«De Töff vom Polizischt de hät es Loch im Pneu», schallt es aus 19 Kinderkehlen. Die Grundstufenschüler singen lauthals und machen grosse Gesten dazu. Mit diesem Lied hat Kurt Haefeli, Schulinstruktor der Stadtpolizei Zürich, die Rasselbande sofort in der Tasche. Und als er die Puppe Stoppli mit den orangefarbenen Haaren aus der Tasche holt, hängen ihm die Knirpse erst recht an den Lippen.

Kurt Haefeli ist einer der vielen im ganzen Land tätigen Schulinstruktoren, die Kinder auf die Gefahren im Strassenverkehr aufmerksam machen und ihnen zeigen, wie sie sich richtig verhalten sollen. «Warte, luege, lose, laufe» ist auch heute noch der wichtigste Spruch. Mit Puppenspiel und Theorie im Schulzimmer ist es aber nicht getan, praktisches Training ist wichtig. So verlassen die Kinder das Schulhaus Kornhaus und gehen auf die Strasse, um zu zweit oder allein zu üben.

«Es geht vor allem darum, dass die Kinder selbständig und sicherer werden», sagt Haefeli. «Leider behüten viele Eltern ihre Kinder zu sehr und fahren sie täglich mit dem Auto zur Schule. Und ganz schwierig ist es, wenn Eltern das Gegenteil von dem machen, was die Kinder bei mir lernen», sagt der Polizist. Damit würden Eltern unglaubwürdig. Wer häufig bei Rot die Strasse überquere, könne von seinen Kindern nicht erwarten, dass diese stehen bleiben. «Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen», sagt der Instruktor. Und auch sonst können die Erwachsenen vieles dazu beitragen, dass ihre Sprösslinge begreifen, worauf es beim Überqueren der Strasse ankommt.

Um sich im Strassendschungel zurechtzufinden, brauchen Kinder jedoch reife Sinne. Die Sinnesfunktionen sind erst bei Sieben- bis Neunjährigen vollständig ausgebildet, erst dann sind sie eigentlich bereit für den Strassenverkehr.

Bei Jüngeren stehen Gefühle und Vorstellungen im Vordergrund, eine nüchterne Wahrnehmung ist ihnen nicht möglich. Gefahren können sie in dem Alter grösstenteils noch nicht bewusst einschätzen. Ausserdem fällt es ihnen schwer, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Sie lassen sich leicht ablenken, können Distanzen nicht abschätzen und auch das Tempo eines heranbrausenden Autos nicht klar erkennen, so Haefeli. Die deutsche Verkehrspsychologin Susann Richter ergänzt: «Kinder können sich auch nicht in andere Verkehrsteilnehmer hineinversetzen. Wenn sie das Auto sehen, nehmen sie an, dass der Fahrer sie auch sieht.»

Auf der belebten Hauptstrasse im Zürcher Kreis 5 halten die Autos am Fussgängerstreifen zwar an, wenn die Schulkinder auftauchen, die meisten aber eben nicht ganz. Die Räder rollen ein wenig vorwärts. «Für Kinder ist das fatal», betont der Verkehrspolizist, «sie wissen nicht, hält das Auto an oder nicht.» Deshalb sei es wichtig, dass die Autofahrer ihr Fahrzeug vor Fussgängerstreifen richtig stoppen.

Auch auf kleinen Strassen lauert Gefahr

Kurt Haefeli hat an diesem Morgen allen Grund, seine Schützlinge zu loben: Alle Kinder überqueren die grosse Strasse mit Bravour. Aber wie sieht es in Quartier- und Nebenstrassen aus? Auch dort sind Kinder vielen Gefahren ausgesetzt. Nicht zuletzt, weil sie diese gerne als Spielflächen nutzen. Beim Spielen aber sind sie abgelenkt und nehmen Verkehrsgeräusche und andere Einflüsse weniger wahr. Weil der Verkehr überall immer dichter wird, sind Kinder auch abseits der grossen Verkehrsströme zunehmend gefordert – und gefährdet.

Dagegen hat sich in den letzten Jahren Widerstand formiert. Das Netzwerk Kind und Verkehr der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt» etwa hat sich zum Ziel gesetzt, verlorengegangene Lebens- und Freiräume für die Kinder zurückzugewinnen. «Es findet in der Verkehrssicherheitspolitik der letzten Jahrzehnte eine Politik der Verdrängung statt», sagt der Leiter der Dokumentationsstelle, Marco Hüttenmoser.

Mit Tempo-30-Zonen, Begegnungszonen und vielen Fussgängerstreifen wurde in den letzten Jahren zwar einiges erreicht. Doch es ist längst nicht so weit, dass man sich auf den Lorbeeren ausruhen könnte. Kinder bewegen sich umso sicherer im Strassenverkehr, je geübter sie in ihren motorischen Bewegungsabläufen sind. Und diese können sie nur trainieren, wenn ihnen auch der dafür nötige sichere Raum zur Verfügung gestellt wird.

Nach dem Ausflug in den Verkehrsdschungel sitzen alle wieder zusammen im Klassenzimmer im Kreis, Haefeli schnappt sich die Gitarre der Lehrerin und trägt mit sonorer Stimme das Lied «D Nase» von Mani Matter vor. Auf die Frage des Schulinstruktors, was denn am Ende dieses Lieds passiert sei, antwortet ein Mädchen, der Mann sei unters Auto gekommen, weil er vergessen habe zu schauen. Genau. Der Polizist sagt den Kleinen, er hoffe, dass sie nie vergessen werden zu schauen, bevor sie eine Strasse überqueren.

Tipps: Verkehrssicherheit trainieren

  • Beginnen Sie früh mit der Verkehrs­erziehung und begleiten Sie die Kinder beobachtend.

  • Verhalten Sie sich vorbildlich, auch wenn die Zeit drängt: vor dem Rand­stein stehen bleiben, die Sichtlinie suchen, nach links und rechts schauen und dann zügig die Strasse überqueren, während Sie den Verkehr im Auge behalten.

  • Erklären Sie Ihrem Kind die jeweilige ­Situation mit einfachen Worten und lassen Sie es das Gesagte wiederholen.

  • Beachten Sie die Reihenfolge: vorzeigen – gemeinsam machen – allein machen lassen – beobachten und loben.

  • Lassen Sie das Kind beim Überqueren der Strasse die Führungsrolle über­nehmen.

  • Weisen Sie Ihr Kind auf besondere Gefahren hin.

  • Begeben Sie sich beim Üben auf die ­Augenhöhe Ihres Kindes. Kinder sehen nicht über die Autos oder andere Hindernisse am Strassenrand.

  • Bringen Sie Ihrem Kind bei, dass es bei unübersichtlichen Abschnitten besser ein paar Schritte weiter geht und sich ­eine gute Stelle sucht, um die Strasse zu überqueren.

  • Kleiden Sie Ihr Kind in helle, leuchtende Farben; viele Kleidungsstücke sind bereits mit lichtreflektierenden Materialien ausgerüstet.

  • Bedenken Sie: «Gefährliche Strassen» sind für Kinder oft weniger gefährlich als kleine Seitensträsschen. Sie sind sich hier der Gefahr bewusster. Deshalb auch bei scheinbar ungefährlichen Strässchen immer wieder üben.

  • Wählen Sie zusammen mit Ihrem Kind den sichersten Kindergarten- oder Schulweg, nicht den kürzesten. Gehen Sie diesen zusammen mit Ihrem Kind mehrmals ab.

  • Berechnen Sie für den Kindergarten- oder Schulweg genügend Zeit ein und schicken Sie Ihr Kind rechtzeitig los.

  • Bringen Sie Ihr Kind nicht mit dem Auto in den Kindergarten oder zur Schule. Nur wenn sie sich selbständig im Verkehr bewegen, gewinnen sie an Sicherheit.

  • Halten Sie als Autofahrer am Fussgänger­streifen immer ganz (bis zum Stopp) an, um Fussgänger passieren zu lassen.