Leute mit Anerkennung belohnt, die sich gut durchzusetzen wissen. «Die meisten scheuen Menschen finden ihren Platz», sagt Stöckli. «Manchmal dauert es bloss ein bisschen länger.» Schüchterne Männer etwa entscheiden sich weniger schnell für eine bestimmte berufliche Laufbahn als ihre draufgängerischeren Geschlechtsgenossen. Und: Sie heiraten später.

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China und Japan: Schüchternheit als Tugend

Schüchternheit ist je nach Kultur ­positiv oder negativ besetzt. Während in der westlichen Welt eher die auf­geweckten Kinder beliebt sind, sind es in traditionellen fernöstlichen Gesellschaften die schüchternen. «Westliche Mütter belohnen ihre Kinder, wenn sie Initiative ergreifen und sich durchsetzen», sagt Georg Stöckli vom Pädagogischen Institut der Uni Zürich. «In China oder Japan dagegen belohnen Mütter ihre Kinder, wenn sie scheu sind.» Während bei uns das Ideal des selbstbewussten Machers vorherrsche, gelte dort Zurückhaltung als Tugend. «Dies ist ein Merkmal von Gesellschaf­ten, die das Wohl der Gemeinschaft über jenes des Individuums stellen», sagt Stöckli. Allerdings näherten sich diese Gesellschaften zunehmend den westlichen Verhaltensnormen an.

Das hilft schüchternen Kindern

  • Rügen Sie das Kind nicht wegen der Schüchternheit. Besser ist es, Sätze wie «Das kann ich nicht» zu entkräften – indem Sie das Kind an vergangene ­Erfolge erinnern.

  • Üben Sie mit dem Kind kleine Dinge, die es selbständig tun kann – etwa selber eine Glace kaufen. Das stärkt das Selbstwertgefühl.

  • Loben Sie das Kind für gute Leistungen. Schüchterne Kinder brauchen Aufmerksamkeit und positives Feedback.

  • Schirmen Sie das Kind nicht vor anderen ab.
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